Der Pianist Chronik einer Krankheit

Corona macht krank, Corona kann töten.

Corona ist schlimm, verändert die Gesellschaft und das Leben. Darüber berichten wir. Geschichten, die Corona schreibt. Geschichten, die es nicht in die Medien schaffen.

Die Zahl der Selbstmorde steigt, sagen Mitarbeiter der Rettungsstellen, die Zahl der traurigen Menschen nimmt zu, berichten Hilfsorganisationen. Die Zahlen haben keinen Namen und keine Seele.

Die Politik bietet keine Hoffnung, keine Perspektiven. Der Winter werde hart, sagt die Kanzlerin. Es ist nicht der Winter allein: Die Entscheidungen der Politik setzen Menschen zu und schaffen Leiden. Darüber schreiben wir, damit nicht vergessen wird, was Pandemiepolitik ist. Damit keiner sagen kann: „Das haben wir nicht gewusst!“

Wir schreiben auf: Johanna Wahlig (Politologin, Journalistin, Unternehmerin) und Frank Wahlig (Historiker und 30 Jahre ARD-Hauptstadtkorrespondent) recherchieren für reitschuster.de. Wer aus seinem beruflichen oder privaten Leben einen „Kollateralschaden“ melden möchte: Vertraulich und persönlich, per E-Mail an [email protected] .

Der Pianist

Von Johanna und Frank Wahlig

Der Mann ist der Pianist. Der Pianist liegt am Boden. In den Pfützen der Wasserwerfer. Gepanzerte schwarz gekleidete Einsatzkräfte stehen hilflos um ihn herum. Sie drehen ihn hin und her und rütteln ihn. Schließlich tragen sie ihn weg.

Der Pianist ist Arne Schmitt, 48, Straßenmusiker, ohne festen Wohnsitz. Seit 15 Jahren rund um die Welt unterwegs. Er lebt allein in einem Wohnwagen. Arne Schmitt war nach Berlin gekommen für einen friedlichen Protest. „Ich war nach Berlin gekommen, um zu demonstrieren für die Freiheit der Kunst, gegen Auftrittsverbote, gegen Berufsverbote in Kunst und Kultur.“ Auch Straßenmusiker litten unter Auftrittsverboten auf Plätzen und Maskenpflicht in der Innenstadt, sagt er. Die Maskenpflicht raube den Bürgern neben der Einkaufslust auch das Interesse an Musik und Kultur, an Lebensfreude, meint der Pianist. Sogar Singen sei verboten.

Arne Schmitt macht sich also am 18. November 2020 auf zur Demo gegen das Infektionsschutzgesetz, das an diesem Tag im Bundestag verabschiedet werden würde. Mit seinem Flügel im Wohnwagen fährt er nach Berlin, um auf der Straße Musik zu machen. Als friedlicher Protest. „Romantikpiano, was fürs Herz“, so beschreibt er seine Musik. „Piano Across the World“. Er spielt überall in Deutschland, in Europa, sogar in Parks in China.

Freiheit, Freiheit

Auf einem Rollwagen schiebt er seinen Konzertflügel durchs Regierungsviertel in Richtung Brandenburger Tor. Der Flügel ist gegen Regen mit einer roten Plane geschützt. Er schiebt das Piano durch die Menge. Die Polizei stoppt ihn in der Nähe des Reichstags. „Ich möchte mich meiner Kunstrechte nicht berauben lassen“, protestiert der Pianist. Die Polizisten seien aufgeregt gewesen. Er selbst auch. Ein Wort gab das andere. Der Klavierstuhl kippt vom Wagen. Der Pianist wird zu Boden gerissen. „Ich hatte große Angst.“ Er habe auf Videos gesehen, wie Demonstranten, die am Boden liegen, von der Polizei geboxt und geschlagen wurden. „Ich wollte friedlich demonstrieren, ganz passiv sein“, sagt er. Nachdem er sich von dem Schock erholt hatte setzte sich der Pianist an den Flügel und spielte bis in die Dunkelheit. „Freiheit, Freiheit…“. Beethoven, Mozart. Umstehende singen laut. „Eine Ordnungswidrigkeit ist das“, das weiß er. Dass ihn die Polizeikräfte „ohne Platzverweis“ schließlich vom Piano wegzerrten, um ihn zum Einsatzwagen zu ziehen und abzutransportieren, dagegen wolle er Strafanzeige erstatten, so der Pianist. Er habe nur leichte Blessuren. „Mir geht es gut!“ postet er später auf Facebook.

