Facebook: „Bundestagswahl als Alarmsignal“ Manipulative Macht der Algorithmen

Von Christian Euler

Facebook könnte mehr zum Ausgang der anstehenden Bundestagswahl beitragen als bislang angenommen. Bedenkliche Inhalte lassen sich ohne Probleme gezielt an die unterschiedlichsten Nutzergruppen ausspielen. Dies ist das Ergebnis eines Tests, den Reset.tech der „Welt am Sonntag“ zur Verfügung stellte. Die Nichtregierungsorganisation hat sich zum Ziel gesetzt, „die kritische Verbindung zwischen Medien und Demokratie wiederherzustellen, um ein Gemeinwesen zu erhalten, das besser informiert und weniger gespalten ist“.

Reset.tech entwickelte eine Reihe von Fake-Werbeanzeigen und lud sie bei Facebook hoch. Ein Beispiel ist die Abbildung eines orthodoxen Juden, daneben die Botschaft: „Der Ursprung allen Übels! Komm zu uns, um endlich nachhaltig etwas zu ändern.“ Entgegen seiner gebetsmühlenartig gegebenen Versprechen, entschlossen gegen Desinformation und Hass vorzugehen, schaltete der Zuckerberg-Konzern diese und andere Testanzeigen anstandslos frei.

Mit gezielten Fehlinformationen Parteien in Verruf bringen

Eine andere Testanzeige warb für eine sogenannte Konversionstherapie, eine hierzulande für Minderjährige verbotene Behandlungsform, die angeblich Homosexualität heilen soll. Das Netzwerk mit seinen 1,9 Milliarden täglich aktiven Nutzern ließ diese Anzeige zu, obwohl derartige Therapien nicht beworben werden dürfen. Zudem ermöglichte es der Social Media-Gigant, die Anzeige gezielt an Minderjährige zu adressieren, die sich für Homosexualität interessieren. Reset.tech unterbrach den Versuch, bevor die Posts tatsächlich angezeigt wurden.

Auf die gleiche Weise können auch Wähler mit Fehlinformationen erreicht werden, um Parteien in Verruf zu bringen. Facebook hat offensichtlich keine Konsequenzen aus dem Skandal um Cambridge Analytica gezogen. Die britische Softwarefirma hatte für den US-Wahlkampf von 2016 Daten von 87 Millionen Nutzern ausgewertet, um herauszufinden, welche Nutzer besonders empfänglich für prorepublikanische Meinungsmache sein könnten.

Möglich war dies nicht zuletzt dadurch, dass der Datenriese eigens eine Schnittstelle eingerichtet hatte, um Dritten die Auswertung dieser Informationen zu erlauben. Facebook hat die Welt zu einem schlechteren Ort gemacht, urteilt die Journalistin Carole Cadwalladr, die den Skandal aufdeckte.

Erst der Profit, dann die Würde des Menschen

Die kompromittierenden Experimente von Reset.tech kommentierte Facebook mit dürren Worten: „Wenn Anzeigen initial freigegeben werden, heißt das nicht, dass unsere Systeme sie nicht im Verlauf gestoppt hätten.“

Felix Kartte, Deutschlandchef von Reset.tech, vermag dies kaum zu überzeugen: „Von selbst wird Facebook keine Maßnahmen ergreifen, die den Konzern in seinem Profitstreben einschränken – selbst dann nicht, wenn es um die Würde und Sicherheit von Menschen geht.“

Auch der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar ahnt nichts Gutes: „Wenn das Verfahren zur Autorisierung von Wahlwerbung so leicht umgangen werden kann, muss dies vor der anstehenden Bundestagswahl als Alarmsignal gewertet werden“, zitiert ihn die „Welt am Sonntag“.

Geld frisst Moral. So lässt sich die Motivation von Facebook wohl am besten auf den Punkt bringen. 98 Prozent des Umsatzes werden mit Werbung erwirtschaftet, im vergangenen Jahr vereinnahmte das Zuckerberg-Team damit mehr als 84 Milliarden Dollar.

Zwar kommen manche Studien (hier ein Beispiel) zu dem Schluss, dass Falschnachrichten auf Facebook von vielen Menschen gesehen wurden, aber trotzdem nur einen kleinen Teil des Nachrichtenkonsums vor der US-Präsidentschaftswahl 2016 ausgemacht hatten.

Missbrauch der Plattform, um eigene Bürger in die Irre zu führen

Dem widerspricht jedoch ein im vergangenen September von BuzzFeed News veröffentlichtes Memo der kurz zuvor entlassenen Facebook-Mitarbeiterin Sophie Zhang. Danach reagierte das soziale Netzwerk nur langsam auf Beweise (oder ignorierte sie ganz), dass gefälschte Konten auf seiner Plattform Wahlen und politische Ereignisse auf der ganzen Welt untergraben haben.

„In den drei Jahren, die ich bei Facebook tätig war, habe ich mehrere eklatante Versuche ausländischer Regierungen festgestellt, unsere Plattform in großem Stil zu missbrauchen, um ihre eigenen Bürger in die Irre zu führen”, schrieb die Datenwissenschaftlerin. Sie sei persönlich gegen so viele prominente Politiker auf der ganzen Welt vorgegangen, dass sie sie gar nicht mehr zählen könne. „Ich weiß, dass ich Blut an meinen Händen habe.“

Persönliche Daten gelten als politische Währung. Das Zauberwort lautet Microtargeting. Dahinter stehen Praktiken, bei denen kleine Gruppen auf Basis von Datenanalysen mit fein abgestimmter Kommunikation politisch beeinflusst werden sollen. Dabei werden auf Grundlage von Datenanalysen möglichst genau definierte Zielgruppen festgelegt, die im zweiten Schritt maßgeschneiderte Werbe- und Image-Botschaften bekommen, die zu ihren persönlichen Umständen passen.

Microtargeting bei deutschen Parteien besonders beliebt

Microtargeting bietet auf diese Weise die Möglichkeit, mit einer entsprechenden Kommunikation das Verhalten und die Einstellung dieser Gruppen zu beeinflussen. Besonders tückisch: Während traditionelle Werbemittel für jeden augenfällig sind, entzieht sich die gezielte Onlinewerbung dem öffentlichen Diskurs.

Einhalt gebieten können dieser Möglichkeit der Massen-Manipulation nur gesetzliche Restriktionen. Doch damit ist gerade hierzulande kaum zu rechnen. Denn Microtargeting steht bei den politischen Parteien hoch im Kurs – abzulesen an Daten zur letzten Bundestagswahl, auf die sich die „Welt am Sonntag“ exklusiv beruft.

Danach hat die Organisation „Who Targets Me“, die den Einfluss von politischer Onlinewerbung untersucht, ermittelt, dass die CSU im Wahlkampf 2017 über Facebook Wahlwerbung an Freunde russischer Popmusik adressierte – und die Grünen an Liebhaber von Biokost und Jan Böhmermann.

Maßgeschneiderte Facebook-Werbung wird daher wie schon bei den beiden letzten US-Wahlen ein wichtiges Werkzeug für die politische Willensbildung bleiben – und vermutlich über unzählige Stimmen entscheiden.

 

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Dipl.-Volkswirt Christian Euler widmet sich seit 1998 intensiv dem Finanz- und Wirtschaftsjournalismus. Nach Stationen bei Börse Online in München und als Korrespondent beim „Focus“ in Frankfurt schreibt er seit 2006 als Investment Writer und freier Autor u.a. für die „Welt“-Gruppe, Cash und den Wiener Börsen-Kurier.
Bild: Gerd Altmann/Pixabay
Text: ce

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