Hannes Chronik einer Krankheit

Corona macht krank, Corona kann töten.

Corona ist schlimm, verändert die Gesellschaft und das Leben. Darüber berichten wir. Geschichten, die Corona schreibt. Geschichten, die es nicht in die Medien schaffen. Wir geben Zahlen einen Namen und eine Seele. Die Serie „Kollateralschaden“ basiert auf Berichten Betroffener der Coronapolitik, damit keiner sagen kann: „Das haben wir nicht gewusst!“

Wir schreiben auf: Johanna Wahlig (Politologin, Journalistin, Unternehmerin) und Frank Wahlig (Historiker und 30 Jahre ARD-Hauptstadtkorrespondent) recherchieren für reitschuster.de. Wer aus seinem beruflichen oder privaten Leben einen „Kollateralschaden“ melden möchte: Vertraulich und persönlich, per E-Mail an [email protected]

Hannes

Von Johanna und Frank Wahlig

Hannes ist ein Sonnenschein. Für seine Eltern, für die Familie. Er kümmert sich fürsorglich um seinen kleinen Bruder Paul, erzählen die Eltern. Er liebt es, mit seinem Freund im Baumhaus zu spielen.

Annette

Die Eltern sitzen mit Annette am Küchentisch. Annette ist „Trauerrednerin“. Annette sieht nicht aus, wie man sich eine „Trauerrednerin“ vorstellt. Annette ist Pianistin, Kampfsportlerin, Trainerin und … Trauerrednerin. Seit achtzehn Jahren begleitet Annette Eltern, Kinder, Angehörige auf dem letzten Weg. „Nicht jedes Begräbnis kann man sich merken“, sagt sie. Die Geschichte von Hannes aber würde sie nicht vergessen.

Zuhause am Küchentisch lässt Annette mit den Eltern Erinnerungen noch einmal aufleben. Sie erzählen Geschichten aus unbeschwerter Zeit mit dem Kind vor dessen schwerer Krankheit. Für einen kurzen Moment.

Die Familie des 11-jährigen Hannes begleitet Annette in der wohl schwersten Stunde für Eltern und Familie. Hannes ist nicht mehr da. Hannes starb an Krebs. Er starb während des Lockdown 1 im April 2020. Allein.

Über 2255 Kinder unter 18 erkranken nach dem Kinderkrebsregister 2018 in Deutschland. Vier von 5 Kindern überleben die schwere Krankheit. Viele von ihnen erleben diese neue Zeit in Einsamkeit im Krankenhaus. 410 von ihnen überleben nicht.

Das Unglück für Hannes Familie ist doppelt schwer. Krankheit im Coronajahr 2020. Das kranke Kind muss stationär ins Krankenhaus, allein. Im April liegt Hannes im Sterben. Alte Ideale und Konzepte, wie „Rooming in“ und psychologische Begleitung sind „Corona-Opfer“ geworden. Die Eltern dürfen das Kind nur in Schutzkleidung für wenige Minuten besuchen. An manchen Tagen gar nicht. Der Kleine weint viel und fühlt sich allein.

Hannes fühlt sich nicht nur allein, er ist allein. Er wurde allein gelassen. Unter Berücksichtigung aller Bestimmungen und Verordnungen. Zum Schutz vor sich selbst und Anderen. „Bestimmungen einer Regierung, die Menschen in abgrundtiefe Verzweiflung treiben“, sagt Annette, die Trauerrednerin. Auch ein sterbendes Kind sei kein Grund, davon abzuweichen.

„Wir durften nicht zu ihm! Wir durften nicht zu ihm,“ schluchzen die verzweifelten Eltern am Küchentisch bei Annette. Hannes starb allein in seinem Zimmer. Die diensthabende Schwester kümmerte sich währenddessen um ein anderes krankes Kind. Pflegenotstand in Deutschland, lange vor Corona und während Corona erst recht.

Die Friedhofskapelle ist gesperrt. „Corona-Schutzmaßnahme!“ Die Beisetzung von Hannes findet im Regen statt. Vom weißen Sarg rinnt das Wasser. Die Kuscheltiere tropfnass.

Später erfährt Annette, die Trauerrednerin: Hannes Familie ist nach dem traurigen Abschied von Hannes zerbrochen. Der Vater beginnt zu trinken. Er verliert seine Arbeit. Zu den seelischen Nöten kommen wirtschaftliche dazu. Die Mutter lebt zurückgezogen. Sie wartet auf einen Therapieplatz. Sie sei suizidgefährdet, berichten Bekannte.

Der kleine Bruder Paul lebt bei der Tante und ihrer Familie in Niedersachsen.


 

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Johanna Wahlig ist Politologin, Journalistin und Unternehmerin. Frank Wahlig ist Historiker und war 30 Jahre lang ARD-Hauptstadtkorrespondent.
 
Bild: eranicle/Shutterstock

Text: Johanna und Frank Wahlig

 

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