Die Lufthansa Group steht für Weltoffenheit, Toleranz und die Verbindung von Menschen. Vielfalt prägt unsere Unternehmenskultur mit mehr als 100.000 Mitarbeitenden aus 162 Nationen weltweit.
So steht es auf der Seite des Konzerns. Und weiter heißt es da: „Alle Mitarbeitenden sollen das eigene Talent in einem vorurteilsfreien Arbeitsumfeld einbringen können, das frei von Benachteiligungen ist und in welchem persönlichen Grenzen respektiert werde“. Ebenso ist zu lesen: „Die Mitarbeitendeninitiative „#CourageUp“ setzt sich gegen Rassismus und Diskriminierung ein.“
Die Liste solcher Bekenntnisse ließe sich lange fortsetzen.
Blöd nur: In der Realität herrscht ein ganz anderer Geist.
Da tauschen sich Mitarbeiter – laut Lufthansa-Neusprech „Mitarbeitende“ – in Chatgruppen darüber aus, wie man genau das tun darf, was es laut Lufthansa gar nicht geben darf – diskriminieren. Und zwar nach politischer Meinung.
Das belegen Screenshots einer Mitarbeiter-Chat-Gruppe, die mir Angestellte des Konzerns zugespielt haben – die genauso entsetzt sind darüber wie ich.
Da schreibt ein Mitarbeiter:
„Angenommen ihr hätten auf Kurzstrecke einen Senator über den Wikipedia unter anderem folgendes schreibt: „Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft Äußerungen [des Gastes] als völkisch-nationalistissisch, islamfeinfeindlich, fremdenfeindlich und verfassungsfeindlich ein.“ Er vertritt ethnopluralistische Positionen und verkehrt in Kreisen der Neuen Rechten. Wie würdet ihr damit umgehen wenn all das absolut gegen eure persönlichen Prinzipien verstößt?“
Ganz offensichtlich handelt es sich um den AfD-Europaabgeordneten Maximilian Krah – klar identifizierbar anhand des zitierten Wikipedia-Eintrags.

In den Reaktionen gibt es Tipps, wie man solche Gäste am besten schneidet, also diskriminiert: „Ich gehe mal davon aus das du von einem bestimmten Politiker sprichst, der für seine Partei auch im Europäischen Parlament war, mit Anschuldigungen zu Spionage in seinen Büro, für den Kremel, hatte einen HON Status und jetzt nur SEN. Ganz ehrlich, selbst wenn es jemand anders ware, ich arbeite bei demjenigen meinen Professionellen Stiefel ab,keine Handbreit drüber. Beim Austeigen Grüße ich den davor und den danach, da fallt nicht auf das er nicht Austeift Grüße, oder bin kurz für eine Information im Cockpit. Ich hatte ihn nämlich auch schon an Bord, und andere seiner Kumpan*innen. Gendern mit Absicht, würde ihm gefallen, oder?“ (Rechtschreibfehler wie „Kremel“ und „Austeift“ sowie die Zeichensetzung sind original und werden hier bewusst beibehalten – ebenso bei den weiteren Chat-Zitaten.)
Ein Kollege fragt den Autor des ursprünglichen Posts, wie er in einem Notfall mit dem Fluggast mit der falschen Meinung umgehen würde. Die Antwort: Da wäre er natürlich alles für den bösen Rechten tun – „aber ein ,herzlich Willkommen an Bord´ oder ein ,schönen Tag‘ wird er von mir nicht erwarten können. Die so gerne zitiere Extrameile gehe ich für so jemanden nicht.“
Eine andere Kollegin schreibt: „Uff, schwierig. Auch in der Uniform steckt ein Mensch.. und man kann seine Grundsätze nicht immer ablegen oder hinten anstellen. Hatte die Situation tatsächlich schon, allerdings noch am Boden.. habe damals die Situation professionell kühl gelöst, ohne auf Extrawürstin einzugehen und meine Uniform als Schutzschild Gesehen. Ein blödes Kommentar allerdings und die Person hätte sein Problem selber lösen können (hat sich selber in eine dumme Lage gebracht) – und so würde ich es im Flugzeug auch handhaben und außer den notwendigsten Kontakt jede Interaktion vermeiden.man kann auch sehr unterkühlt professionell“ sein.
