Gute Zensur und böse Zensur "Wer lügen und hetzen darf, entscheidet Twitter"

Journalismus ist einer der Berufe, für die es nie eine fest geregelte Ausbildung gab. Viele sagen, er sei Berufung. Da ist was dran. Ich bin immer wieder überrascht, welche Talente unter meinen Leserinnen und Lesern schlummern. Heute schickte mir einer einen Beitrag, den ich mit großem Vergnügen und Interesse gleichzeitig gelesen habe. Eine spitze Feder, wie sie viele in langjährigem Studium nicht lernen. Gekonnt nimmt Aaron Clark die Merkwürdigkeiten des aktuellen Geschehens in den USA aufs Korn. Und die Doppelmoral der deutschen Medien: Den sonst trotz seines für hiesige Verhältnisse eher „rechtspopulistischen“ Kurses so hoch gelobten Nawalny schweigt man plötzlich tot, weil er die Löschung von Trumps Social-Media-Accounts auf das Schärfste kritisiert. Und völlig zurecht, meines Erachtens. Entdecken Sie mit mir ein journalistisches Naturtalent:  

Ein Gastbeitrag von Aaron Clark

Der derzeit wohl bekannteste Oppositionelle der Welt hat in einem Tweet eine inakzeptable Art der Zensur durch Twitter angeprangert, doch unsere Leitmedien nehmen die Nachricht überwiegend nicht zur Kenntnis.

Hach, was waren das doch für erfüllende Momente kollektiver Genugtuung angesichts der Löschung von Donald Trumps Twitter-Konto nach den chaotischen und in gewisser Hinsicht verstörenden Geschehnissen in Washington. Und nur damit hier Klarheit herrscht: ich lehne Vandalismus und körperliche Gewalt strikt ab – letztere ist ausschließlich im Fall einer unvermeidbaren Selbstverteidigung zu rechtfertigen. Aber irgendwie konnte man, insbesondere als Berliner, der am 28.08.2020 an der überwiegend absolut friedlichen Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen teilgenommen hat und später erst erfuhr, was da am Reichstag los war, ein wenig ins Grübeln geraten: im Hinblick auf den Titel des hier erschienenen Artikels „Was Berlin von Washington lernen könnte“ beschlich mich eher ein wenig das Gefühl, Washington hat ganz hervorragend von Berlin gelernt – nämlich wie man mit dem richtigen Timing und wirkmächtigen Bildern eine etwas aus dem Ruder gelaufene Touristenführung durch das Kapitol zum demokratiegefährdenden Staatsstreich aufbläst.

Angesichts der ohnehin drastischen Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, der Unruhen nach dem Tod von George Floyd, der Affäre um massive Unregelmäßigkeiten bei der Präsidentschaftswahl und schließlich dem Aufruf von Trump, vor dem (!) Kapitol zu demonstrieren, habe ich mich ernsthaft gefragt, wie es sein kann, dass die Washingtoner Sicherheitsorgane es nicht nur verbocken konnten, das Kapitol vor den paar hundert Demonstranten adäquat zu schützen, sondern dass diese auch noch förmlich hineingebeten wurden – was schließlich fünf Menschen das Leben gekostet hat. Zum Glück brachte man Nancy Pelosi mithilfe des Ü80-Treppenlifts rechtzeitig in Sicherheit, während eine anscheinend unbewaffnete Demonstrantin von der Polizei erschossen wurde.

Ungeachtet der Gefühlsregungen, die eine solch unnötige Eskalation von Gewalt und Gegengewalt bei Menschen mit gesundem Verstand auslösen können, hatten damit so ziemlich alle, die Donald Trump in den letzten Jahren ihre tiefste Abneigung entgegenbrachten, genau was sie brauchten: einen Sündenbock. Korrektur: DEN Sündenbock. Für die überwiegende Mehrheit der etablierten Medien stand binnen Stunden fest: dieser und NUR dieser eine Mann und seine unerträgliche, spalterische und aufwiegelnde Kurznachrichtenzwitscherei sind schuld daran, dass es so weit kommen konnte. Der ehemalige Chef des Pentagon geriet derart in Wallung, dass er spontan vorschlug, die Kontrolle über den Abschuss von Nuklearwaffen in Zukunft wieder in mehr als die zwei Hände des Präsidenten zu legen – Kim Yong Un braucht ja schließlich auch mal was zum Lachen – und unsere hiesigen Politprimaten entschlossen sich sogleich zur Erweiterung der Bannmeile rund um den Reichstag. Vermutlich weil der tätowierte QAnon-Büffelmensch nach seinem Aufenthalt im Knast direkt nach Berlin abgeschoben werden soll, zur linksgrünen Umerziehung. Den Vogel schoss schließlich der ehemalige Gouverneur Arnold Schwarzenegger ab, als er die Geschehnisse in Washington mit denen der Reichspogromnacht 1938 verglich – unter besonderer Betonung seiner Geschichtskenntnisse, versteht sich. Was mich zu der Frage brachte: war das eigentlich wirklich eine Herz-OP oder doch das andere Organ mit H…?

