Kann man einen verbrecherischen Angriffskrieg rechtfertigen? Sind an einem Überfall auf ein Nachbarland wirklich mehrere schuld?

Eine Leserin schickte mir folgenden Brief:
„Hallo Herr Reitschuster,
hiermit möchte ich Sie darüber in Kenntnis setzen, dass ich die Seitenpatenschaft gekündigt habe.
Ich habe Sie ein Jahr lang sehr gerne unterstützt, Sie waren eine große journalistische Hoffnung für mich in Zeiten Coronas.
Ich kann Ihre persönliche Putinantipathie durchaus nachvollziehen, Sie erklären das auch sehr gut. Mir ist jedoch gerade in den letzten beiden Jahren klar geworden, dass ich wirklich KEIN Wort der Öffentlich Rechtlichen mehr glaube.
Auch glaube ich nicht, dass es NUR einen SCHULDIGEN in dieser Ukraine-Geschichte gibt. Daher würde ich mich sehr freuen, wenn Sie weiterhin objektiv berichten würden und sich nicht von Ihren subjektiven Empfindungen verleiten lassen.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und Kraft in diesen Zeiten,
Herzliche Grüße
XXXX“
Meine Antwort:

Hallo Frau XXXX,

besten Dank für Ihre Nachricht und die offenen Worte.
Seien Sie mir nicht böse, wenn ich ebenso offen antworte: Nach dieser Logik könnte man genauso sagen, dass es für Hitlers Verbrechen nicht nur einen Schuldigen gibt. Und dass man nicht einseitig über den Zweiten Weltkrieg, den er verbrecherisch begonnen hat, berichten darf – weil Deutschland ja zuvor schlecht behandelt wurde und andere Länder schließlich auch Kriege begonnen haben.
Ich würde mich schämen, würde ich nicht „einseitig“ gegen verbrecherischen Angriffskrieg Position beziehen.
Ich halte es da mit Martin Luther King:
„Es kommt eine Zeit, in der man eine Position einnehmen muss, die weder sicher noch politisch noch populär ist, aber man muss sie einnehmen, weil sie richtig ist.“
Bitte sehen Sie mir das nach. Aber solche Verbrechen sind durch nichts, aber auch gar nichts zu rechtfertigen. Und ich kann dazu nicht schweigen und kann sie auch nicht relativieren. Ich würde alles verraten, was mir wichtig ist, und könnte nicht mehr in den Spiegel schauen. Ich habe 16 Jahre in Moskau gelebt, kenne Putin persönlich, und warne seit fast 20 Jahren genau vor dem, was jetzt passiert ist. Zu viele wollten es nicht wahrhaben, setzten sich eine rosarote Brille auf. Dabei war vieles vorhersehbar, wenn man die Entwicklung aufmerksam verfolgte.
Und ich finde es absolut erschreckend, wie einige Menschen in Deutschland diese Verbrechen immer noch relativieren und sich Putin weiter schön denken oder seine Untaten aufwiegen mit denen anderer Länder. Als ob Unrecht gegen Unrecht aufgewogen werden könnte. So eine Einstellung schockiert mich zutiefst.
Es ist so, wie wenn man eine Vergewaltigung damit rechtfertigt, dass der Täter vorher schlecht behandelt wurde. Und andere auch schon Vergewaltigungen begangen haben. Selbst wenn das so war – rechtfertigt es Verbrechen? Macht es einen blutigen Überfall auf ein Nachbarland mitten in der der Nacht weniger schlimm? Das Opfer weniger bemitleidenswert?
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich hier mit Flüchtlingen aus Kiew, einer Mutter mit ihrer siebenjährigen Tochter. Sie sollten sich anhören, was die beiden erlebt haben. Ebenso wie sehr viele meiner Freunde aus der Ukraine. Ich habe der Frau, die auch nach Tagen in Sicherheit immer noch um die Fassung ringt und kaum schläft, gerade von Ihrem Brief erzählt.
Sie bat mich, Ihnen folgende Antwort aufzuschreiben: „Gestern hat ein Landsmann von mir, der seit zehn Jahren in Russland lebt, ein Historiker, der sein Diplom über die Geschichte Russlands unter den Zaren geschrieben hat, mir empfohlen: Verschwenden Sie Ihre Zeit nicht darauf, Menschen zu erklären, was gut und was böse ist. Man braucht nur die jüngere russische Geschichte anzusehen. Der Kreml hat stets versucht, den Nachbarn Russlands das Leben so schwer zu machen wie möglich, und ebenso den Menschen im eigenen Land, die man ausbeutet und unterdrückt. Ich bin nicht radikal. Ich bin weit davon entfernt, alles schwarz weiß zu sehen, zu sagen, die einen sind nur die Guten und die anderen nur die Schlechten. Auch die Ukraine hat Fehler gemacht, klar. Aber man muss doch die Realität sehen, sehen, wer wen überfallen hat.“
