„Nicht die enorme Katastrophe“ Unerwünschte Details zu Corona und Impfung

Wir leben in ungewöhnlichen Zeiten. Im Münchner Merkur erschien ein Artikel, in dem der Virologe Hendrik Streeck sich sehr kritisch in Sachen Impfung äußerte. Die Überschrift: „Virologe Streeck warnt vor Impfstoff-Euphorie – und kritisiert Söder scharf: ‘Redet an Realität vorbei‘“. Das Problem: Der Artikel war nur kurze Zeit online.

In dem Beitrag wird berichtet, wie Hendrik Streeck bei einem Vortrag „vor Impfstoff-Euphorie“ gewarnt hat. Und den Kurs von CSU-Chef Markus Söder massiv kritisiert. Zitat aus dem Auftritt des Direktors des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn bei einer Videokonferenz des Rotary Clubs Schliersee„Momentan wissen wir noch sehr wenig über den Impfstoff. Die schlechteste Situation wäre, dass der Impfstoff nur sechs Monate wirksam ist und wir kommendes Jahr im Herbst wieder dasselbe Problem wie heute haben.“

„Viele Fragen seien noch ungeklärt“, so Streeck: Beispielsweise, ob der Impfstoff des US-Pharmakonzerns Moderna vor einer Infektion oder nur vor einem schweren Verlauf schütze. ‘Wir wissen auch nicht, wie lange ein Impfschutz vorhält‘, so der Professor. „Wir können nur von der natürlichen Immunität auf die Wirksamkeit des Impfstoffs schließen – und auch in Deutschland gibt es inzwischen Fälle von Re-Infektionen.“

Weitere Kritik-Punkte des Virologen: Schutzdauer und Effektivität des Corona-Impfstoffs könnten unter den Erwartungen vieler zurückbleiben. Impfzentren alleine könnten den Impfstoff nicht flächendeckend verabreichen, weil dafür Hausärzte nötig seien. Zudem verurteilte Streeck Zahlenspiele der Politik in Sachen Sterblichkeit. Wenn Bayerns Ministerpräsident Söder sage, die Todeszahlen seien aktuell so hoch, als würde täglich ein Flugzeug abstürzen, dann rede er an der Realität vorbei, stellte Streeck klar: „Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann ist es nicht die enorme Katastrophe, als die sie gerade dargestellt wird.“

Starker Tobak.

Umso erstaunlicher, dass er so schnell aus dem Internet verschwand. Der ursprüngliche Link führt nur noch auf eine Fehlerseite.

Meine Leserin Heike Lahrmann-Lammert schrieb deswegen an den Münchner Merkur. Und weiß Interessantes zu berichten:

Hallo Herr Reitschuster, ich habe mich am Donnerstag auch gewundert, dass ich auf Google einen Link des Münchner Merkurs mit der Überschrift „Corona-Impfung: Virologe Streeck warnt vor Euphorie – und attackiert Söder hart“ fand, wenn ich diesen anklickte, jedoch die Meldung erschien, der Inhalt sei nicht auffindbar. Auch ich dachte angesichts der allgemeinen, völlig einseitigen medialen Berichterstattung und des autoritären bis autokratischen Regierungsstils von Söder gleich an Zensur. Ganz so ist es aber nicht. Ich schrieb die Redaktion per Email an und erhielt folgende Antwort: „Sehr geehrte Frau Lahmann-Lammert, Herr Prof. Dr. Streeck wähnte sich in einer rein privaten Online-Konferenz des Rotary Club Schliersee und rechnete nicht mit der Anwesenheit von Pressevertretern. Sonst hätte er seine Äußerungen wohl präziser formuliert. Aus Kulanzgründen haben wir den Artikel zurückgenommen, dafür erhielten wir von ihm die Zusage, dass er sich in einem Interview mit uns dazu äußert und seine Einschätzungen eingehender erklärt. Das halten wir für eine sinnvolle Einigung. Mit freundlichen Grüßen Stefan S…… Community Manager Deutschland für die Ippen-Digital-Zentralredaktionen“

Das ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert.

Denn es legt nahe, dass Fachleute wie Streeck, wenn sie sich hinter geschlossenen Türen wähnen, deutlicher Kritik üben, als sie es sich öffentlich trauen. Eine besorgniserregende Entwicklung. Wenn es nur um „präzise Formulierungen“ gegangen wäre, hätte er diese ja problemlos präzisieren können. Ohne den ganzen Artikel streichen zu lassen. So wirkt sein Vorgehen eher wie Selbstzensur aus Angst vor der eigenen Courage.

Umgekehrt ist es erstaunlich, dass der Merkur der Bitte nachkam. In Zeiten, in denen ein österreichischer Vize-Kanzler illegal abgehört wird und die Aufnahmen breit in allen Medien verbreitet werden, obwohl sie dessen politisches Ende bringen. Da ist ein Vortrag vor einem Rotary-Club, in dem Klartext geredet wird, nicht unbedingt viel schutzbedürftiger. Und die Abwägung, wie groß das öffentliche Interesse an so einem Klartext ist, wäre in meinen Augen hier sogar eindeutiger als im Falle des FPÖ-Chefs Strache, der offenbar unter Alkohol oder Drogen gesetzt war und dumm in eine Falle tappte.

Zudem wäre es transparent gewesen, den Grund für die Löschung des Artikels dem Leser mitzuteilen. Und nicht einfach den Link ins Leere laufen zu lassen.

Glasnost und Transparenz scheinen zu den Opfern von Corona zu zählen.

PS: Das Internet vergisst nichts. Hier können Sie sich den Artikel im Web-Archiv ansehen.

Bild: Golubovy/Shutterstock

Text: red

 

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