„Corona-Demo: Berliner Polizei mit Klavier angegriffen“, wird die Berliner Zeitung tags darauf titeln.

Unterdessen war der Pianist samt Flügel auf dem Weg nach Polen. Er hat Deutschland verlassen. In Breslau hat er eine Auftrittserlaubnis.

 

Videoquelle: LOVEstorm people/facebook



Johanna Wahlig ist Politologin, Journalistin und Unternehmerin. Frank Wahlig ist Historiker und war 30 Jahre lang ARD-Hauptstadtkorrespondent.

Bild: Screenshot/facebook
Text: Johanna und Frank Wahlig


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Andreas Donath
3 Monate zuvor

Ich versuche, dem ganzen Wahnsinn auch etwas Positives abzugewinnen: Dieser feine Mann und großartige Pianist, der einfach nur ein Zeichen für die Freiheit der Menschen und der Kunst mit seinem Flügel gesetzt hat, ist für mich einer der Helden unserer Tage. Ich werde diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommen, nie mehr. Hier dieser wunderbare Mensch, der mit seiner musikalischen Botschaft – gerade angesichts der massiven Staatsmacht mit ihren Wasserwerfern – manche der Zuhörer auf der Straße zu Tränen gerührt hat, dort die hässlichen, bösartigen, kulturfeindlichen Protagonisten des Systems Merkel, wozu ich übrigens auch den sauberen Herrn Geisel zähle. Dazwischen liegen Welten und Lichtjahre. Der Mann am Flügel ist für mich das Symbol des friedlichen, niveauvollen Widerstandes geworden gegen die Anmaßungen eines hässlich gewordenen Staates.

Und noch ein Bild hat sich mir eingeprägt, es ist in einem der YouTube-Videos zu finden, in denen auch Arne Schmitt im Mittelpunkt steht: Das Bild eines vom Strahl des Wasserwerfers vollkommen durchnässten Mannes von vielleicht 45, der eine Rose in der Hand hält und bitterlich weint. Das kann ich nie mehr vergessen.

Und diese Bilder sind bereits um die Welt gegangen – ein Mahnmal für das, was gerade in Deutschland nie mehr passieren sollte, jenem Deutschland, in dem sich meine ausgebombten Eltern und Großeltern 1945 buchstäblich den Hintern aufgerissen haben, um aus Trümmern etwas Großartiges aufzubauen. Ich weiß es, sie wünschten sich ein Land, in dem genau solches nie mehr möglich sein würde. Meine 1973 verstorbene Oma hat es mir als kleinem Jungen noch gesagt und meine 2015 verstorbene Mutter hat mich drei Tage vor ihrem Krebstod noch gewarnt: „Pass gut auf Dich auf, das mit Merkel und ihrer merkwürdigen Politik nimmt kein gutes Ende hier.“

Und dann werde ich an dieser Stelle noch etwas los, das mich seit dem Wochenende schwer bedrückt: Jawohl, ich bin in der AfD, da ich genau nicht wollte und will, dass Merkel und Co. dieses vormals wunderbare, freie Land restlos kaputtmachen. Und wenn ich dann die unverschämten, despektierlichen, gegen die großartige Querdenken-Bewegung gerichteten Aussagen des Herrn Professor Meuthen am Samstag auf dem AfD-Parteitag hörte, die mir den Magen umgedreht haben, hatte ich – und hier schließt sich der Kreis – sofort wieder den Mann am Piano vor Augen und dachte mir: Mensch Meuthen, Dein Platz wäre genau dort gewesen, wo dieser Mann mit dem Klavier aufgespielt hat. Stattdessen wärmst Du Dir den Hintern in Brüssel, steigst am Wochenende mal gönnerhaft hinab in die Niederungen der „einfachen Leute“, weil man das als Parteichef ja bisweilen tun muss, jedenfalls wenn Parteitage anstehen, alles noch irgendwo entfernt verständlich. Aber weshalb musst Du diesen feinen Pianospieler auch noch mit törichten Aussagen „ohrfeigen“?! Ich weiß nicht, ob ich nach Meuthens Rede in der AfD bleiben kann.