Nun musste irgendetwas passieren, so viel steht fest. Nancy Pelosi krächzte vor Empörung in ihre Fleurop-Maske: Impeachment! Amy Klobuchar seufzte kopfschüttelnd: Nicht schon wieder… Dankenswerterweise hat sich die Belegschaft von Twitter nur für den Fall, dass es beim zweiten Versuch wieder nicht hinhaut, in einem gemeinsamen Schreiben an ihren Chef Jack Dorsey etwas ganz Besonderes einfallen lassen – man munkelt, sogar mit mehr als 160 Zeichen. Denn was wäre im Sinne der öffentlichen Aufmerksamkeit wirkmächtiger als eine (Sperrung und schließlich) Löschung von Donald Trumps Twitter-Account? Nachdem sich die größten digitalen Plattformen mit Zensurmaßnahmen im Dienste der faktengecheckten Gesinnungsgutmenschen vergangenes Jahr regelrecht überboten haben, war diese Aktion im Grunde nur der nächste logische Schritt. Man möchte offensichtlich um jeden Preis verhindern, dass Trump 2025 wieder ins Weiße Haus einzieht – und gefälschte… Verzeihung, demokratische Wahlen bieten da leider nur wenig Aussicht auf Erfolg. Also Plan B: Reichweitenbegrenzung. Den Gegner mundtot machen. Wenigstens im öffentlichen Raum. Unsere Medien überschlugen sich daraufhin förmlich vor Begeisterung: der früher von mir hochgeschätzte Patrick Beuth aus dem Digitalressort des Spiegels schrieb vom „Perfekten Zeitpunkt für das Ende der Extrawurst“, Meike Laaf zierte die Überschrift ihres Artikels in der Zeit mit dem Zitat (eines Assistenzprofessors für Journalismus) „Richtig, wichtig, viel zu spät“ und Roland Lindner kommentierte für die FAZ „Twitter hat richtig entschieden“ – um nur drei Beispiele zu nennen.

Jetzt ist es in freiheitlich-demokratischen Gesellschaften eigentlich Usus, dass man über so einen opportunen Schritt, der nach Meinung vieler Beobachter deutlich früher hätte kommen müssen, diskutieren sollte – vor allem mit Blick auf die andere Seite der Medaille: die unübersehbar wachsende Macht der Digitalkonzerne über das, was wir lesen, denken und (zu wissen) glauben. Und es wurde auch tatsächlich Kritik laut. Also genau genommen nicht wirklich laut, denn die Tweets von Alexey Nawalny – den kennen Sie vielleicht noch als den Oppositionellen, der seit Jahren gegen die Machenschaften der russischen Regierung kämpft und nach einem offenbar aus dem Umfeld dieser Regierung heraus orchestrierten Mordversuch mit dem Nervengift Nowitschok in der Berliner Charité wieder aufgepeppelt wurde – zu Twitters „inakzeptablem Akt der Zensur“ werden seit ihrem Erscheinen am 9. Januar von der hiesigen Medienlandschaft überwiegend totgeschwiegen. Dabei ist der Inhalt seiner Tweets brisant: obwohl Trump in seiner Amtszeit „unverantwortliche Dinge geschrieben und gesagt hat, sollte er dafür durch nicht wiedergewählt werden bezahlen, […] und nicht mittels der Entscheidungen einiger weniger Leute, die wir nicht kennen, in einem Verfahren, das wir nicht kennen.“

