Intensivstationen: „Ein chronisch krankes System“ Finanzielle Fehlanreize gefährden Patientenwohl

Von Christian Euler

Faktenchecker und Reitschuster.de-Kritiker werden es vermutlich nicht glauben: Die Überschrift dieses Beitrags stammt nicht aus einem Zentralorgan der Verschwörungstheorie, sondern aus einer traditionsreichen Zeitung, die hierzulande zu den regierungstreuesten Medien und Unterstützern der Corona-Maßnahmen zählt: Die Rede ist von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bzw. in diesem Fall der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

„Kein anderes Land in Europa verfügt, gemessen an der Einwohnerzahl, über mehr Intensivbetten als Deutschland“, schreibt der Autor und bezieht sich auf nachstehende Grafik (Quelle: FAZ, TU Berlin, Statistisches Bundesamt). „Das galt schon vor dem Ausbruch der Seuche. Es galt während der ersten, zweiten und dritten Corona-Welle, auch wenn es nicht oft erwähnt wurde. Und es gilt jetzt erst recht.“

Selbst, dass der angebliche Engpass an Intensivbetten zum entscheidenden Faktor der Corona-Politik der Bundesregierung wurde, ist Teil des in der „FASZ“ veröffentlichten Beitrags. Ausführungen wie diese sollten auch die stärksten Zweifler wachrütteln: „Im Seuchenjahr 2020 waren die Betten auf den Intensivstationen insgesamt wegen vieler abgesagter Operationen sogar so wenig belegt wie lange nicht; der Anteil der mit Covid-Patienten belegten Intensivbetten lag im Durchschnitt bei vier Prozent und selbst in der schlimmsten Phase einer Datenauswertung der TU Berlin und des Essener Wirtschaftsforschungsinstituts RWI zufolge nie weit über 20 Prozent.“

Allzu oft werden Ressourcen verschleudert

„Den Ton gab Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor, als er eine Prämie von 50.000 Euro für jedes zusätzliche Intensivbett auslobte; knapp 700 Millionen Euro hat der Bund dafür ausgegeben.“ Hinzu kommen, wie Reitschuster.de berichtete, 10,2 Milliarden Euro Steuergelder in Form von Freihaltepauschalen.

Übereinstimmend mit Reitschuster.de geht es nach Ansicht der „FASZ“ „viel zu häufig weniger um das Wohl der Patienten als um finanzielle Fehlanreize.“ Allzu oft würden auf den Intensivstationen Ressourcen verschleudert, die anderswo fehlten. „Und viel zu häufig werden deshalb Patienten bis zum bitteren Ende behandelt, obwohl es aussichtslos ist.“

Die Intensivstation bringe so viel Umsatz wie keine andere Abteilung in der Klinik. Sobald ein Patient beispielsweise künstlich beatmet werde, vervielfache sich die Fallpauschale. „Dann sind für die Klinik schnell 1.500 Euro am Tag, 40.000 Euro in vier Wochen drin“, rechnet der Autor vor.

Dazu passt, dass die Bundesbürger nicht nur bei den Intensivbetten einsamer Spitzenreiter in Europa sind, sondern auch bei der Zahl der Krankenhausfälle je 100.000 Einwohner. „Kein anderes Volk liegt so oft in der Klinik. Kein Wunder, dass die Pflegekräfte nicht reichen“, so die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“.

Wie viel Medizin ist überhaupt gut für den Patienten?

Der im Wirtschaftsteil der Zeitung erschienene Beitrag wirft zugleich eine ethische Frage auf: „Die finanziellen Fehlanreize, die das System birgt, verschränken sich auf verhängnisvolle Weise mit der in Politik und Gesellschaft verbreiteten Scheu vor einer unangenehmen ethischen Frage: Wie viel Medizin wollen wir uns leisten; und wie viel Medizin ist überhaupt gut für den Patienten?“

Hinter dem Vergütungssystem stehe die Überzeugung, dass es in der medizinischen Versorgung in Deutschland partout keine Obergrenze geben solle, zumindest keine klar formulierte. Das kann aber kaum gutgehen, wenn Wissenschaft und Technik immer neue Behandlungsmöglichkeiten schaffen, während gleichzeitig das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt und deshalb viele Patienten schon in schlechter gesundheitlicher Verfassung ins Krankenhaus kommen. Auf den Intensivstationen lässt sich besichtigen, wohin das führt.“

Aperçu am Rande: Mit Forderungen wie „weniger Intensivstationen und weniger Intensivbehandlungen“ zieht keine Partei in den Wahlkampf. Das System dürfte also weiter chronisch krank bleiben – und sich spätestens bei der vierten Welle wieder als willkommene Methode zur Panikmache instrumentalisieren lassen.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!
Dipl.-Volkswirt Christian Euler widmet sich seit 1998 intensiv dem Finanz- und Wirtschaftsjournalismus. Nach Stationen bei Börse Online in München und als Korrespondent beim „Focus“ in Frankfurt schreibt er seit 2006 als Investment Writer und freier Autor u.a. für die „Welt“-Gruppe, Cash und den Wiener Börsen-Kurier.
Bild: Shutterstock/Drop of Light
Text: ce
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