Amadeus
3 Monate zuvor

Lieber Herr Reitschuster, Sie sind das Licht in diesen grauen Tagen. Machen Sie weiter, ich wünsche ihnen viel Kraft, die ich leider schon längst nicht nicht mehr habe…

michael
3 Monate zuvor

Salut, mit einem Minimum an technischem Verständnis… „ein Piano anschieben, um damit die Polizeikette zu durchbrechen“ — DAS ist Klamauk vom feinsten. Erinnert sich noch jemand ausser mir an die TVSerie „Väter der Klamotte“ ?? DA kam sowas vor !

Andreas Donath
Antwort an  michael
3 Monate zuvor

Waren Sie vor Ort oder haben Sie sich einen der zahlreichen Livestreams aus Berlin angeschaut oder vielleicht sogar speziell die YouTube-Videos mit dem Pianospieler? Nein, dann sollten Sie letzteres nachholen. Sie sollten den Kern der Sache im Kopf haben und sich nicht an Formulierungen aufhängen, die vielleicht um Nuancen zu bildhaft ausgefallen sind. Das, was in diesem Artikel steht, trifft den Kern – und das zählt. Und dass Arne Schmitt angesichts einer massiven, nahezu totalitär anmutenden Polizeimacht die umstehenden Menschen mit seinem Pianospiel zu Tränen gerührt hat. Alles andere sind Peanuts.

Kalu Montenegro
3 Monate zuvor

Stell dir mal vor, du wärst einfach nur ein paar Jahre irgendwo im Nirwana gewesen und kehrst heute nach BRD zurück! Du würdest das Land nicht wiedererkennen!

Ronaldo
3 Monate zuvor

Ich habe den Pianisten 5€ geschickt.Bitte nachmachen.Und dem Reitschuster auch!

SK
Antwort an  Ronaldo
3 Monate zuvor

Würde mich mit einer Spende gerne beteiligen. Wo darf ich denn spenden an Herrn Schmitt? Könnten Sie bitte die Daten für eine Spende angeben? Es kann ja wohl nicht sein, dass so ein mutiger Mensch sich von solchen empathie- und hirnlosen Polizisten terrorisieren lassen muss, und wir wegsehen, oder? Hätte unsere Regierung wohl gerne, wird nicht passieren!

Ronaldo
Antwort an  SK
3 Monate zuvor

Arne Schmitt Piano goggeln. Auf der Homepage ist PayPal und IBAN

SK
Antwort an  Ronaldo
3 Monate zuvor

Vielen Dank für den Tipp. Spende schon per Paypal versandt. Bitte mitmachen. Ist ja bald Weihnachten. 😉

Hein Noog
3 Monate zuvor

Da schleifen sie den armen Pianisten wie ein Sack Müll über den nassen Asphalt. Dafür wirds doch wohl auch ein Bundesverdienstkreuz von Frank-Walter dem Spalter geben, oder ist das ehe nicht heldenhaft?

Investigation
3 Monate zuvor

Selbstverständlich ist das kein Vorwurf dem Pianisten gegenüber, leider passiert aber genau das was zu erwarten ist wenn ein Anti-Autoritärer Charakter auf einen Autoritären Charakter trifft.

Wenn der Autoritäre (Polizist) nicht bekommt was er will erlebt er ein Ohnmachtsgefühl, welches er durch Machtausübung kompensieren will. Weiterhin will er auch vor seinen Kollegen und wohl auch Untergebenen nicht als Schwacher dastehen und natürlich gleichzeitig die Anweisungen der Vorgesetzten durchsetzten.

