Schüler sollen gendern – beherrschen aber oft nicht einmal „normales“ Deutsch Bildungsnotstand als Gefahr für die Demokratie?

Von Kai Rebmann

Deutsche Schüler fallen bei internationalen Vergleichsstudien, wie etwa Pisa, seit Jahren regelmäßig durch bzw. belegen die hinteren Plätze. Gravierende Schwächen zeigen sich insbesondere bei den Basiskompetenzen, sprich beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Chronischer Lehrermangel, zu große Klassen, ständig ausfallender Unterricht oder ein oft sehr steiles Leistungsgefälle innerhalb der Klassen sind da nur einige der wichtigsten Gründe.

Auch reitschuster.de musste in der Vergangenheit bereits über Schulen berichten, an denen über Monate hinweg keine einzige Deutsch-Stunde gegeben werden konnte. Eben diese Erfahrung hat jetzt auch der dpa-Kollege Thomas Brey gemacht, als dieser als „Feuerwehrmann“ als Deutschlehrer an einer Realschule aushelfen sollte. War der Einsatz eigenen Angaben zufolge nur auf „wenige Wochen“ ausgelegt, zog sich das Engagement letztlich über vier Monate hin.

Der Bericht des langjährigen Auslandskorrespondenten liest sich derart verstörend, dass die „Welt“ sich offenbar dazu gezwungen sah, ihn hinter der Bezahlschranke zu verstecken – getreu dem Motto: Das Ergebnis könnte die Leser verunsichern.

Brey lässt zu Beginn erkennen, dass es ihm nicht nur um eine plumpe Generalabrechnung mit dem deutschen Bildungssystem geht, weshalb er auch die positiven Lichtblicke erwähnt. Er habe „interessierte, schlaue, mitarbeitende und sozial agierende“ Schüler kennengelernt, ebenso wie sehr engagierte Lehrer, die mit „bemerkenswerten Erfolgen und Lernresultaten“ aufwarten konnten.

Aber da gab es auch die andere Seite, 12- bis 14-jährige Schüler, die nicht in der Lage sind, in einem deutschen Satz Subjekt, Prädikat und Objekt zu benennen. Von Deklinationen, Konjugationen, Tempora von Verben, Pronomen, Adverbien oder dem Unterschied von Aktiv und Passiv will der Autor gar nicht erst reden, dies seien für die meisten Schüler „böhmische Dörfer“.

Wirkliche Sorgen um die Defizite hinsichtlich der eigenen Muttersprache scheinen sich die Schüler nicht zu machen. Stattdessen habe Brey immer wieder Sätze zu hören bekommen wie „Ich spreche so, wie ich spreche, und das reicht mir.“ Andere verkündeten im Brustton der Überzeugung: „Ich brauche keinen Deutschunterricht!“ – nur um dann beim nächsten Aufsatz Vergangenheitsformen wie „ich fliegte“, „ich schlafte“ oder „ich laufte“ abzuliefern.

Dass der Schulbesuch in Deutschland von vielen Kindern und Jugendliche offenbar nicht viel mehr als eine lästige Pflicht geworden ist, ergibt sich aus den Schilderungen des vorgefundenen Klassenklimas. Hier berichtet Brey von Schülern, die kaum in der Lage sind, länger als drei Minuten ruhig auf ihrem Stuhl zu sitzen und konzentriert dem Unterricht zu folgen – oder letzteres zumindest zu versuchen.

Stattdessen seien Handys, ständiges Aufsuchen der Toilette oder Kämpfe um Stifte und andere Schreibutensilien aus dem Mäppchen des Hinter- bzw. Nebenmannes ständige Quellen von Ablenkungen. In den Klassenzimmern sehe es nach dem Unterricht nicht selten aus wie auf einem „Schlachtfeld“, es gebe inzwischen sogar Putzkräfte, die sich weigerten, derart mutwillig „verwüstete“ Räume zu säubern.

Der Journalist sieht aber auch ganz strukturelle Defizite im deutschen Bildungssystem und nimmt die zuständigen Kultusministerien in den Ländern in die Pflicht. So habe er es unter anderem mit Büchern zu tun bekommen, die noch im letzten Jahrtausend ausgegeben wurden: „Die Schulbuchtexte als Anschauungs- und Übungsmaterial – ob aus der Literatur oder aus den Medien – stammen vorwiegend aus den Neunzigerjahren, sind also drei Jahrzehnte alt. Die Schulbücher müssen in kürzeren Zeiträumen aktualisiert werden, um wieder einen Bezug zur Lebenswirklichkeit der jungen Menschen zu finden.“

