Selenskyj bei Böhmermann: Warum ausgerechnet der? ZDF-Satire statt Journalismus: Was Kiews Wahl verrät

Eine Weile habe ich überlegt, ob ich überhaupt etwas zu diesem Thema schreibe. Als ich sah, dass Wolodymyr Selenskyj ausgerechnet Jan Böhmermann ein Interview gibt, war ich entsetzt. Aber meine neue Linie heißt: weniger tun, nicht über jedes Stöckchen springen (mehr dazu hier). Schon gar nicht über eines von Böhmermann. Und ich wusste genau, was folgen würde: die hundertste hitzige Russland-Debatte in den Kommentaren und die üblichen absurden Etiketten, von „Russland-Hasser“ (für jemanden, der sich als halber Russen fühlt und zu Hause fast nur Russisch spricht) bis „Washingtons Sprachrohr“ (für jemanden, der die USA hart kritisiert). Also habe ich den Mund gehalten.

Dann sah ich heute auf X einen Ausschnitt. Böhmermann nennt dort X ein rechtsextremes Netzwerk (das ist kein Witz, der Mann denkt offenbar wirklich so) und Elon Musk einen südafrikanischen (ja, genau so) Oligarchen. Und was tut Selenskyj? Er bedankt sich artig bei SpaceX für Starlink und den Rest lässt er einfach stehen. Kein Widerspruch, nicht einmal ein Zögern.

Da war es vorbei mit meiner Zurückhaltung. Wer Putin seit Jahrzehnten kritisiert, kann bei Selenskyj nicht plötzlich schweigen. Geschwiegen habe ich auch bisher nicht – erst vor kurzem habe ich die Korruption in der Ukraine massiv kritisiert. Und ich schweige auch jetzt nicht, obwohl Russland und der Krieg gar nicht mein Hauptthema sind. Mein Thema ist Deutschland und das Abdriften in den Wokismus. Genau deshalb trifft mich dieser Auftritt: Hier kommt beides zusammen.

Man kann einwenden, ein Präsident im Krieg nehme jede Bühne. Aber das war keine Bühne, das war eine Wahl. Die meisten Journalisten würden ein Selenskyj-Interview mit Handkuss nehmen. Und ich weiß aus 16 Jahren Moskau, wie wählerisch Präsidialämter sind. Selenskyj muss nicht suchen, ihm stehen alle Türen offen, im April saß er bei Illner. Jetzt geht er nicht zu einem Politikjournalisten, sondern zu einem „Comedian“. Ein Staatschef im Krieg, der unter allen Möglichkeiten ausgerechnet einen Satiriker auswählt – das ist kein Zufall, das ist ein Statement.

Zumal diese Bühne nicht einmal Zukunft hat: Das „ZDF Magazin Royale“ ist in sechs Wochen Geschichte. Selbst beim stramm linken ZDF war Böhmermann manchen zu radikal. Gewählt wurde also nicht das Format, sondern der Mann. Dass Selenskyj selbst Komiker war, macht es nicht besser. Seine Wahl fiel nicht auf irgendeinen Spaßmacher, sondern auf einen Propagandisten, der alles rechts der Mitte mit Hohn und Verleumdung überzieht. Der sich im Oktober als AfD-Politiker Ulrich Siegmund zurechtgemacht von einem Lkw überrollen ließ, dreimal, und dessen Publikum so handverlesen ist, dass es darüber lachte. Für diesen Mann empfinde ich nichts als Verachtung. Wer sich so jemanden aussucht, entlarvt sich und sein Umfeld.

Geschenk an Putin-Unterstützer

Mit seiner bewussten Entscheidung für Böhmermann macht Selenskyj es all jenen schwer, die außerhalb des Mainstreams stehen und trotzdem zur Ukraine halten, oft gegen einen erheblichen Teil ihres eigenen Publikums – auch mir. Wie schnell das kippt und wie verheerend diese Entscheidung ist, zeigt ein Kommentar von heute auf X: „Ich bin AfD-Wähler, trotzdem war ich bisher Ukraine-Unterstützer. Mit diesem Interview zweifle ich gerade sehr, es bröckelt…“ Das schreibt kein Putin-Freund, sondern jemand, der bisher zur Ukraine stand. Genau solche Leute verprellt Selenskyj. Den Putin-Unterstützern hierzulande dagegen hat er ein großes Geschenk gemacht.

An meiner Einstellung zum Krieg ändert das nichts. Die Ukraine wurde überfallen, nicht umgekehrt. Die Täter-Opfer-Umkehr, die in Teilen der regierungskritischen Szene Mode geworden ist, erschreckt mich weiter zutiefst, bei aller Kritik, die man zu Recht an Kiew üben kann. Bei einer Vergewaltigung käme niemand auf die Idee, sie zu rechtfertigen, weil die Frau sich schlecht benommen oder den falschen Freund gehabt habe – bei der Ukraine aber übernehmen erschreckend viele genau diese Logik, die Moskaus Lautsprecher im Westen tagein, tagaus wiederholen. Aber das ist ein eigenes Thema. Genauso wie die Märchen, Selenskyj sei im Krieg reich geworden. Es ist tragisch, wie viele darauf hereinfallen: Seine Millionen hat er als Komiker und Unternehmer lange vorher gemacht.

Desinformation gegen Selenskyj werde ich auch weiter als solche benennen. Aber ich werde ihn künftig mit anderen Augen sehen und sehr viel kritischer. Den Anlass dafür hat er selbst geliefert, ganz ohne Moskauer Zutun. Leider.

Niemandem nach dem Mund reden

Für Texte wie diesen bekomme ich empörte Post von beiden Seiten. Von denen, für die Kritik an Moskau ein rotes Tuch ist, und von denen, die mir jede Kritik an Kiew nicht verzeihen. Wegen meiner klaren, kritischen Position gegenüber Putin habe ich viele Leser und Unterstützer verloren. Wer nur schreibt, was gefällt, hat dieses Problem nie.

Umso mehr bedeuten mir die, die bleiben. Die, die das genauso sehen wie ich – und die, die es nicht tun und trotzdem bleiben. Von ihnen höre ich manchmal: „Beim Thema Russland habe ich eine andere Meinung. Aber mir ist wichtiger, dass ein Journalist niemandem nach dem Mund redet, als dass er zu 100 Prozent mit mir übereinstimmt. Genau deshalb unterstütze ich ihn.“ Beide Sorten Leser tragen diese Seite, beiden bin ich tief dankbar.

So schreiben kann ich nur, weil ich von niemandem abhängig bin: von keinem Verlag, keiner Partei, keinem Staatsgeld – und auch nicht vom Applaus des eigenen Publikums. Mein einziger Rückhalt sind Leser, die von mir Denkanstöße erwarten statt Bestätigung. Jeder, der wegen eines einzelnen Themas geht, hinterlässt eine Lücke. Umso mehr kommt es jetzt auf die an, die ohne Scheuklappen lesen und eine unbequeme Meinung aushalten – auch wenn es nicht ihre eigene ist. Wenn Sie dazugehören, unterstützen Sie meine Arbeit per Überweisung: Empfänger Boris Reitschuster, IBAN DE30 6805 1207 0000 3701 71, Verwendungszweck „Unterstützung“. Herzlichen Dank!

Hier mein aktuelles Video – zu den Wahlen in den USA: „US-Wahl-Debakel für Trump: Iran-Krieg, Benzin-Schock – und warum die Linke zu früh jubelt.“

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Bild:  ZDF/Screenshot

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