Mit anderen Worten – Mitarbeiter brüsten sich und fordern Kollegen, zumindest indirekt, ganz offen dazu auf, „rechte“ Fluggäste zu schneiden und damit auch zu diskriminieren – und geben sich Tipps, wie man das am besten macht.
Zur Ehrenrettung der Lufthansa-Belegschaft sei hinzugefügt, dass sich in den Chats, die mir vorliegen, mehrere Mitarbeiter gegen diese Diskriminierung aussprechen. Eine Mitarbeiterin schreibt: „Mir wäre es egal. Politik und diverse andere Themen gehören nicht in meinen Berufsalltag. Solange ein PAX sich an Bord nichts zu schulden kommen lässt, ist derjenige so wie jeder andere, der durch die Tür kommt.“

Wie politisiert und tief gespalten die Belegschaft insgesamt ist – in beide Richtungen –, zeigt ein weiterer Beitrag. Ein Crewmitglied schreibt: „Ich muss auch mit Pursern und Kapitänen sowie Kollegen (alle auch weiblich) zurechtkommen, die im Crewbus z. B. offen sagen, dass es undemokratisch ist, die AfD nicht regieren zu lassen, sondern Koalitionen dagegen zu bilden. Und ich muss damit klarkommen, dass ich der Einzige bin, der das kommentiert.“
Besonders makaber wirkt in diesem Zusammenhang ein weiterer Kommentar, der auf den Serienmörder Jack Unterweger anspielt: „Ich glaube ja langsam, dass einige Kolleg*innen sich bei Jack Unterweger ein Autogramm geholt hätten. Charmant soll er ja gewesen sein…“
Hier endet jeder Anspruch auf Professionalität. Wer politische Gegner gedanklich in die Nähe von Serienmördern rückt, hat die Uniform längst abgelegt – oder die falsche angezogen.
Seltsame Erlebnisse
So sehr wir inzwischen leider daran gewöhnt sind, dass Andersdenkende diskriminiert werden – ich finde, an solche Vorgänge darf man sich nicht gewöhnen. Versetzen Sie sich einmal für ein paar Sekunden in die Haut von Maximilan Krah, Alice Weidel, Tino Chrupalla und vielen anderen – was es für ihren Alltag bedeutet, wenn sie regelmäßig gezielt so behandelt werden, wie das etwa in diesem Chat vorgeschlagen wird. Und viel spricht dafür, dass der Chat nur die Spitze des Eisbergs ist. Wer einmal erlebt hat, wie er etwa bei der Ausgabe von Essen und Trinken gezielt ignoriert wird, wird mir beipflichten.
Man könnte nun entgegnen, dass es sich doch nur um eine geschlossene Chat-Gruppe auf Facebook handelt. Doch dieses Argument ist fadenscheinig. Erinnern wir uns daran, was alles mit Polizisten geschah, die sich in WhatsApp-Gruppen – also noch weitaus privater als eine Facebook-Gruppe – politisch unkorrekt äußerten, und welchen Aufschrei das in Medien und Politik hervorgerufen hat. Damals galt: Schon der bloße Verdacht reichte für öffentliche Skandalisierung und dienstrechtliche Konsequenzen. Hier hingegen, wo Mitarbeiter offen darüber sprechen, wie man Fluggäste aufgrund ihrer politischen Haltung schlechter behandelt, soll es plötzlich nur ‚private Meinung‘ sein?
Auf einmal kein Schweigen mehr
Nur der Form halber habe ich der Lufthansa eine Presseanfrage zu den Chats geschickt – ohne eine Antwort zu erwarten, da das Unternehmen seit Jahren sämtliche Presseanfragen bis hin zur Akkreditierungsanfrage für die Hauptversammlung von mir gezielt wie Luft behandelt (siehe meinen Artikel „Wir müssen draußen bleiben“ – Kritische Journalisten unerwünscht – Warum ich für Lufthansa und FC Augsburg auf einmal ein Aussätziger bin).
