Masken-Manie oder Rassismus? Plötzlicher Wechsel des Narrativs Ganz neue Version des Angriffs auf 17-Jährige in Berlin

Es gibt Momente, in denen ist man auch als erfahrener Journalist mit seinem Latein am Ende. Man hat zwar eine sehr persönliche Meinung, sieht sich aber nicht in der Lage, diese auch wiederzugeben – weil sie einfach nur ein Bauchgefühl ist und man zu viel Verantwortung hat als Journalist, um das zu tun, was man als Privatperson durchaus darf: Seinem Bauchgefühl zu folgen.

Deshalb gebe ich hier einfach so nüchtern, wie es mir möglich ist, den Sachverhalt wieder. Am 6. Februar hat die Berliner Polizei eine Pressemitteilung herausgegeben, die ich hier auf der Seite ausführlich wiedergab. Sie begann mit folgenden Worten: „Bei einem Streit über eine fehlende Mund-Nase-Bedeckung wurde gestern Abend in Prenzlauer Berg eine 17-Jährige verletzt.“ Weiter hieß es dann: „Gegen 20.10 Uhr alarmierte die Jugendliche die Polizei in die Greifswalder Straße und gab an, dass es zuvor in der Tram der Linie M4 zu einem Streit zwischen ihr und sechs Erwachsenen gekommen sei, weil diese die Jugendliche auf ihre fehlende Mund-Nase-Bedeckung angesprochen hätten. Nach Angaben der Jugendlichen sei es daraufhin erst zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen und sie sei von zwei Frauen aus der Gruppe rassistisch beleidigt worden.“ Weiter werden Details des brutalen Angriffs auf die junge Frau wiedergegeben, die dazu führten, dass sie ins Krankenhaus musste. Ganz eindeutig war in dieser Meldung das zentrale Thema, dass die Frau wegen fehlender Maske angegriffen wurde; der Rassismus wurde als Randbegleitung geschildert.

Inzwischen hat die junge Frau im Internet ein Video veröffentlicht, in der alles genau umgekehrt dargestellt wird. Sie habe eine Maske getragen, die Angreifer nicht, und Rassismus sei das Motiv gewesen. Anzusehen war das Video, das bei Instagram inzwischen 5,7 Millionen Mal abgerufen wurde, nicht lange: So überraschend wie es auftauchte, verschwand es auch wieder, der Link funktioniert inzwischen zumindest nicht mehr (überprüfen können Sie das hier). Der Instagram-Account war offenbar neu, das Video der erste und bislang einzige Beitrag. Hingewiesen wurde in ihrem Profil, in dem sie als Unternehmerin bezeichnet wurde, auf die Initiative „The Empire„. Die schreibt über sich: „The Empire wird Hand in Hand mit IM Mastery Academy insgesamt mehr als 1.000.000 Menschen empowern, enrichen & educaten.“

Das Video macht den Eindruck, dass die junge Frau bei seiner Erstellung Hilfe bekam. Was auch völlig legitim ist. Da das Video geschnitten ist, ist die Beurteilung seiner Authentizität erschwert.

Die Polizei machte zwischenzeitlich etwas, was ich in vielen Berufsjahren so nicht in Erinnerung habe (was nicht heißt, dass es das nicht gelegentlich gibt): Sie veröffentlichte unter dem Titel „Korrektur einer Pressemeldung vom 6. Februar 2022“ quasi einen Widerruf in eigener Sache. Da heißt es: „In einer Meldung vom 6. Februar 2022 hatte die Polizei Berlin mitgeteilt, dass eine 17-Jährige, die von mehreren Erwachsenen rassistisch beleidigt und körperlich attackiert worden war, keine Mund-Nase-Bedeckung getragen habe. Wie bei jeder anderen Pressemeldung der Polizei Berlin auch, kann nur der Stand der Informationen wiedergegeben werden, der zum Zeitpunkt des Verfassens der Meldung bestand. Die hier verwendeten Informationen stammten aus den vor Ort aufgenommenen Strafanzeigen, die, wie die weiteren Ermittlungen gezeigt haben, missverständlich formuliert waren. Im Rahmen der Sichtung vorhandenen Videomaterials sowie weiterer Ermittlungen konnte nun festgestellt werden, dass die Jugendliche beim Ein- und Aussteigen aus der Tram eine Mund-Nase-Bedeckung trug und diese lediglich bei dem auf die rassistischen Beleidigungen folgenden Streitgespräch mit den sechs Erwachsenen kurzfristig nach unten gezogen hatte. Die sechs tatverdächtigen Erwachsenen trugen überwiegend keine Mund-Nase-Bedeckungen. Die Ermittlungen dauern an.“

Damit hat sich die Geschichte innerhalb von drei Tagen um 180 Grad gewendet. Aus dem vermeintlichen Übergriff von Masken-Anhängern auf eine Nicht-Maskenträgerin wurde eine Attacke von Nicht-Masken-tragenden Rassisten auf eine junge Frau mit Migrationshintergrund.

Passte die Geschichte ursprünglich ins politische Narrativ von Politik und „Qualitätsmedien“ wie eine Bibel ins Lenin-Mausoleum, so hat sich das nun völlig gedreht: Die neue Version wirkt wie aus dem politischen Erziehungsprogramm, in dem man sich in diesen Zeiten in der Bundesrepublik regelmäßig zu befinden glaubt.

StaatsvirusAuch wenn ich in letzter Zeit mit der deutschen Polizei, die ich früher immer sehr schätzte und gegen Angriffe in Schutz nahm, hadere: Dass eine Polizeimeldung das Gegenteil von dem wiedergibt, was geschah, wäre früher für mich undenkbar gewesen. Heute kann man das leider nicht mehr ausschließen – und es wirkt wie ein Treppenwitz, dass genau diese traurige Entwicklung hier nun als Beleg dafür herhalten muss, dass auch bei dem 180-Grad-Wechsel durchaus alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Kann, aber nicht muss.

Denn eines ist klar, und eigentlich ist das gar kein Bauchgefühl, wie ich anfangs – offenbar unter dem Einfluss der Emotionen, die diese Geschichte auslöst – schrieb: Entweder ging der ersten Pressemitteilung eine sehr schlampige polizeiliche Arbeit voraus, oder Aussagen von Beteiligten waren massiv falsch, und/oder mit der 180-Grad-Wende stimmt etwas nicht. Eine vierte Möglichkeit sehe ich nicht – lasse mich aber gerne von Ihnen aufklären und werde den Beitrag entsprechend aktualisieren. Und mich freuen, wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, meine Ratlosigkeit beenden können.

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Bild: Shutterstock
Text: br

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