Lukrative Geschäfte mit der Intensivbehandlung Verlockende finanzielle Anreize

Von Christian Euler

Die Coronakrise entpuppt sich zunehmend als Eldorado für die Krankenhäuser. Allein im vergangenen Jahr erhielten die Kliniken 10,3 Milliarden Euro für das Freihalten von Betten. Obwohl es 13 Prozent weniger Behandlungsfälle als 2019 zuvor gab, freuten sich Deutschlands Krankenhäuser 2020 über ein Umsatzplus von 15 Prozent. Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstandsmitglied im Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung, bezeichnete das vergangene Jahr vor diesem Hintergrund als „das goldene Jahr der Krankenhausfinanzierung“ (Reitschuster.de berichtete).

Angesichts der Krise wird Vieles augenscheinlich nicht hinsichtlich der Notwendigkeit und des dafür bereitgestellten Kapitals hinterfragt. Wenn ökonomische Kriterien ins Spiel kommen, scheinen die Kliniken versucht, mit dem Leben der Patienten nicht nur ihren Leistungsausweis, sondern zugleich auch ihre Bilanz aufzupolieren.

Nun wurde bekannt, dass hierzulande womöglich mehr Covid-Patienten intensivmedizinisch und damit teurer behandelt wurden als notwendig. Dies ergibt sich aus heute in der „Welt am Sonntag“ veröffentlichten Zahlen der DAK, die zu den größten deutschen Krankenkassen zählt. Die Daten und deren Auswertung stammen von Matthias Thöns, Anästhesist, Palliativmediziner und Buchautor. Danach wurden von Februar bis Mitte Juni vergangenen Jahres 5.157 DAK-Versicherte wegen Covid-19 auf Intensivstationen behandelt.

»Die hohe Zahl der Beatmeten ist erschreckend«

81 Prozent von diesen Patienten wurden beatmet. „Der sehr hohe Anteil an Beatmung lässt sich nicht allein mit medizinischer Notwendigkeit erklären“, gibt Thöns laut „Welt am Sonntag“ zu bedenken. Dies wirft die Frage auf, ob es den Kliniken nicht um das Wohl der Menschen, sondern auch um ein monetäres Interesse in Form besonders teurer Leistungen ging. Dafür spricht nicht zuletzt, dass die Beatmungsquote in anderen europäischen Ländern – bei einer geringeren Todesrate – deutlich geringer ist.

Die Versorgung Covid-19-Kranker mit Sauerstoff ist ein lukratives Geschäft. Während stationäre Behandlungen mit durchschnittlich 5000 Euro zu Buche schlagen, können Fälle von Intensivbeatmung mit 38.500 Euro abgerechnet werden, in Einzelfällen sogar mit 70.000 Euro.

„Die hohe Zahl der Beatmeten ist erschreckend“, zitiert die „Welt am Sonntag“ den Lungenarzt und ehemaligen Chef des Verbandes der pneumologischen Kliniken Dieter Köhler. Erschrecken dürfte dies vor allem, weil die sogenannte invasive Beatmung, also die Luftzufuhr über einen Schlauch in den Hals, sehr riskant ist.

So kann eine mechanische Beatmung das Leben von Corona-Patienten nicht immer retten. Von den Patienten, die in Großbritannien auf Intensivstationen beatmet wurden, konnte nach den vom britischen „Intensive Care National Audit and Research Center“ über Ostern 2020 veröffentlichten Ergebnissen nur jeder Dritte später lebend entlassen werden, berichtete das „Ärzteblatt“ bereits im April vergangenen Jahres. Die Behandlungsergebnisse scheinen damit ungünstiger zu sein als bei anderen Viruspneumonien.

»Da muss man sich schon fragen, ob das nicht sogar kontraproduktiv war«

Thomas Voshaar, Chefarzt des Krankenhauses Bethanien in Moers und Leiter des dortigen Lungenzentrums, versucht daher, invasive Beatmungen zu vermeiden und zieht die Sauerstoffversorgung per Maske vor. Es sei immer ein relatives Geschäft, wer auf Intensivstationen kommt, so der Lungenarzt: „Bei schwer Erkrankten ist die Entscheidung eindeutig, bei leichteren Fällen gibt es einen Ermessensspielraum.“

„In der Frühphase der Pandemie wurden ausgesprochen viele Corona-Patienten intubiert, selbst sehr alte Menschen. Da muss man sich schon fragen, ob das nicht sogar kontraproduktiv war“, schildert Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes.

Mit Blick auf die Erfolgsrechnung der Kliniken kann von Kontraproduktivität indes kaum die Rede sein. „Durch die hohe Vergütung gibt es leider einen finanziellen Anreiz für die invasive Form der Beatmung“, sagt Lungenfacharzt Voshaar in der „Welt am Sonntag“.

Dazu passt, dass es sich gerade in Deutschland mehr als anderswo für die Krankenhäuser lohnt, Patienten auf Intensivstationen zu verlegen. Dies zeigt eine Analyse der TU-Berlin. Danach lagen hierzulande im vergangenen Herbst mit 19 Prozent erheblich mehr Covid-Patienten auf den Intensivstationen als etwa in Dänemark (neun Prozent), Großbritannien und Spanien (acht Prozent) – und das bei einer geringeren Todesquote.

Lohnende Ausgleichszahlungen ab Herbst 2020

Besonders beunruhigend: „Es wurden 86 Patienten über 90 Jahre beatmet, das sind mehr als in der Altersgruppe unter 35“, sagt Palliativmediziner Thöns, „aber keiner der hochaltrigen Intensivpatienten erhielt eine erkennbare Palliativversorgung.“

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft mag derlei Beschuldigungen nicht auf sich sitzen lassen: „Aus den Daten die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Ärzte unnötig beatmet haben, ist durch nichts belegt, wir weisen diese Behauptung vehement zurück.“

Unstrittig ist jedoch, dass die Kliniken spätestens ab Herbst besonders motiviert waren, vermehrt Patienten auf die Intensivstationen zu verlegen: Sie konnten Ausgleichszahlungen kassieren, wenn es in ihrem Landkreis weniger als 25 Prozent freie Intensivbetten gab.

„Viele Patienten kamen danach wohl auch nur zur Überwachung auf Intensivstation“, so Chefarzt Voshaar gegenüber der „Welt am Sonntag“, „dies ist nicht verwerflich. Problematisch ist nur, dass die Auslastung der Intensivstationen zuletzt zum Hauptargument der Politik für die Bundesnotbremse wurde.“

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Dipl.-Volkswirt Christian Euler widmet sich seit 1998 intensiv dem Finanz- und Wirtschaftsjournalismus. Nach Stationen bei Börse Online in München und als Korrespondent beim „Focus“ in Frankfurt schreibt er seit 2006 als Investment Writer und freier Autor u.a. für die „Welt“-Gruppe, Cash und den Wiener Börsen-Kurier.
Bild: Youtube/Screenshot
Text: ce
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