In Nawalnys Augen basiert der Trump-Bann „auf Emotionen und persönlichen politischen Präferenzen.“ Nawalny verbittet sich die Aussage, Twitter habe Trump wegen Verstoßes gegen die Hausregeln gebannt – er selber bekomme seit Jahren täglich Todesdrohungen via Twitter, wofür freilich noch niemand gebannt worden wäre. Unter den Menschen mit Twitter-Accounts wären außerdem „kaltblütige Mörder (Putin oder Maduro) und Lügner und Diebe (Medvedev). Seit vielen Jahren werden Twitter, Facebook und Instagram als Basis für Putins „Trollfabrik“ und ähnliche Gruppen aus anderen autoritären Ländern genutzt.“ Auch dass sich die sog. „COVID-19-Leugner, deren Worte tausende das Leben gekostet haben, frei auf Twitter bewegen und äußern könnten“, sei für ihn angesichts des „öffentlichen und protzigen Trump-Verbots“ eine auf Zensur hinweisende Selektivität. Und obwohl der Tweet noch vier weitere Fortsetzungen hat – und es lohnt sich, alle zu lesen – wäre ich spätestens an dieser Stelle gerne mit Nawalny ins Gespräch gekommen, um ihm zur Redefreiheit der „COVID-19-Leugner“ mal meine eigene Meinung zu zwitschern.

Da ich nicht bei Twitter bin, wird das zwar schwierig, aber noch viel schwieriger finde ich den Umstand, dass bis zum heutigen Montagmittag außer der Bild, dem Tagesspiegel und Tichys Einblick kein einziges der großen Medienhäuser über Nawalnys kritischen Anwurf berichtet hat. Eine aktuelle Google-News-Suche zu den Begriffen „nawalny twitter trump“ listet überdies einen Artikel der neuen Züricher Zeitung mit dem Titel „Wer lügen und hetzen darf, entscheidet Twitter – Trumps Rauswurf offenbart die Doppelmoral der Tech-Monopolisten“. Aus den Reihen von Tagesschau, Spiegel, Zeit, FAZ, Stern, Welt, Süddeutsche – kein Sterbenswörtchen. Damit beweisen die willfährigen Haus- und Hofberichterstatter in meinen Augen nicht nur ihren Kniefall vor dem ideologisch verblendeten Haltungsjournalismus, sie machen sich außerdem zu Steigbügelhaltern für totalitäre Strukturen und Systeme. Das Gefährliche daran ist für mich, dass hier aus Schwarz Weiß gemacht wird: denn selbstverständlich verorten sich all diese Redakteure und Autoren grundlegend auf der Seite der „Guten“, verschreiben sich dem Kampf für die Demokratie, nehmen die aus Ihrer Sicht „echten Gefährder“ ins Visier und werden von Millionen von Menschen auch genau in dieser Rolle mit ihren Botschaften wahrgenommen.

Nun, in diesem Fall ist es wohl unzweifelhaft ein schwerer journalistischer Fauxpas, sich zu einem so wichtigen Thema wie dem Einfluss der privaten Digitalkonzerne auf globale geopolitische Entwicklungen, noch dazu vorgebracht in Form offenkundiger Zensur und angeprangert von jemandem, der sich mit den Auswüchsen derselben bestens auskennt, einseitig und wegduckend zu verhalten. Nawalny selbst bekommt auf seine Tweets hin wahrlich nicht nur Glückwunschadressen, und genau diese Diskussion sollte auf breiter Ebene geführt werden. Aber genau das scheint – wie bereits in Sachen Corona oder der Gefahr durch linksradikale Extremisten – unseren Leitmedien ein Dorn im Auge zu sein. Letztlich, liebe Leserinnen und Leser, liegt es in unserer Hand, diesem Treiben ein Ende zu setzen – das Leben funktioniert auch ohne Facebook, Twitter und TikTok ganz gut, glauben Sie mir!


Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.




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Aaron Clark lebt in Berlin, schreibt unter Synonym und ist seit 2020 begeisterter Leser reitschuster.de. (Das ist kein Eigenlob, genau diese Worte hat er mir als Autorenzeile übermittelt).
Bilder: TPYXA_ILLUSTRATION/Shutterstock

Text: Gast

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Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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