Solche Polizisten sind auch keiner vernünftigen Argumentation zugänglich die würden nur vor einem Stärkeren(Vorgesetzten) weichen, leider selber schon erlebt. 😉

 

Hier verwendete Fromm den Begriff „autoritärer Charakter“ synonym mit der aus der Psychopathologie stammenden Bezeichnung „sadomasochistischer Charakter“. Dieser tritt in der aktiven Variante überwiegend mit sadistischen Tendenzen (Freude an Beherrschung eines Schwächeren, Befriedigung durch Machtausübung) und in der passiven Variante überwiegend mit masochistischen Tendenzen (Freude an Unterwerfung unter einen Stärkeren, Befriedigung durch Gehorsam) in Erscheinung. In gesellschaftlichen Hierarchien fügt sich, so argumentiert Fromm, der autoritäre Charakter kritiklos ein, weil er sich in der Identifikation mit Machtträgern nicht länger mit seiner Nichtigkeit und Ohnmacht konfrontiert sieht, sondern diese Gefühle kompensieren kann. Die autoritäre Gesellschaftsstruktur produziert demnach Bedürfnisse nach Gehorsam, Unterwerfung und Machtausübung und bindet gleichzeitig das Individuum an Autoritäten und hierarchische Strukturen, die diese Bedürfnisse befriedigen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Autorit%C3%A4rer_Charakter

https://de.wikipedia.org/wiki/Autorit%C3%A4re_Pers%C3%B6nlichkeit

Der Censor
3 Monate zuvor

Was der Pianist erlebte und wir alle am Livestream zu sehen bekamen, ist genau das, was die Dame im 2. Stream sagte: Faschismus pur. Und das von einer Polizei, deren politische Befehlshaber sich selbst als die größten Antifaschisten aller Zeiten sehen. Zu dem, was die BZ darüber titelte, könnte man lachen, wenn es nicht zum bitterlich weinen wäre.

Da muss man nur noch Solschenyzin zitieren: Ein totalitäres System erkennt man daran, dass es seine politischen Gegner kriminalisiert und die wahren Kriminellen verschont.

Georg B. Mrozek
3 Monate zuvor

Surreal, da spielt jemand vor dem Reichstag auf einem Flügel „Freiheit“, ein Stadtstreicher rollt seine Habe in einem alten Einkaufswagen durchs Bild und im Hintergrund lauert die Polizei. Deutschland im Jahre 2020. Surreal.

Andreas Donath
Antwort an  Georg B. Mrozek
3 Monate zuvor

Ich möchte es sogar noch einen Tick drastischer formulieren:

Das ist die Bilanz der Angela Merkel, die uns den lieben langen Tag von ihren peinlichen Hofmedien als Gottkaiserin vorgeführt wird.

Phantombürger
3 Monate zuvor

Sacht mal – diesen Pianisten – habe ich den nicht vor einiger Zeit schon mal im Fernsehen gesehen !?

Beim RBB (Rundfunk Berlin Brandenburg) in einer Abendschau oder in dieser Sendung „ZIBB“ (Zuhause in Berlin Brandenburg) !

Da haben sie mal genau so einen Mann hier in der Region vorgestellt (irgendwann in den letzten Jahren) und ein bisschen Einblick in sein Leben dokumentiert. Das war auch so einer, der keinen festen Wohnsitz mehr hatte, und in einem Wohnwagen wohnte. Und er hatte ein Klavier, welchem er Rollen drunter angebaut hat, damit er es durch die Gegend schieben konnte und an verschiedenen Orten kleine Konzerte geben konnte.

So hat er sein Leben finanziert.

Diesen Mann hat der RBB damals, mit seiner Doku über ihn, als besonders interessanten Lebenskünstler gefeiert !

Ich glaube, das war er !!?

Antonius Baßendowski
Antwort an  Phantombürger
3 Monate zuvor

Hallo Phantombürger,

ich erinnere mich auch, denke aber, dass es im Heimatjournal vom rbb kam und von Ulrike Finck moderiert wurde. Eigentlich ist es aber nebensächlich.

HG Antonius Baßendowski

Phantombürger
Antwort an  Antonius Baßendowski
3 Monate zuvor

Klar nebensächlich. Aber ich hatte mir nicht ausmalen können, dass dieser so ein sympathischer und friedfertiger Mann mal SO EIN Schicksal erleben müssen würde (und ich glaube, die Moderatorin, und der RBB (!) selber doch auch nicht !)  !!