Scheinriese Long-Covid Kaum körperliche Beeinträchtigungen – Fast immer lagen psychosomatische Probleme vor

Von Mario Martin

Etwa 500 Teilnehmer umfasst die Studie, die sich mit den Folgen von Long-Covid beschäftigt. Long-Covid bezeichnet die Nachwirkungen einer Covid-Erkrankung, die regelmäßig von Karl Lauterbach und anderen Warnern zu einem großen Problem hochstilisiert werden.

Diese 500 Patienten geben eine ausreichende Stichprobengröße ab, anhand derer aussagekräftige Rückschlüsse hinsichtlich der Gefährlichkeit von Long-Covid gemacht werden können.

Dem Themenkomplex Long-Covid widmete sich der Leiter der neurologischen Klinik an der Uniklinik Essen, Professor Christoph Kleinschnitz,  in einem Interview mit WDR 5, in dem er über seine Erfahrungen mit der Krankheit berichtet. Die Uniklinik Essen hat eine Long-Covid Ambulanz.

Welche Beschwerden kennzeichnen das Syndrom?

An vorderster Stelle gibt Kleinschnitz Auskunft zu den durch die Krankheit verursachten Beschwerden. Das sind: starke Müdigkeit, sogenannter Nebel im Kopf und generell eine verminderte Leistungsfähigkeit.

Symptome, die so weit gefasst sind, dass sie gleichzeitig für viele andere Krankheiten charakteristisch sind. Aber die fehlende Abgrenzung zu anderen Krankheiten ist wohl typisch für COVID-19. Bei Long-Covid könnte wahrscheinlich jeder Trinker diese Symptome sofort für jeden x-beliebigen Kater halten. Ein Zustand, der auch Karl Lauterbach bestens bekannt ist:

Organe nicht betroffen – Körperliche Schäden liegen kaum vor

Auf die Frage hin, welche Organe durch Long-Covid in Mitleidenschaft gezogen werden, antwortet der Leiter der neurologischen Klinik: “In unserer Studie war das so, 90 bis 95 Prozent der Untersuchungen, die wir durchgeführt haben – da war Kernspin dabei, Nervenwasser-Untersuchung, elektrische Vermessungen des Nervensystems, Ultraschall und so weiter – waren die Befunde unauffällig. […] Unsere Erfahrung an einem wirklich großen Covid-Zentrum ist die, dass man doch vielen Patientinnen und Patienten viel besser über den psychologisch-seelischen Bereich helfen kann.“

Kleinschnitz sagt hier also, dass Long-Covid in den meisten Fällen keine Krankheit im eigentlichen Sinne ist, die einen physischen Schaden beinhaltet, denn Befunde zu körperlichen Schäden liegen kaum vor.

Zahlen deutlich zu hoch gegriffen

Auf den Einwurf des Moderators, wie den 200.000 Menschen, die inzwischen deutschlandweit angeblich an Long-Covid leiden würden, am besten geholfen werden könne, antwortet der Neurologe: “Ich glaube mittlerweile persönlich, die Zahlen sind deutlich zu hoch gegriffen, auch mit diesen 10 bis 15 Prozent, das mag für die Alpha- und Delta-Variante noch gestimmt haben, zu Omikron würde ich das mittlerweile eindeutig bezweifeln. Auch die Tatsache, dass die Impfung eindeutig vor Long-Covid schützt, glaube ich, wird die Zahlen deutlich niedriger halten.”

Hier schließt sich die Frage an, ob die Impfung vorwiegend als Placebo gegen Long-Covid schützt. Da die körperlichen Befunde bei den Erkrankten ausbleiben und die Gruppe der Menschen mit körperlicher Arbeit kaum Long-Covid-Fälle produziert, scheint die Schlussfolgerung des Professors, die Impfung schütze gegen Long-Covid, nur diese Erklärung zuzulassen.

Verwaltungsberufe leiden besonders

Besonders anfällig für das Auftreten von Long-Covid seien Menschen, die schon im Vorfeld der Erkrankung psychologisch-psychiatrische Vorerkrankungen hatten.

“Also, ich sag mal, Menschen mit Depressionen, mit Angststörungen, mit post-traumatischen Belastungsstörungen, alle diese Erkrankungen waren Risikofaktoren, um hinterher nach einer Akut-Covid-Erkrankung auch Long Covid zu entwickeln”, erklärt Kleinschitz.

Anschließend gibt er zu Protokoll, dass Menschen mit Verwaltungsberufen signifikant häufiger in der Long-Covid-Ambulanz vorstellig werden als beispielsweise Patienten, die aus handwerklichen Berufen kommen, Bauarbeiter oder andere Berufe, die den Körper stärker belasten.

