Sarrazin-Rauswurf: Die SPD schafft sich ab

Demokratische Parteien leben vom Widerspruch und von der inneren Diskussion. Parteien, die keine anderen Meinungen zulassen und Mitglieder mit abweichenden Ansichten ausschließen, kennen wir aus autoritären Regimen. Was Thilo Sarrazin zum Thema Zuwanderung und Islam zu sagen hat, war vor einigen Jahrzehnten noch durchaus gängiges Gedankengut in der SPD. Dass die heutige Partei es nicht mehr ertragen kann, dass sie Sarrazin heute endgültig ausgeschlossen hat, zeigt, wie dramatisch ihr Linksruck ist.

Altkanzler Helmut Schmidt hatte dem früheren Berliner Finanzsenator noch ausdrücklich den Rücken gestärkt. Er stimme nicht in allen Punkten mit ihm überein, sagte Schmidt 2010: „Aber Sarrazin hat recht, was die Integrationsbereitschaft und -fähigkeit vieler Moslems betrifft: Wer vom Säuglingsalter an in einer völlig europafremden Umgebung groß geworden ist – mit völlig anderem Verhalten gegenüber dem Vater, gegenüber Frauen, mit einem anderen Ehrbegriff -, der lebt sich sehr viel schwerer in die deutsche Gesellschaft ein.“ Deutschland habe viel zu lange Menschen aufgenommen, „unabhängig davon, was sie können oder leisten“, sagte Schmidt 2010. Er mahnte auch eindringlich: „Der Parteiausschluss Sarrazins ist der falsche Weg“.

Genau diesen falschen Weg geht die heutige Parteiführung. Und nicht nur in Hinsicht Sarrazin. Schon mein Urgroßvater war Sozialdemokrat. Zu Zeiten des Kaisers und der Nationalsozialisten mussten er und seine Familie darunter leiden, meine Oma litt bis ins hohe Alter an Spätfolgen. Auch ich war in jungen Jahren Sozialdemokrat, was bei meiner Oma die alten Ängste und Traumata im hohen Alter wieder hochkommen ließ. Ich erlebte, wie hinter verschlossenen Türen die Jungsozialisten vom Sozialismus träumten und die DDR für das bessere Deutschland hielten. Der Zusammenbruch des Sozialismus war für sie eine Katastrophe, die Menschen, die gegen die linke Diktatur aufbegehrten, verachteten sie tief. Vieles von dieser Denkweise, die damals noch selten war innerhalb der SPD, erkenne ich in der heutigen Führung wieder. Weil ich es von innen kenne.

Die linken Ideologen, die Jusos von einst haben die große alte Arbeiterpartei feindlich übernommen. Sie haben so viel mit der alten SPD meines Urgroßvaters gemeinsam wie Angela Merkel mit Konrad Adenauer oder Helmut Kohl. Wenn jemand in der Partei noch die Themen anspricht, die die einstige Stammkundschaft bewegt, wie Sarrazin, schließen ihn diese Ideologen aus. Wie einen Ketzer. Diese lebensfernen Polit-Funktionäre sind nicht mal mehr zu einer offenen Diskussion in der Lage – vielleicht ahnen sie, dass die Realitäten sie widerlegen. Sie haben die SPD faktisch in eine linke Politik-Sekte verwandelt. Diese zehrt noch von den Resten der Substanz und von den Posten, die sie dank Regierungsbeteiligungen zu vergeben hat, und die neben den Glaubenskriegern auch noch Opportunisten anzieht. Noch. Die SPD implodiert, und mit dem Ausschluss Sarrazins hat sie diesen Prozess noch beschleunigt. Frei nach dem Ausgeschlossenen: Die SPD schafft sich ab.


Bild: Lesekreis/Wikicommons/CC0 1.0/Pixabay/bearbeitet/ReitschusterText: br

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