Unglaubliche Rochade: Tauwetter bei der ARD? Hoffnung auf ÖR-Journalismus mit kritischem Antlitz

Dass Schäubles Tochter Christine Strobl neue Programmdirektorin bei der ARD werden soll, sorgte diese Woche für einige Aufmerksamkeit. Dabei ging eine andere, wenigstens genauso interessante Personalie aus dem öffentlich-rechtlichen Kosmos unter. Eine, die überraschend ist. Und vielleicht sogar ein bisschen Anlass zur Hoffnung gibt. Ich wurde auf sie erst durch einen Anruf von einem befreundeten Kollegen (m/w/d) aus der Anstalt aufmerksam.

Vielleicht erinnern Sie sich an Rainald Becker? Der Mann, der etwas DDR-Charme versprüht, ist Chefredakteur der ARD. Ein grauer Herr mit leicht verhärmtem Gesichtsausdruck, der regelmäßig wie ein strammer Einpeitscher der Regierung agiert. Etwa bei einem Kommentar im Mai, als er sagte: „Der Status quo ante, also zurück zur alten Normalität, ist vielen Wirrköpfen, die sich im Netz (…) tummeln, nachgerade ein Herzensanliegen. All diesen Spinnern und Corona-Kritikern sei gesagt: Es wird keine Normalität mehr geben wie vorher. Madonna, Robert de Niro und rund 200 andere Künstler und Wissenschaftler fordern zurecht, nach der Corona-Krise Lebensstil, Konsumverhalten und Wirtschaft grundlegend zu ändern. Diese weltweite Pandemie muss zu etwas Neuem führen.“ (anzusehen hier). 

„Das ist kein Journalismus mehr, das ist Agitation”, klagte damals ein Journalisten-Kollege in einem empörten Anruf nach dem Becker-Auftritt: “Ein Kommentar, in dem jeder Zweifel an der Staats- und Parteiführung herabgewürdigt wird, mit dem Tenor, Kritikern müsse man das Handwerk legen, das ist der Stil von Karl-Eduard von Schnitzler.” Der Macher des “Schwarzen Kanals” im DDR-Fernsehen galt als Inbegriff linker Propaganda.

Der Medienkritiker Stefan Schulz schrieb über Becker: „Der ARD-Chefredakteur Rainald Becker bejubelt das Regierungshandeln regelmäßig auf eine Weise, die sogar Regierungssprecher Steffen Seibert peinlich wäre.“ Im August 2019 schrieb der ARD-Chefredakteur auf twitter: „Wer nach 30 Jahren Einheit Die Linke immer noch als “SED-Erben” bezeichnet, hat nichts verstanden und gelernt.“ Nach der Einigung von SPD und Union im Streit um die Grundrente twitterte der ARD-Mann: „Danke @spdde @CDU @CSU“. Im Mai 2019 zeigte Becker sich auf dem Bildschirm euphorisch über den Erfolg der Grünen bei den Wahlen des EU-Parlaments und meinte, vielleicht sei die Zeit reif für einen grünen Kanzler. Den europaweiten EU-kritischen Trend stellte er als Ausnahme dar und das deutsche Wahlergebnis als die Regel. Er erntete damit viel Spott, etwa die Frage eines twitter-Nutzers: „Kann ich meinen Rundfunkbeitrag als Parteispende steuerlich absetzen?“

Wer die Gebräuche beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk kennt, würde erwarten, dass Becker für so viel „Haltung“ eine Beförderung blühe. Und die Tage, bis er Intendant wird, gezählt sind.

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Doch offenbar geschehen noch Wunder: Becker wurde kaltgestellt. Er werde nach nur fünf Jahren im Amt im nächsten Jahr „die Koordination zur Bundestagswahl übernehmen“, teilte die ARD mit. Mein Informant aus der Anstalt meint, das sei ein Karriere-Abstellgleis. Becker wäre faktisch kaltgestellt worden. Offenbar, weil er nicht mehr ankommt.

Noch überraschender als seine Entmachtung ist die Nachfolge. Ausgerechnet Oliver Köhr wird zum 1. Mai 2021 die Chefredaktion der ARD übernehmen – und damit etwa auch die Verantwortung für die Tagesschau. Der 44-Jährige Westfale ist stellvertretender Leiter des ARD-Hauptstadtstudios sowie stellvertretender Chefredakteur Fernsehen. Sein Name sagt Ihnen vielleicht nichts. Doch Köhr war es, der im April massiv Angela Merkel kritisiert hatte. So deutlich und mutig, dass viele schon munkelten, das könnte sein Karriere-Ende bedeuten bei der ARD. Merkels Kritik an den „Öffnungsdiskussionen“ sei „gelinde gesagt eine Unverschämtheit. Weniger gelinde ist es anmaßend“ – mit diesen Worten riss Köhr wohl so manchen Tagesschau-Zuschauer aus dem Halbschlaf. Aber nicht nur das: In Anbetracht der Grundrechtseinschränkungen in „noch nie dagewesenem Ausmaß“ sei die Diskussion über Lockerungen nicht nur normal, sondern notwendig: „Auch wenn es die Kanzlerin nervt.“  Anzusehen und nachzulesen ist der Kommentar hier.mvg

Was ist nur bei der ARD los, dass so jemand plötzlich aufsteigt? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, würden Skeptiker warnen. Spötter könnten sagen, dass die „Pensionskasse mit angeschlossenem Sendebetrieb“ vielleicht einfach Köhrs Merkel-Kritik schon wieder vergessen hatte. Doch Optimisten könnten Hoffnungsschimmer für eine Rückkehr zum Journalismus bei der ARD sehen. Eines scheint jedenfalls sicher: Noch mehr Hofberichterstattung wie unter Becker ist mit dem neuen Chef kaum möglich. Und auch wenn eine 180-Grad-Wende ausgeschlossen scheint – zumindest könnte es wieder öfter kritische Töne geben. Und das wäre zumindest ein erster Schritt.

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Bilder: Screenshots ARD / FLUTES / Ekaterina Quehl
Text: red


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Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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