Als zweite große Baustelle hat Brey die schon aufgrund ihrer schieren Masse kaum mögliche Integration von Flüchtlingen identifiziert. Diese kämen etwa aus der Ukraine, Russland, Syrien, Afghanistan oder Serbien und würden dann in gemeinsame DaZ-Gruppen („Deutsch als Zweitsprache“) gesteckt – völlig unabhängig von Vorkenntnissen oder dem zu erwartenden Leistungsniveau:

„Es gab Teilnehmer, die vorher vergleichsweise gute Schulen im Heimatland besucht hatten, und andere, die über Jahre keine Schule von innen gesehen hatten, bzw. solche Schülerinnen und Schüler, die schon in ihrer Heimatsprache prinzipielle Lücken aufwiesen.“ Hier müsse zunächst die Alphabetisierung im Vordergrund stehen, ehe mit dem Deutsch-Unterricht überhaupt begonnen werden könne.

Aber auch bei den Schülern, für die der DaZ-Unterricht grundsätzlich sinnvoll erscheint, gestaltet sich dies in der Praxis dem Erfahrungsbericht zufolge mitunter schwierig: „Vor allem Kinder aus der Ukraine nehmen oft nur widerwillig an diesem Unterrichtsangebot teil. Sie behaupten, ihre Familien kehrten bald in ihre angestammte Heimat zurück. Daher lohne es sich nicht, Deutsch zu lernen.“

Dementsprechend ernüchternd fällt das Teilfazit in diesem Bereich aus: „Der Unterricht wird oft in Eigenregie der Lehrkräfte gestaltet, meist ohne klare Standards, Curricula und Angebote zur Weiterbildung oder gar Qualifizierung von Lehrerinnen und Lehrern. Dem DaZ-Unterricht müsste viel mehr Bedeutung eingeräumt werden. Denn nur eine sprachliche Teilhabe macht gesellschaftliche Integration überhaupt erst möglich.“

So erschreckend die Beschreibung der Zustände an deutschen Schulen sind, so sehr werden diese in den letzten Absätzen des Erfahrungsberichts von Thomas Brey marginalisiert. Alles zuvor Geschriebene gerät zunehmend in den Hintergrund, der Fokus wird deutlich erkennbar auf die rein politische Ebene verlagert.

Etwa, wenn der Journalist den Erwerb kognitiver Fähigkeiten als „zentrale Zukunftsressource für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik“ beschreibt. Oder die aus seiner Sicht mangelhafte Erbringung schulischer Grundaufgaben mit „weitreichenden Folgen für die Forschung, den Arbeitsmarkt und nicht zuletzt für die Funktion des demokratischen Systems“ in Verbindung gebracht werden.

Ohne eine bestimmte Partei und deren Aufschwung seit den letzten Bundestagswahlen beim Namen zu nennen, vermittelt das endgültige Fazit über den zuvor sehr ausführlich und in all seinen Facetten beschriebenen Bildungsnotstand in Deutschland eine glasklare – und politisch sehr eindeutige – Botschaft:

„Denn gebildete Bürger sind die unverzichtbare Voraussetzung für parlamentarische Demokratien. Sie müssen fähig sein, politische Angebote zu beurteilen und zu diskutieren, um ihre Stimme für gesellschaftliche Konzepte abzugeben. Damit stehen wir alle vor der wohl größten innenpolitischen Herausforderung. Die meisten Anzeichen sprechen aber dafür, dass die länderspezifisch zersplitterten Bildungspolitiker dieses Themenfeld immer noch nicht als das zentrale Zukunftsanliegen Deutschlands identifiziert haben, das von ihnen schnelle Reaktionen verlangt.“

Auf Ihre Mithilfe kommt es an!

Auf meiner Seite konnten Sie schon 2021 lesen, was damals noch als „Corona-Ketzerei“ galt – und heute selbst von den großen Medien eingestanden werden muss. Kritischer Journalismus ist wie ein Eisbrecher – er schlägt Schneisen in die Einheitsmeinung.

Dafür muss man einiges aushalten. Aber nur so bricht man das Eis. Langsam, aber sicher.

Diese Arbeit ist nur mit Ihrer Unterstützung möglich!

Helfen Sie mit, sichern Sie kritischen, unabhängigen Journalismus, der keine GEZ-Gebühren oder Steuergelder bekommt, und keinen Milliardär als Sponsor hat. Und deswegen nur Ihnen gegenüber verpflichtet ist – den Lesern!

1000 Dank!

Per Kreditkarte, Apple Pay etc.

Alternativ via Banküberweisung, IBAN: DE30 6805 1207 0000 3701 71 oder BE43 9672 1582 8501

BITCOIN Empfängerschlüssel auf Anfrage

Mein aktuelles Video

China – der heimliche Traum von Angela Merkel? Ketzerische Eindrücke von meiner China-Reise

Bild: Shutterstock

Mehr von Kai Rebmann auf reitschuster.de

Vorsorgen: Strom für den Notfall

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert