Mit „ansteckenden Impfstoffen“ zur schnellen Herdenimmunität? Verschwörungstheorie könnte Realität werden

Von Daniel Weinmann

Lange Zeit galt die Herdenimmunität als Königsweg für die Überwindung der Pandemie. Das Kalkül lautete: Ist ein großer Teil der Bevölkerung immun gegen SARS-CoV-2, reißen Infektionsketten früh ab. Dadurch sind auch nicht immune Menschen vor einer Ansteckung geschützt.

Mittlerweile haben viele Fachleute ihren Optimismus verloren. Selbst RKI-Chef Lothar Wieler gestand bereits im vergangenen November ein, dass das Virus nicht komplett verschwinden werde und strich das Wort Herdenimmunität aus seinem Sprachschatz. Auch Aerosolforscher Gerhard Scheuch hält eine Herdenimmunität mit den aktuell zugelassenen Impfstoffen für nicht erreichbar.

Mehrere Wissenschaftler-Teams in aller Welt versuchen laut „National Geographic“, mit einer verwegenen Idee Abhilfe zu schaffen: Sich selbst ausbreitende Impfstoffe sollen wie eine Krankheit fungieren und sich durch Ansteckung schneller ausbreiten als die Erreger, die sie bekämpfen sollen. Diese Erfindung soll Wildtiere daran hindern, Ebola, Tollwut und andere Viren zu verbreiten. Sie könnte die nächste Pandemie verhindern, indem sie verhindert, dass Krankheitserreger von Tieren auf Menschen überspringen.

Kontroverse Forschungsarbeiten

„Stellen Sie sich ein Heilmittel vor, das so ansteckend ist wie die Krankheit, die es bekämpft – einen Impfstoff, der sich im Körper eines Wirts repliziert und auf andere in der Nähe überträgt und so schnell und einfach eine ganze Bevölkerung vor mikrobiellen Angriffen schützt.“ Dies ist laut dem Magazin das Ziel mehrerer Teams auf der ganzen Welt, die kontroverse Forschungsarbeiten zur Entwicklung von sich selbst ausbreitenden Impfstoffen wiederbeleben.

Die US-amerikanische Seuchenbehörde U.S. Centers for Disease Control and Prevention schätzt, dass 60 Prozent aller bekannten Infektionskrankheiten und 75 Prozent der neuen oder neu auftretenden Infektionskrankheiten durch Zoonosen entstehen, also vom Tier auf den Menschen und vom Menschen auf Tiere übertragen werden. „Wissenschaftler können nicht vorhersagen, warum, wann oder wie neue zoonotische Krankheiten auftreten werden. Doch wenn sie auftreten, sind diese Krankheiten oft tödlich und kostspielig zu bekämpfen“, heißt es in „National Geographic“.

Impfstoffe seien ein wichtiges Instrument, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern, doch Wildtiere ließen sich nur schwer impfen, da jedes einzelne Tier aufgespürt, gefangen, geimpft und wieder freigelassen werden müsse. Selbstausbreitende Impfstoffe böten eine Lösung. Forscher entwickeln derzeit selbstausbreitende Impfstoffe gegen Ebola, Rindertuberkulose und Lassa-Fieber, eine durch Ratten übertragene Viruserkrankung, die in Teilen Westafrikas jährlich bis zu 300.000 Infektionen verursacht. Der Ansatz könnte auf andere Zoonosekrankheiten wie Tollwut, das West-Nil-Virus, Borreliose und die Pest ausgeweitet werden.

Bislang mangelt es an wissenschaftlicher Evidenz

Die Befürworter von sich selbst ausbreitenden Impfstoffen argumentieren, dass sie die öffentliche Gesundheit revolutionieren könnten, indem sie die Ausbreitung von Infektionskrankheiten unter Tieren unterbrechen, bevor es zu einem zoonotischen Übergreifen kommt – und so möglicherweise die nächste Pandemie verhindern.

Skeptische Experten argwöhnen indes, dass die in diesen Vakzinen verwendeten Viren selbst mutieren, die Arten wechseln oder eine Kettenreaktion auslösen könnten – mit verheerenden Auswirkungen auf ganze Ökosysteme.

Bei jedem der neuen Impfstoffe handelt es sich um sogenannte rekombinante Viren. Die Wissenschaftler identifizieren zunächst ein Protein aus der Zielmikrobe, das als Antigen dient – eine Substanz, die bei geimpften Menschen oder Tieren eine Immunreaktion auslöst. Dann wählen die Forscher ein Virus aus, das den Impfstoff tragen und verbreiten soll. Zu diesem Zweck fangen sie Tiere aus der Zielpopulation – beispielsweise Primaten für Ebola oder Ratten für Lassa-Fieber – und isolieren ein Virus, das diese Tiere auf natürliche Weise infiziert. Dann fügen sie genetisches Material des Zieltieres ein, um einen Impfstoff herzustellen.

Bislang hat noch niemand Feld- oder Laborstudien durchgeführt, um die Auswirkungen und die Sicherheit dieser sich selbst ausbreitenden Impfstoffe zu evaluieren. Allein einer kürzlich durchgeführten mathematischen Modellierungsstudie zufolge könnte die Freisetzung des Lassa-Fieber-Impfstoffs die Krankheitsübertragung unter Nagetieren in weniger als einem Jahr um 95 Prozent reduzieren, wenn das Vakzin wie erwartet funktioniert.

»Diese Impfung wird niemals beim Menschen angewendet werden«

Trotz der möglichen Vorteile warnen viele Experten davor, dass zu wenig über die Übertragung von Zoonosekrankheiten und die virale Evolution bekannt ist, um genau vorhersagen zu können, was passieren könnte, wenn ein sich selbst verbreitender Impfstoff in die freie Wildbahn entlassen würde.

„Unser Wissen über die Dynamik von Infektionskrankheiten bei Wildtieren ist größtenteils noch zu einfach, um das Ergebnis eines solchen Eingriffs sinnvoll vorhersagen zu können“, warnt etwa Andrew Peters, außerordentlicher Professor für Wildtiergesundheit und -pathologie an der Charles Sturt University in Australien und Präsident der Wildlife Disease Association.

Das Gros der Forscher ist sich laut „National Geographic“ einig, dass derartige Impfstoffe niemals in der menschlichen Bevölkerung angewandt werden könnten, da eine allgemeine Zustimmung niemals erreicht werden könnte.

Alec Redwood, Studienleiter an der University of Western Australia, hat erhebliche Vorbehalte: „Wir können die Menschen nicht einmal dazu bringen, sich bei einer weltweiten Pandemie impfen zu lassen. Die Vorstellung, dass man die Bevölkerung heimlich mit einem Virus impfen kann, ohne dass es zu Unruhen kommt, ist einfach nur ein Hirngespinst. Diese Impfung wird niemals beim Menschen angewendet werden.“

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Daniel Weinmann arbeitete viele Jahre als Redakteur bei einem der bekanntesten deutschen Medien. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Angel Soler Gollonet/Shutterstock
Text: dw

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