Häftling geflohen – aber die Polizei verschweigt, wen sie sucht Dreimal dürfen Sie raten, warum?

Ab wann muss man sich an den Irrsinn gewöhnen und ihn nicht mehr erwähnen, wenn er sich wiederholt? Wo fängt der mentale Selbstschutz an, und wo endet das öffentliche Interesse, die Gefahr der Abstumpfung? Als normaler Bürger ist es in meinen Augen Notwehr, sich nicht mehr täglich all dem auszusetzen. Als Journalist muss man dagegen in den sauren Apfel beißen. Und so tue ich es heute. Erst vor einer Woche habe ich darüber geschrieben, wie die Polizei im CSU-regierten Bayern ohne Täterbeschreibung nach einem Mann fahndete, der ein Kind auf einem Spielplatz sexuell missbraucht haben soll – politische Korrektheit ging offenbar vor.

Jetzt macht die Polizei in Nordrhein-Westfalen genau das nach – in einem noch absurder anmutenden Fall. Bei einem Arztbesuch ist es einem Häftling mit Hilfe von zwei möglicherweise bewaffneten Komplizen in Essen gelungen zu fliehen. Stundenlang nannte die Polizei weder den Namen des Geflohenen, noch lieferte sie eine Beschreibung. Stattdessen sprach sie in ihrem Warnaufruf nur von einer „verdächtigen Person“.

Das ist Realsatire.

Stellen Sie sich vor: Jeder, dem irgendjemand verdächtig vorkommt, müsste sich dann bei der Polizei melden. Und ganz ehrlich – gibt es in deutschen Innenstädten, quasi im „Stadtbild“, um es mit Friedrich Merz zu sagen, nicht jede Menge Gestalten, die man auch bei großzügiger Herangehensweise irgendwie verdächtig findet?

Boss nicht den falschen nutzen!

Ja, Sie ahnen schon, warum der Mann so lange nicht namentlich genannt und nicht beschrieben wurde – wohl deshalb, weil es eben nicht ein Hans Müller oder Siegmund Berchtenbreiter ist, sondern ein Häftling mit einem überaus türkisch klingenden Namen. Wo kämen wir da hin, wenn wir den nennen würden? Am Ende würde das gar noch der AfD nutzen! Dann lieber ins Bein der eigenen Fahndungsarbeit schießen und damit auch noch mehr Menschen gefährden.

In einem ersten Tweet schrieb die Polizei nur: „Nach ersten Erkenntnissen haben zwei unbekannte Personen einem Häftling zur Flucht verholfen. Alle drei Personen sind flüchtig.“ In einem weiteren Tweet „ergänzten“ die Beamten dann: „‼️WICHTIG‼️ Sollten Sie eine verdächtige Person bemerken, sprechen Sie sie nicht an! Rufen Sie umgehend die 110 an. Derzeit kann eine Bewaffnung der Täter nicht ausgeschlossen werden.“

Das erinnert mehr an Satire als an Fahndung. Erst Nutzer-Ergänzungen sorgten dafür, dass unter dem Tweet überhaupt erkennbar wurde, wer da gesucht wird. Da steht jetzt als Ergänzung der Leser unter dem Polizei-Text: „Leser haben Kontext hinzugefügt, der ihrer Meinung nach für andere wissenswert wäre: Der Tweet macht nicht deutlich, worauf sich die Warnung bezieht. Hintergrund ist die Flucht des Häftlings D. Gündüz in Essen am 14.10.2026: Zwei maskierte, mutmaßlich bewaffnete Männer sollen ihn bei einem Arztbesuch befreit haben.“ Und ein Link auf den WDR. Dass ausgerechnet der Kölner Rotfunk hier weniger politisch korrekt ist und mehr Klartext spricht als die Polizei, ist an Absurdität kaum noch zu überbieten.

Polizeiliches Trauerspiel

Erst am Abend startete die Polizei eine Öffentlichkeitsfahndung mit Foto: D. Gündüz, 34 Jahre, schwarze Haare, dunkle Augen, dicke Figur. Das war gut sechs Stunden nach der Befreiung – das NRW-Justizministerium musste es inzwischen im Landtag sogar amtlich einräumen. Sechs Stunden bei einem Mann, der auf einem E-Scooter durch die Innenstadt floh. Jeder Fahnder weiß: Die ersten Stunden entscheiden. Danach ist ein Flüchtiger mit organisierten Helfern längst über alle Berge. Und die Begründung? „Abstimmungsprobleme“. Dabei hätte die Polizei Alter, Statur und Haarfarbe sofort nennen können. Für den Tweet über die „verdächtige Person“ reichte die Abstimmung ja auch. Wenn zwei womöglich bewaffnete Maskierte mitten in einer Großstadt einen Häftling befreien und es dann ausgerechnet an der Abstimmung hakt – wann soll sie eigentlich funktionieren?

Der Entkommene, dem Clan-Verbindungen nachgesagt werden, ist kein unbeschriebenes Blatt: Schon im Frühjahr 2025 hatte er acht Eintragungen im Bundeszentralregister. Und noch etwas ist pikant: Gündüz selbst erfuhr laut Justizministerium erst am Abend zuvor von seinem Arzttermin. Wie die Befreier davon wussten, ist nun Gegenstand der Ermittlungen. Die Frage, wie weit kriminelle Strukturen inzwischen in den Justizapparat hineinreichen, stellt sich damit drängender denn je.