PürnerNun fragt der Moderator nach den Gründen der Diskrepanz. Wie könne es sein, dass ein solcher Unterschied nach Berufsgruppen existiert? Und hier setzt der Professor zu einer Antwort an, die es in sich hat: „Es hängt sicherlich damit zusammen, dass einmal Menschen, die vielleicht eher in sitzender Tätigkeit arbeiten, die mehr geistig arbeiten, vielleicht auch eher ihren Gesundheitsstatus reflektieren, sich mehr für Gesundheitsthemen interessieren. [Pause] Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass Leute, die körperlich arbeiten, sich vielleicht Ausfälle oder langfristige Ausfälle nicht ganz so gut leisten können… Selbstständige – übrigens auch unterrepräsentiert bei uns – als Leute, die vielleicht angestellt sind.“

Long-Covid also eine Frage des Geldes? Kleinschnitz‘ Aussage lässt diesen Schluss zu. Die Jobsicherheit, die eine Anstellung beim Staat mit sich bringt, ist eben eine andere als in jenem Bereich, der noch von der freien Wirtschaft übrig geblieben ist.

Lehrer, Hochschullehrer, Beamte und andere von staatlichen Geldern bezahlte Angestellte erkranken also signifikant öfter an Long-Covid als Arbeitskräfte, die nicht von staatlichen Geldern finanziert werden. Hier gibt es nun einige Erklärungsansätze.

Kleinschnitz verweist nochmals auf die Prädisposition, dass psychisch und seelisch belastete Menschen viel eher Long-Covid bekommen. Tiefer in die Analyse der Umstände geht der Professor an dieser Stelle nicht.

Bullshit Jobs

Im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Studie kommt noch ein weiterer Ansatz in den Sinn: Die Arbeitsergebnisse des englischen Professors David Graeber. Der 2020 verstorbene Kulturanthropologe und Publizist forschte die letzten Jahre seines Lebens an der London School of Economics. Unter anderem befasste er sich mit dem Phänomen der “Bullshit Jobs”. In seinem Buch beschrieb er die Unzufriedenheit, mit der ein Großteil der im Westen lebenden Menschen ihrer täglichen Arbeit nachgeht.

Wird bei den Menschen nachgefragt, ob sie ihren Job als sinnvoll und sinngebend betrachten, antwortet die Hälfte der Menschen darauf “überhaupt nicht”. 50 Prozent glauben also, ihre Arbeit besitzt für niemanden Bedeutung. Graebers Buch wurde 2017 geschrieben. Die Ergebnisse stammen also aus jüngster Zeit.

In einer Gallup-Umfrage aus 2012 gaben bereits 63 Prozent der Befragten an, dass sie nicht in ihre Arbeit eingebunden (“not-engaged”) sind.

Könnte es sein, dass es besonders Beamte, Lehrer und Angestellte im öffentlichen Dienst sind, die ihre Stelle (besonders während Corona) als wenig sinnstiftend empfinden und daher viel eher anfällig für seelischen Kummer werden? Durch die Entfremdung und Isolation, die Homeoffice und Quarantänevorschriften erzeugen, fehlt es bei zahlreichen Menschen an sozialer Interaktion und Rückmeldung, um die so wichtige Anerkennung im Berufsalltag zu erfahren, die für viele für ein erfüllendes Arbeitsleben so wichtig ist.

Das soll nicht heißen, dass alle Beamte und Lehrer ihre Stelle als sinnentleert empfinden, aber vermutlich fehlt es ihnen viel öfter an der direkten Wertschätzung und auch an menschlicher Wärme als z. B. auf dem Bau. Dort herrscht zwar oft ein rauer Umgangston, aber wo unmittelbar Lob und Tadel verteilt wird, da ist auch öfter Ehrlichkeit im Spiel. Dazu kommt, dass Handwerker die Früchte ihrer Arbeit meistens eher zu Gesicht bekommen.

Geht man dieser These nach, dann liegt das Problem deutlich tiefer. In einem Arbeitsalltag, der auch schon vor Corona für die Hälfte der Menschen jede Bedeutung verloren hat. Long-Covid ist womöglich viel mehr ein Syndrom, das sich aus Abgeschiedenheit, Sinnentleertheit und Zukunftsängsten nährt, die viele Mitglieder unserer Gesellschaft plagen.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Mario Martin ist Ökonom und arbeitet als Software-Projektmanager in Berlin.

Bild: Shutterstock
Text: mm

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