Krankenkassen verschärfen Sparkurs – Maulkorb für Berufsverbände „Versorgung der Patienten wird sich weiter verschlechtern“

Von Kai Rebmann

Der sogenannte Erweiterte Bewertungsausschuss des KBV-Spitzenverbands hat sich trotz ausdrücklicher Ablehnung der Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für eine Absenkung der Honorare für Psychotherapeuten in Deutschland um 4,5 Prozent zum 1. April 2026 entschieden. Davon betroffen sind alle genehmigungspflichtigen Leistungen sowie psychotherapeutische Sprechstunden und Akutbehandlungen für gesetzlich Versicherte.

Eine Leserin, die eigenen Angaben zufolge selbst als Fachärztin auf diesem Gebiet praktiziert, sieht in dieser Maßnahme eine „Herabwürdigung psychotherapeutischer Leistungen“ und warnt eindringlich vor den sich daraus ergebenden Folgen: „Die Versorgung der Patienten wird sich hierdurch noch weiter verschlechtern, da es sich Psychotherapeuten mit Kassensitz nicht mehr leisten können, hauptsächlich gesetzlich Versicherte zu behandeln.“

Psychotherapeuten hätten in Deutschland keine Lobby, beklagt unsere Informantin, jedenfalls keine, die auch nur annähernd mit jener der allgemeinen Ärzteschaft vergleichbar wäre. Mehr noch: „Die Berufsverbände wurden im Vorfeld der Verhandlungen zum Stillschweigen aufgefordert, wodurch die Interessen der Betroffenen nicht ausreichend und rechtzeitig vertreten werden konnten“, schreibt uns die Leserin. Schon allein das sei für sich genommen ein Skandal, sagt sie.

Oder mit anderen Worten ausgedrückt: Die Psychotherapeuten bekamen einen klassischen Maulkorb verpasst und wurden letztlich vor vollendete Tatsachen gestellt! So sprechen auch die DGVT-Vorstände Monika Bormann und Alfred Luttermann in einer aktuelle Pressemitteilung des Berufsverbands der Psychotherapeuten von einer „Zumutung“ und bezeichnen den jetzt eingeschlagenen Weg der Honorarkürzung als „inakzeptabel und schädlich“. Umso unverständlicher seien die Einschnitte, da diese die Facharztgruppe mit den schon bisher „mit großem Abstand niedrigsten Honoraren in der vertragsärztlichen Versorgung“ treffen. Dagegen werde man sich „mit allen legitimen politischen und rechtlichen Mitteln“ wehren, wie die Funktionäre ankündigen.

Wie schon bei Corona - Kinder und Jugendliche wieder die Leidtragenden?

Was den Vorständen des Berufsverbands besonders sauer aufstößt: „Aktuell haben wir noch keine genauen Details, wie die 4,5 Prozent zustande gekommen sind, das heißt wie die Auslegung der Kostenstatistik durch den Bewertungsausschuss konkret aussieht. Sprich: der zuständige Ausschuss teilte den Psychotherapeuten am 11. März 2026 mit, dass deren Honorare mit Wirkung zum 1. April 2026 gesenkt werden – bleibt jede weitere Begründung für diesen spürbaren Einschnitt aber schuldig.

Diese dürfte für viele Beobachter auch schwierig zu finden sein. Denn während die Beitragsschraube bei den gesetzlichen Krankenkassen seit Jahren nur die Richtung nach oben kennt, werden die Leistungen immer weiter eingedampft. Jetzt geht es also den Psychotherapeuten ans Portemonnaie und damit einer Gruppe, die ohnehin noch nie einen leichten Stand innerhalb der Fachärzteschaft hatte – was sich unmittelbar auch auf Quantität und Qualität der entsprechenden Gesundheitsversorgung auswirken dürfte.

Tatsächlich könnte in Deutschland schon bald eine Unterversorgung auch bei den psychotherapeutischen Leistungen drohen, worauf der Berufsverband unmissverständlich hinweist. Zwar sei die Zahl der Therapeuten in den vergangenen Jahren angestiegen, was aber nicht zu einer Verringerung der Wartezeiten geführt habe – ganz im Gegenteil, sei die Nachfrageseite noch deutlich stärker gestiegen: „Hohe Prävalenzen, Entstigmatisierung von Psychotherapie, die psychosozialen Folgen der COVID-19-Pandemie (insbesondere im KJP-Bereich)“ – also bei den Kindern und Jugendlichen – „sowie verbesserte Diagnostik haben den Bedarf überproportional wachsen lassen.“

Eine Entspannung zeichnet sich aber auch nach dem Überwinden der Corona-Jahre nicht ab. In dieser Woche veröffentlichte die Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart den aktuellen Deutschen Schulbarometer, und der liefert einmal mehr alarmierende Zahlen. Demnach fühlten sich im Jahr 2025 rund ein Viertel aller Schüler „psychisch belastet“, was vor allem für Kinder und Jugendliche aus sozial und finanziell schwächer gestellten Familien gelte. Als mögliche Gründe für diese Entwicklung werden Leistungsdruck in der Schule, Zukunftsängste und Vereinsamung infolge immer weiter zunehmender Nutzung der sogenannten sozialen Medien genannt. Die Arbeit wird den Psychotherapeuten in Deutschland also auch in den kommenden Jahren – leider – nicht ausgehen.

Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

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Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Bild: KI-generiert (Grok)