Keine Sorge, es geht hier nicht um Fußball. Es geht darum, wie Fußball entlarven kann. Als mir ein Freund gerade ohne jeden Kommentar diese Zeile schickte, hoffte ich zuerst, es ist ein Scherz: Luis Bobga, Grüne-Jugend-Chef: „Hängt die scheiß Deutschland-Flaggen ab”.
Aber es ist kein Scherz. Es ist eine Überschrift von „Focus Online“.
Erst wollte ich nur diese Schlagzeile als Post veröffentlichen. Dann sagte ich mir – das ist zu wenig.
Denn was Bobga da von sich gab, ist die Entlarvung eines ganzen Milieus. Eine Fundgrube für künftige Historiker, wenn sie untersuchen wollen, warum Deutschland in den 2020er Jahren endgültig durchdrehte.
In dem sozialen Netzwerk setzte Bobga, der im Januar Markus Söder als „Hurensohn“ beschimpft hatte, das WM-Aus und Gewalt gegen Frauen in Verbindung – was wenig über Fußball und Gewalt aussagt, aber sehr viel über die Assoziationen und damit das Innenleben Bobgas, der Internationale Migration und interkulturelle Beziehungen (sic!) studiert. Er schrieb: „Du sagst Elfmeter heißt Nervenkitzel, aber was ist das für deine Nachbarin, wenn Fehlschuss bedeutet, dass ihr Mann sie danach zusammenschlägt?“ Weiter mutmaßt Bobga: „Wie viele Männer haben heute Nacht um halb 2 wohl rotzevoll die Wut auf Paraguay an ihren Frauen rausgelassen?“ Damit wir uns richtig verstehen – Anstieg von häuslicher Gewalt bei Fußballspielen ist zumindest für England statistisch nachgewiesen – von so einer Referenz ist bei Bobga allerdings nicht das Geringste zu lesen, da ist nur nackte Empörung. Aber deswegen dem Nachbarn unterstellen, seine Frau zu schlagen? Das ist Missbrauch der Statistik.
Damit unterstellt der junge Mann, dessen Vater Kameruner ist, den Deutschen also einfach mal unterschwellig, sie würden bei Elfmeter vor allem auf die Hautfarbe der Schützen sehen. Dabei ist er es, der mit seiner Aussage offenbart, dass er das tut.
In der Psychologie nennt man das Übertragung oder Projektion – wenn man eigene, als schlecht empfundene Gedanken auf andere quasi überträgt, also diesen unterstellt.
Und genau hier verlassen wir die Niederungen des Stadion-Rasens und begeben uns auf die Meta-Ebene dieses abstrusen Schauspiels. Denn Bobga steht als jemand, der im grünen Biotop eine atemberaubende Karriere hingelegt hat, exemplarisch für das tragische Paradoxon unserer Zeit: Es sind genau die Kräfte, die sich die Bekämpfung von Vorurteilen, Spaltung und Ressentiments am grellsten auf die Fahnen geschrieben haben, die diese Spaltung am intensivsten betreiben. Genauso wie es die lautesten Vorkämpfer für Buntheit, Offenheit und Toleranz sind, bei denen genau das sofort aufhört, wenn sie mit einer anderen Meinung konfrontiert sind.
Wo jeder normale Mensch ein verpatztes Elfmeterschießen und sportliche Enttäuschung sieht, sehen Ideologen sofort Auswüchse von Rassismus und Frauenfeindlichkeit. Diese, geradezu obsessive Fixierung auf Hautfarbe, Herkunft und kollektive Schuld steht für eine Verengung des Weltbildes, für die Unfähigkeit, die Welt außerhalb des eigenen Feindbild-Rasters auch nur wahrzunehmen. Und für eigene, massive Komplexe.

Künftige Historiker werden beim Blick auf unsere Zeit vor einem Rätsel stehen: Wie konnte eine Gesellschaft es zulassen, dass ausgerechnet diejenigen moralische Richtlinien diktieren, die in der Echokammer der eigenen Projektionen gefangen sind? Der Satz „Hängt die scheiß Deutschland-Flaggen ab“ entlarvt nicht nur Rechtschreibschwäche, sondern auch die tiefe Entfremdung der selbsternannten rot-grünen, akademischen Elite von der Lebensrealität im eigenen Land. Ja, ihren Hass auf dieses. Sie sehen die Welt Schwarz-Weiß, sind unfähig zu Ambiguität, also Grautönen, und sehen nur noch Täter- und Opferkollektive um sich herum. Aber für diese Diskussion ist dieses Milieu, um es mit Bobgas eigenen Worten zu sagen, „noch nicht ready.“
Die künftigen Historiker werden sich weniger mit Rassismus bei Fußballfans befassen, sondern werden verwundert das Protokoll einer Funktionärsschicht lesen, die ihre eigene Verachtung für das Land, das sie regieren will, nicht mehr verbergen konnte.
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Beitragsbild: Samuel Boyer / Wikikommons CC BY-SA 4.0 (zugeschnitten)
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