In diesem Fall war der Lufthansa offenbar die Sache zu heikel, um mich weiter zu ignorieren – und so kam binnen Stunden eine Antwort. Die allerdings klingt wie aus einer von der Rechtsabteilung abgesegneten Phrasendresch-Maschine und meine Fragen (unter anderem „Welche Maßnahmen zieht Lufthansa in Erwägung, um eine Gleichbehandlung von Fluggästen unabhängig von deren politischer Haltung oder journalistischer Tätigkeit sicherzustellen?) gar nicht beantwortet:
Sehr geehrter Herr Reitschuster,
Lufthansa behandelt alle Fluggäste gleich – unabhängig von politischer Überzeugung oder sonstigen persönlichen Merkmalen. Dieser Grundsatz gilt verbindlich für alle Mitarbeitenden.
Zu angeblicher interner Kommunikation, deren Herkunft, Kontext und Authentizität uns nicht bekannt sind und die uns nicht vorliegt, nehmen wir grundsätzlich keine Stellung.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Lamberty
Senior Manager Media Relations
Pressesprecher
Würde es der Lufthansa wirklich darum gehen, ihre Lippenbekenntnisse umzusetzen und Diskriminierung zu bekämpfen, hätte sie mich gebeten, ihr die Chats vorzulegen – und dann intern etwas unternommen. Stattdessen kommt eine Antwort, die übersetzt in Klartext so viel bedeutet wie: „Sie können uns mal!“ Dass die Lufthansa die Chats nicht einmal anfordert, zeigt, dass es ihnen nicht um Aufklärung geht, sondern um Schadensbegrenzung.
,Erschreckt mich´
Ich habe die Screenshot auch dem Betroffenen, Maximilian Krah, vorgelegt. Seine Reaktion: „Ich fliege schon aus beruflichen Gründen oft Lufthansa, das erste Mal Senator war ich 2007. Natürlich habe ich bemerkt, dass die Servicequalität volatiler wurde, seitdem ich politisch exponiert bin. Ich hielt das immer individuelle und spontane Reaktionen der jeweiligen Crew, was sich kaum vermeiden lässt. Dass aber in Mitarbeiter-Chatgruppen darüber diskutiert wird, wie man mich als Gast behandelt, erschreckt mich schon. Ich werde an den Lufthansa-Vorstand schreiben und um Erklärung bitten.“
Auch andere AfD-Politiker erklärten auf Nachfrage, dass sie an Bord zuweilen ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Krah und ich.
Ein alter Freund, gelernter DDR-Bürger, schrieb mir zu dem Chats: „Voll vor die Wand – auf solche Doktrin gegen BRD-Gäste wäre nicht mal die Interflug gekommen. Im Gegenteil, die wurden wegen D-Mark und Dollar besser behandelt als die Zonis.“
Rot-grüne Leser werden nun einwenden, es handle sich nicht um Diskriminierung im rechtlichen Sinne. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um Diskriminierung im Sinne des gesunden Menschenverstandes – also darum, dass Menschen aufgrund ihrer politischen Ansichten gezielt schlechter behandelt werden als andere.
Und das hat insofern System, als die Lufthansa selbst ständig alles politisiert – mit Regenbogenflaggen auf dem Vorfeld, einer eigens lackierten „Lovehansa“-Maschine, Sponsoring von Christopher-Street-Day-Paraden und ihrer Unterschrift unter eine „Charta der Vielfalt“. Ein Konzern, der sich selbst so bereitwillig zum politischen Akteur macht, darf sich nicht wundern, wenn seine Mitarbeiter diese massive Schlagseite übernehmen – und teilweise sogar noch weiterdrehen. Ihre Toleranz endet exakt dort, wo es unbequem wird. Solche Chats sind deshalb kein Ausrutscher, sondern die logische Folge.
Und was wir hier erleben, ist etwas sehr Typisches: Diejenigen, die sich am lautesten zu Toleranz und Vielfalt bekennen, leben im Stillen besonders dreist das genaue Gegenteil.
Solche Exklusiv-Geschichten über Missstände, die weh tun, werden Sie in den großen Medien nicht lesen. Schon gar nicht über Lufthansa, die für viele von ihnen ein wichtiger Werbekunde und damit auch Geldbringer ist. Umso dankbar bin ich Ihnen für Ihre Unterstützung – hier steht, wie es geht. Mit jedem Euro setzen Sie ein Zeichen gegen solche Zustände.
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Bild: Symbolbild/KI/Gemini / privat
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