Die verquere Aussagelogik der RKI-Zahlen RKI & CDC – Lagebericht statt Tischgebet

Ein Gastbeitrag von Dr. med. Friederike Kleinfeld

Das RKI [wertet] alle labordiagnostischen Nachweise von SARS-CoV-2 unabhängig vom Vorhandensein […] der klinischen Symptomatik als COVID-19-Fälle.“  So lautet die Erklärung zur Erhebung und Veröffentlichung von Fallzahlen vom RKI. Das bedeutet, dass in der gesamten Zahlenauswertung nur positive Testergebnisse gezählt werden, die keine Aussage darüber treffen, ob ein Mensch klinisch gesund oder krank ist. Das RKI unterscheidet in seinem Wochenbericht zwischen „symptomatischen“ Covid-Patienten, „symptomatischen hospitalisierten“ Covid-Patienten und „auf Intensivstation betreuten symptomatischen“ Covid-Patienten. Die Rubrik „asymptomatische Covid-Patienten“ ist nicht existent, und auf die Symptomatik von „symptomatischen“ Covid-Patienten wird nicht eingegangen. Bei wie vielen Menschen liegen Krankheitssymptome vor, welche sind es, und für wie lange liegen sie vor? Was haben die Fallzahlen und die Inzidenzwerte damit zu tun?

Um die Aussagekraft der vom RKI erhobenen Zahlen zu bewerten, zunächst ein Vergleich mit uns bekannten Keimen: Die Durchseuchung von Herpes Simplex, Varizellen oder dem Epstein-Barr-Virus in der Gesamtbevölkerung ist sehr hoch (z. B. Epstein-Barr-Virus > 90 Prozent). Da die Krankheitssymptomatik in der Gesamtheit keine Bedrohung für die Bevölkerung darstellt, interessieren Werte wie Inzidenz und Fallzahlen in Bezug auf diese Keime nicht. Wir tragen einen Teil dieser Keime ein Leben lang mit uns herum und können damit unbeschwert am Alltag teilnehmen; im Normalfall kommt diesen Keimen nur noch Bedeutung in einem reduzierten Allgemeinzustand wie etwa einem geschwächten Immunsystem zu.

Für Corona wäre es aufgrund der häufigen Mutationen wichtig, einen Verlauf der Krankheitssymptomatik bezogen auf die unterschiedlichen Mutationen zu erhalten. Damit wäre nachvollziehbar, was die ganzen Inzidenz- und Fallzahlen für die menschliche Gesundheit bedeuten, und wann sie, wenn Corona endemisch wird, belanglos werden.

Um die Virulenz der verschiedenen Corona-Mutationen zu bewerten, hat die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC in einer groß angelegten Studie die Corona-Variante Omikron (Zeitraum Dezember 2021 bis Januar 2022) mit Delta (August bis September 2021) und mit „Winter 2020/2021“ (Januar 2021) verglichen. Die Studie ist in 3 Altersgruppen unterteilt (0 bis 17 Jahre, 18 bis 50 Jahre, über 50 Jahre). Die Fallzahlen sind bei Omikron mehr als dreimal so hoch wie bei der Gruppe „Winter“ und mehr als viermal so hoch wie bei „Delta“. Die höchste Zunahme bezogen auf die Fallzahlen besteht in der Gruppe 0 bis 17 Jahre. Auch hier wird keine Krankheitssymptomatik angegeben.

Die Anzahl der Krankenhauseinweisungen ist unter Omikron in der Gruppe 0 bis 17 Jahre prozentual angestiegen, in den anderen beiden Gruppen prozentual zurückgegangen. Die Belegung von Intensivbetten ist trotz deutlich höherer Fallzahlen bei Omikron sowohl prozentual als auch absolut gesunken. Sogar die absoluten Todeszahlen sind unter Omikron gesunken.

Insgesamt lässt sich aus dieser Studie schlussfolgern, dass Omikron zwar deutlich höhere Fallzahlen und Inzidenzwerte bringt als zuvor bei „Delta“ und „Winter“; da aber die Intensivbelegung sowie die Todeszahlen prozentual und absolut bei höheren Fallzahlen unter Omikron sinken, liegt die Vermutung nahe, dass Omikron endemische Züge annimmt.

Die Datenerfassung des CDC bei Corona-Patienten ist ähnlich wie die des RKI. Auch hier werden Testergebnisse ohne klinischen Zusammenhang gezählt. Bei der Erfassung der Todeszahlen schlüsselt das CDC auf, welche anderen Krankheiten die Covid-Verstorbenen hatten: Knapp 10 Prozent seien in der Folge einer Sepsis verstorben, circa 30 Prozent hatten Bluthochdruck oder Diabetes als Begleiterkrankung, und fast 50 Prozent aller verstorbenen Corona-Patienten hatten laut CDC neben Corona pulmonale Erkrankungen, zusammengefasst als „Influenza & Pneumonie“. Trotz dieser zum Teil schwerwiegenden Nebenerkrankungen gibt das CDC Corona in mehr als 90 Prozent der Fälle als Haupttodesursache an. Bereits dieser Zusammenhang erscheint kurios.

Hinzu kommt, dass das CDC zur Dokumentation von Covid als Todesursache inzwischen eine eigene Leitlinie herausgegeben hat, in der die Durchführung eines Covid-Tests vor Dokumentation von Covid als Todesursache empfohlen wird, aber nicht als notwendig erachtet wird. Diese Vorgehensweise bietet eine mögliche Erklärung für die in den USA prozentual fast doppelt so hohen Covid-Todeszahlen im Vergleich zu Deutschland.

Das RKI hingegen behauptet nicht, Corona als sichere Todesursache angeben zu können; es wird der bekannte Ausdruck „mit und an Corona verstorben“ verwendet. Dennoch werden auch hier alle verstorbenen coronapositiven Patienten in einen Zahlentopf geworfen und die Zahlen im täglichen Lagebericht aufgeführt – um beim nächsten Mittagessen auf den aktuellen Stand gebracht wieder zitiert werden zu können.

david

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Dr. med. Friederike Kleinfeld arbeitet als Ärztin in der Anästhesie und Intensivmedizin, und hat 1,5 Jahre lang Covid-Patienten auf Intensivstation betreut. Ihre Doktorarbeit hat Frau Kleinfeld in der Mikrobiologie geschrieben. Hier schreibt sie unter Pseudonym.

Bild: MB.Photostock / Shutterstock
Text: Gast

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