Denn Essen ist kein Ausreißer. Ende August sägte sich in Duisburg ein Häftling durch die Gitter seines Zellenfensters und floh über das Dach – wie er an das Werkzeug kam, ist bis heute ungeklärt. In Euskirchen sollen Bedienstete Häftlingen eine Art Bestechungs-Abo verkauft haben: Wer monatlich zahlte, wurde vor Zellenkontrollen gewarnt. In derselben Anstalt verschwanden Generalschlüssel. In Rheinbach und Willich wird gegen Vollzugsbeamte ermittelt, die gegen Geld Drogen und Handys eingeschmuggelt haben sollen. Mehr als 100 Disziplinarverfahren laufen gegen Bedienstete in NRW, rund ein Viertel davon wegen Korruption – das räumte Justizminister Benjamin Limbach von den Grünen selbst ein. Sein Chef im Kabinett: CDU-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Ein Gefängnis lasse sich eben „nicht hermetisch abriegeln“, sagte Limbach. Offenbar nicht einmal so dicht, dass wenigstens ein Arzttermin geheim bleibt.

Der Polizei-Tweet ging viral und wurde eine Million Mal angezeigt. Künftigen Generationen von Polizeischülern kann er als Lehrmaterial dafür dienen, wie man Fahndung nicht betreiben sollte. Natürlich erntete die Polizei auch massiven Spott. Ein Nutzer schrieb auf X: „Wie aus einem Louis de Funès Film. Nur in echt.“ Ein anderer kommentierte: „So ein Verdächtiger sieht halt verdächtig aus! Den erkennt man doch sofort, weil er verdächtig aussieht! Ist doch logisch.“ Noch bissiger ein weiterer Kommentar: „Kein Name, keine Foto, keine Beschreibung (Diskriminierung!) was bleibt: das Geschlecht: Ein Mann. Geschlechterdiskriminierung?“

Besser bringt man den Irrsinn nicht mehr auf den Punkt!

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Und wie reagierte unsere Polizei – die einem leidtun kann, weil sie politisch völlig kastriert wurde – auch in diesem Fall übrigens mit einem Unions-Politiker als obersten Dienstherrn – und in der laut Insidern eher korrektes Gendern für Karrierechancen sorgt als saubere Polizeiarbeit? Sie mahnte die bösen, bösen Bürger, bloß nicht aufmüpfig zu werden, und drohte in einem eigenen Tweet sofort mit dem Strafrecht: „Bitte achten Sie auch in den sozialen Medien auf Ihre Wortwahl. Wir weisen Sie daraufhin, dass alle Kommentare überprüft und bei strafrechtlich relevanten Inhalten Ermittlungen eingeleitet werden.“ Abgesetzt um 17.14 Uhr. Also noch bevor die Polizei es schaffte, Namen und Foto des Gesuchten zu veröffentlichen. Die Reihenfolge sagt alles: Erst wurden die Bürger verwarnt, dann der Flüchtige gesucht. Wer die Wortwahl anderer überprüfen will, sollte vielleicht erst die eigene Rechtschreibung prüfen: „darauf hin“ schreibt man an dieser Stelle getrennt. Aber gut – vielleicht kümmert sich um die Kommentarprüfung ja dasselbe Team wie um die Fahndung.

Verräterische Botschaft

Man stelle sich vor, die Polizei würde mit derselben Energie nach dem Geflohenen fahnden, mit der sie die Kommentare unter ihrem Tweet durchforstet. Vielleicht säße er längst wieder in seiner Zelle. Stattdessen läuft ein Mann frei herum, den zwei Maskierte mit Gewalt befreit haben – und überprüft werden die, die darüber lachen. Ein Staat, der mehr Angst vor dem Spott seiner Bürger hat als vor seinen Verbrechern, hat ein Problem. Und zwar nicht mit den Bürgern.

Der Fall in Essen und die Zustände in den Gefängnissen in NRW sind nur die Spitze des Eisberges: Polizei und Justiz machen sich zunehmend selbst zum Gespött. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Wenn es gegen Regierungskritiker und „Staatsfeinde“ geht, klappt es plötzlich mit der Abstimmung und der Härte. Da schlagen mehrere Tausend Beamte zeitgleich gegen die „Rollator-Putschisten“ zu, da werden diese zum Teil seit fast vier Jahren strengstens bewacht in Untersuchungshaft gehalten. Da rückt die Polizei in Unterfranken schon mal frühmorgens bei einem Rentner zur Hausdurchsuchung an – dafür reicht schon ein Meme, das Robert Habeck als „Schwachkopf“ verspottet. Für einen gewaltsam befreiten Häftling braucht man sechs Stunden bis zur Fahndung. Bei einem Bürger mit einem frechen Bild geht alles sehr schnell.

Am Anfang habe ich gefragt, ab wann man sich an diesen Irrsinn gewöhnen muss. Die Antwort ist: nie. Denn genau darauf setzen die, die ihn zu verantworten haben.

Ich lasse mich von solchen Drohungen nicht einschüchtern – und ich werde mich an diesen Irrsinn nicht gewöhnen. Aber ich kann nur weiter hinschauen, wenn Sie mir den Rücken stärken. Ich habe keine Redaktion, die abwägt, ob eine Frage der „falschen Seite“ nutzen könnte, keinen Verlag, der auf Anzeigenkunden schielt, und ich bekomme keinen Cent von Regierungen oder aus Zwangsgebühren. Ich habe nur Sie, liebe Leserinnen und Leser. Wenn Sie wollen, dass weiter jemand den Behörden auf die Finger schaut – gerade dann, wenn sie lieber die Bürger überwachen als die Täter suchen –, dann unterstützen Sie meine Arbeit bitte. Jeder Beitrag hilft. Hier steht, wie es geht. PS: Und wenn Ihnen selbst so ein Fall begegnet – schreiben Sie mir.

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Bild: Symbolbild/KI/Gemini

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