Schweden: Keine Maßnahmen – und keine Herbst-Corona-Welle Aussagekraft des “Fälle”-Voodoo tendiert gegen null

Von Mario Martin

Es ist Herbst. Die Bäume werden kahl. Die Temperaturen rutschen ab. Und die Erkältungen nehmen zu. In Deutschland steigt die Corona-Inzidenz an. Die magische Zahl zieht viele Menschen in den Bann, wie der Aktienticker während des Börsencrashs.

Keine Überraschung bis hierher. Oder doch? Das Robert Koch-Institut meldet, dass in Deutschland bis zu 84 Prozent der Erwachsenen mindestens einmal geimpft sind und bis zu 80 Prozent bereits die zweite Dosis erhalten haben. Wer hätte vor einem Jahr vermutet, eine Impfquote von fast 85 Prozent würde im nächsten Jahr zu einem fast identischen Level an COVID-19-“Fällen” führen?

Schweden vermeidet “Herbst-Welle”

Ungewöhnlich scheint die Entwicklung in Schweden. Seit Ende September gibt es keine Beschränkungen mehr. Die Corona-Herbstwelle bleibt bislang aber trotzdem aus.

Das Land mit seinen vergleichsweise milden Maßnahmen steht inzwischen im Vergleich zu anderen Ländern besser da. Zumindest, wenn man die Zahl der Corona-“(Todes-)Fälle” zugrundelegt.

Hier der Vergleich der “Fälle” mit Deutschland:

Corona-„Fälle“ in Deutschland und Schweden.
(Quelle: https://ourworldindata.org/)

Betrachten wir die Anzahl der „Todesfälle“, für die als Ursache COVID-19 angegeben wurde, sieht das Bild allerdings ähnlich aus:

Corona-„Todesfälle“ in Deutschland und Schweden.
(Quelle: https://ourworldindata.org/)

Hier der Vergleich von Schweden mit allen anderen europäischen Ländern:

Corona-„Fälle“ in Schweden und den EU-Staaten.
(Quelle: Johns Hopkins University)

Schweden hat also den geringsten Wert an ”Fällen” in ganz Europa.

Das gleiche Bild tritt übrigens auch beim US-Bundesstaat Florida auf, wird dieser mit den anderen Bundesstaaten verglichen:

Corona-„Fälle“ in Florida und den US-Staaten.
(Quelle: Johns Hopkins University)

Bei n-tv wird gerätselt, wie es dazu nur kommen konnte. Schweden stehe sogar besser da als Impf-Weltmeister Portugal, und das trotz der Aufhebung der Maßnahmen. Es wird gemutmaßt, die Gründe könnten in einer höheren Selbstdisziplin und einer allgemein positiveren Einstellung der Gesellschaft zu den Regierenden liegen.

Diese Gründe hören wir nicht zum ersten Mal. Sie werden bzgl. Schweden schon länger angeführt. Ebenso wie die geringere Bevölkerungsdichte im Vergleich zu Deutschland (Schweden 23, Deutschland 233 Einwohner pro km²).

Die Hinweise von Kritikern des schwedischen Weges, die anderen skandinavischen Länder seien besser durch die Krise gekommen, lässt Henning Rosenbusch nicht gelten: Aufgrund der Urbanisierung müsse man Schweden mit anderen Ländern in Mitteleuropa vergleichen.

Aber bevor wir Erklärungen suchen, müssen wir klären, ob wir überhaupt von derselben Sache sprechen.

Unterschiedliche Datengrundlage

Das wissenschaftliche Gebiet der Metrologie beschäftigt sich mit der Lehre des korrekten Messens. Leider werden wir von allen Seiten mit Zahlen beworfen, oft, ohne dass Absender und Empfänger ein Verständnis davon haben, wie die Messungen vorgenommen werden. Das Problem tritt nicht nur bei Corona auf.

Um zwei Zahlen miteinander vergleichen zu können, benötigten wir eine gemeinsame Basis. Da es keine Angaben gibt, wie die Tests in Schweden und Deutschland kalibriert sind, ergibt es auch keinen Sinn, die beiden Graphen oben in Beziehung zueinander zu setzen. Bei Tests mit einem Ct-Wert von 40 liegt die Anzahl der positiven Fälle bis zu 10 mal höher als bei Tests mit einem Ct-Wert von 30.

Es ist ein bisschen wie in dem Witz, der gern an den VWL-Fakultäten erzählt wird:

Ein Mann kriecht um eine Laterne herum. Kommt ein Polizist und fragt, was er da mache.
Der Mann antwortet, er habe auf der anderen Straßenseite seinen Schlüssel verloren.
Warum er dann hier suche?
Weil das Licht hier besser sei!

So ist es auch mit den Inzidenzzahlen. Da wir kein besseres Mittel haben, versuchen wir eben mit diesen Zahlen etwas zu vergleichen, obwohl Vergleiche hier unzulässig sind. Es ist Voodoo! Das gilt ebenso für Vergleiche zwischen Bundesländern, solange die Tests nicht genormt sind.

Das Problem durchzieht die gesamte Covid-Metrologie. Wie zählt Schweden z.B. seine an COVID-19 Verstorbenen?

In Deutschland gehen Covid-„Tote“ in die Statistik ein, auch wenn sie längere Zeit vorher erkrankt waren, bzw. positiv getestet wurden. Durch dieses Vorgehen wird die Anzahl der Covid-„Toten“ systematisch überschätzt.

Was sagt uns das alles? Bestenfalls wenig. Besteht in Ländern wie Schweden und Florida womöglich eine Tendenz, Zahlen aufzuhübschen, um den politischen Kurs zu legitimieren? So wie es bei uns eine Tendenz gibt, Zahlen zu vermelden, um die Maßnahmen zu stützen?

Übersterblichkeit als Maß der Dinge

Eine verlässlichere Metrik ist die Zahl der Toten während eines festgelegten Zeitraums, da sie einen eindeutig indizierten Zustand beschreibt, der nicht ständigen Definitionsänderungen unterliegt.

Wer sich letztes Jahr, wie Prof. Dr. Michael Levitt, an der Zahl der Toten auf dem Kreuzfahrtschiff “Diamond Princess” orientierte, dem war von Anfang an klar, dass es sich bei COVID-19 nicht um eine Jahrhundertkatastrophe handeln konnte.

Hier ist ein Vergleich also auch endlich zulässig. Deshalb sehen wir uns jetzt die Sterblichkeiten für Schweden und Deutschland an:

Übersterblichkeit Deutschland vs. Schweden
(Quelle: Eurostat)

Wir sehen: Die Sterblichkeit in Schweden liegt ab Juli 2020 fast durchgehend tiefer als in Deutschland. Die Graphen sind auf die Durchschnittsrate des Zeitraums 2016 – 2019 normiert. D.h., läuft der Graph über der Nulllinie, liegt die Anzahl der Toten über dem Durchschnitt des Zeitraums und umgekehrt. Wie groß der Einfluss der “Impfung” auf den unterschiedlichen Verlauf ist, bleibt wohl ein Geheimnis. Selbst wenn Deutschland eine verlässliche Impfquote vermelden könnte, wären die verschiedenen Faktoren, die hier wirken, so zahlreich, dass eine Analyse dem Stochern im Dunkeln gliche.

Über die anderen Gründe können wir nur spekulieren, und das überlassen wir an dieser Stelle lieber den Experten von n-tv.

Eine sehenswerte Übersicht zu allen Corona-Daten wird auf dieser Seite angeboten.

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Mario Martin ist Ökonom und arbeitet als Software-Projektmanager in Berlin.

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Text: Gast

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