Mir geht es wie Ihnen, dass ich kein Vertrauen mehr in die öffentlich-rechtlichen und die meisten großen Medien mehr habe. Sie haben sich hoffnungslos diskreditiert. Aber wenn sie morgen schreiben, dass die Erde eine Kugel ist, werde ich nicht das Gegenteil behaupten, nur um eine andere Position zu vertreten. Meine Meinung zu dem Krieg basiert auf meinen Erfahrungen aus 16 Jahren in Russland, und Informationen aus Quellen vor Ort in Russland und der Ukraine, denen ich aus langjähriger Erfahrung heraus vertraue.
Besonders erschreckend finde ich auch, dass viele Menschen, die die Propaganda in Deutschland durchschaut haben, der des Kreml auf den Leim gehen. Der eine Desinformationspolitik betreibt, die auf ein 100-jähriges Know-How des KGB zurückgeht. Und deren Handschrift ich vor allem seit Angela Merkel eben auch bei vielen deutschen Medien erkenne – wenn auch in noch modernerem, an den Westen angepassten Gewand. Etwa die Diffamierung von politischen Gegnern als „Nazis“ (für den Kreml heue die Ukrainer, zuvor, wie für Merkel & Co. bei uns, Regierungskritiker). Letztlich war das Grundziel der sowjetischen und später russischen Desinformation stets, die Leute so weit zu bringen, dass sie ihren moralischen Kompass verlieren und nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden können, zwischen Propaganda und Information. Dass alles relativiert wird. Diese Strategie war erfolgreich – auch, weil so viele unserer Politiker und Journalisten tatsächlich ihren moralischen Kompass verloren haben. Weil auch unsere Medien so viel lügen.
Natürlich müssen wir uns die Frage stellen: Was haben wir selbst falsch gemacht? Was hätten wir anders machen müssen? Welche Konsequenzen müssen wir dafür für die Zukunft ziehen?  Aber all das darf nicht dazu führen, einen barbarischen Angriffskrieg zu relativieren. Meine tiefste Überzeugung ist: Der größte Fehler des Westens war es – neben zahlreichen anderen –, die Aggressivität von Putin und seiner Politik zu lange sträflich verharmlost, ja ignoriert zu haben. Man hätte Putin rechtzeitig stoppen können – und müssen. Diejenigen, die wegsahen, die ihn verharmlosten, die beschwichtigten, haben ihn dadurch bestärkt, noch weiter zu gehen. Sie haben damit eine Mitverantwortung an seinem Überfall auf die Ukraine.
Auch ich wünsche Ihnen alles Gute und Kraft in diesen schweren Zeiten
Ihr
Boris Reitschuster
PS: Hier ein sehr interessanter Artikel zum Thema: „Es gab und gibt gute und vernünftige Gründe, überzogene Covid-Maßnahmen in verschiedenen Ländern zu kritisieren. Es gibt weiterhin sehr gute Gründe, z. b. gegen eine Impfpflicht zu sein. Es gibt keinen vernünftigen Grund, einen Angriffskrieg auf ein anderes Land zu unterstützen. Wer hier daher das Covid-Thema jetzt dies mit dem Russland-Thema vermischt und hier sozusagen einen glatten Angriffskrieg eines Landes relativiert oder Fakten leugnet oder Lügen anhängt und diese verbreitet, der hat überhaupt nichts verstanden und schadet auch dem Covid-Thema. Außerdem verhöhnt man damit die vielen Opfer des Krieges in der Ukraine.“
Das Leid in der Ukraine ist unermesslich. Es trifft auch viele Freunde von mir, weswegen es mich ganz besonders bewegt. Bitte helfen Sie den Menschen dort – hier finden Sie eine Übersicht, wie Sie helfen können. Einen guten Hinweis für direkte Hilfe, die direkt bei konkreten Menschen ankommt, finden Sie in dem oben erwähnten Artikel von kath.net (ganz am Schluss, über diesen Link hier).

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Bild: IRINA SHI/Shutterstock
Text: br

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