Faktenchecker im Fadenkreuz Die selbsternannten Hüter der Wahrheit schaffen sich ihre eigene Wirklichkeit

Von Daniel Weinmann

Faktenchecker sind nicht erst seit Corona ganz groß in Mode. Schon 2015 hat sich das „International Fact-Checking Network“ mit seinem „Code of Principles“ gebildet, einem im September 2020 bestätigten Beirat und einer eigenen Angaben zufolge „verifizierten internationalen Liste von Faktencheck-Organisationen“.

Doch so einfach ist es nicht mit der Wahrheit. Hinter manchem Faktencheck verbirgt sich häufig Meinungsmache in eigener Sache. „Der Faktenchecker scheint sich ein bisschen bei den Fakten vercheckt zu haben“, brachte etwa Sarah Wagenknecht in einem Video auf den Punkt, in dem sie Ende vergangenen Jahres den Faktenfinder der „Tagesschau“ überführte. Die öffentlich-rechtlichen Hüter der Wahrheit hatten die Linken-Politikerin mit FDP-Finanzminister Christian Lindner verwechselt.

Um derlei Schnitzer zu vermeiden, fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung gleich zehn neue Forschungsvorhaben zum „Erkennen, Verstehen und Bekämpfen von Fake News im Internet“. Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger will dafür während der kommenden drei Jahre insgesamt 15 Millionen Euro aus Steuergeldern bereitstellen.

»Wichtige Zahnräder in der sogenannten Klimawandel-Leugnungsmaschine«

„Ich will das Übel Fake News an der Wurzel packen und den Kampf gegen Desinformation durch gezielte Forschungsförderung vorantreiben“, betont die FDP-Politikerin. „Gezielte Desinformationen durch Fake News sind besonders im Internet und in den Sozialen Medien eine zunehmende Bedrohung für unsere Demokratie und Gesellschaft geworden. Sie können politische Stimmungen beeinflussen und das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen nachhaltig schädigen.“ Das „noFake“ genannte Projekt soll ein durch künstliche Intelligenz unterstütztes System zur Erkennung von Falschinformationen entwickeln.

Wohin der Einsatz der Automatisierung intelligenten Verhaltens führen kann, zeigt ein Projekt, das John Cook, Research Fellow am Climate Change Communication Research Hub der Monash University in Australien, vorangetrieben hat. Nach fast fünf Jahren Entwicklungs- und Optimierungsarbeit hat er mit seinen Kollegen einen Algorithmus für maschinelles Lernen vorgestellt, der Fehlinformationen über das Klima im Internet erkennen kann. Er „liest“ Websites und kennzeichnet diejenigen, die falsche oder irreführende Informationen über die Wissenschaft und die Lösungskonzepte gegen den Klimawandel enthalten.

Mit Unterstützung dieses Algorithmus führten Cook und seine Kollegen die bisher größte Inhaltsanalyse von Behauptungen der Klimagegner durch. Das Team analysierte mehr als 250.000 Dokumente aus den Jahren 1998 bis 2020 von 20 viel besuchten, meist in den USA ansässigen konservativen Denkfabriken und 33 zentralen Contra-Blogs – Kanäle, die als „wichtige Zahnräder in der sogenannten Klimawandel-Leugnungsmaschine“ gelten.

Etwa zwei Wochen nachdem die Software in Nature Scientific Reports veröffentlicht wurde, geschah etwas Skurriles: Der Algorithmus entdeckte einen Blogbeitrag über seine eigenen Methoden und versuchte, diese zu diskreditieren. Auch die vom Welt-Klimarat als richtig bestätigte Aussage „Künftige Generationen werden wohlhabender und besser fähig sein, sich an den Klimawandel anzupassen“ ordnete der Algorithmus als Fake News ein.

Wahr ist, was ins eigene Konzept passt

„Fake News haben sich zu einem globalen Modebegriff entwickelt, die Institutionen zur Durchsetzung eigener Interessen einsetzen“, schrieben die Kommunikationsforscher Johan Farkas und Jannick Schou bereits im August 2018. Ein aktuelles Beispiel: Umweltstiftungen wie die European Climate Foundation, die sich der „Förderung einer Klima- und Energiepolitik, die die europäischen Treibhausgasemissionen deutlich senkt“, verschrieben haben, unterstützen Faktenprüfer wie „Klimafakten.de“ oder „Carbon Brief“.

Der Kommunikationsforscher Walter Quattrociocchi schreibt: „Der Kern des Problems der Fehlinformation ist die Voreingenommenheit – wir neigen dazu, Informationen aufzugreifen, die unser eigenes Weltbild bestätigen, und alles zu ignorieren, was dem widerspricht – und damit die Polarisierung.“

Fazit: Auch wenn das Prüfsiegel der Faktenchecker mit einem Absolutheitsanspruch daherkommt: Bei ihrer Jagd auf jene, die ihren politischen Zielen im Wege zu stehen scheinen, produzieren auch – und gerade – die Gralshüter der Wahrheit Fake-News. Wahr ist, was ins eigene Konzept passt.

„Das Problem der Faktenchecks besteht darin, dass die Tatsachenprüfung häufig eine Meinungsäußerung darstellt, die im Gewand der Faktizität die Geltung einer „richtigen“ Meinung beansprucht“, brachte es die „Neue Zürcher Zeitung“ auf den Punkt. „So tragen die Faktenchecks am Ende selbst zu einer Politisierung von Fakten bei, die sie eigentlich vermeiden wollen.“

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Daniel Weinmann arbeitete viele Jahre als Redakteur bei einem der bekanntesten deutschen Medien. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Sergei Elagin/Shutterstock
Text: dw

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