Uwe Tellkamp: „Das ist Mittelalter“ Über neue Scheiterhaufen, Corona-Abwege und Zuwanderung

Hier geht es direkt zum Video mit dem Gespräch.

Was läuft schief in Deutschland? Mit den Medien, mit der Kirche, mit der Politik? Darüber habe ich mit einem der klügsten Köpfe unserer Zeit gesprochen – dem Bestseller-Autor Uwe Tellkamp aus Dresden. Seine Erklärungen halte ich für ausgesprochen interessant. Und für hilfreich, den Irrsinn unserer Zeit zumindest ansatzweise zu verstehen. Besonders spannend macht die Sichtweise von Tellkamp seine DDR-Biographie – die ihm umfassende Vergleiche ermöglicht.

Tellkamp beklagt eine politische Hegemonie der Grünen. Mit einem Wähleranteil von acht Prozent bei Mitberechnung der Nichtwähler gelte heute: „Wenige wählen uns, aber alle müssen es ausbaden.“ Diese Hegemonie führe zu einer Rückkehr zu mittelalterlichen Verhältnissen. Wer sich dagegen auflehne, sei ein Ketzer, ihm drohe der Scheiterhaufen. Auch eine Feudal-Aristokratie entstehe wieder, so Tellkamp in Anspielung auf die rotgrüne Elite („Wir sind weltoffen, wir sind bunt, wie sind diejenigen, die alle erlösen“).

Heftig kritisiert Tellkamp den Hochmut gegenüber Ängsten: „Die Angst vor Weltuntergang ist gut, ohne zu hinterfragen“, sagt er mit Blick auf die Klimadebatte. Die Angst um die eigenen Kinder vor Überfremdung, die Angst vor Kulturverlust dagegen seien schlecht und würden verächtlich gemacht, sie seien „nur populistisch oder übel“. Aber Ängste seien nun einmal nicht rational. „Mich widert das offen gestanden an, diese Unterteilung in die guten Ängste, die nicht hinterfragt werden, Klimawandel, schmelzende Gletscher, sterbende Bienen, Angst vor patriarchalischen Strukturen – wo bitte im Westen gibt es die noch? All dieses Zeug, was eher Dekadenz-Phänomene sind. Und die anderen Ängste, konkrete Ängste, vor Blackout, Geldentwertung, Inflation, Energieausfall, was die Grundlage jeden zivilen Zusammenlebens ist, das wird kleingeredet und verächtlich gemacht. Das ist für mich ein schweres Vergehen, ich wähle dieses Wort bewusst, diese Ängste zu ignorieren, sie einfach nicht vorkommen zu lassen oder wenn sie vorkommen, sie so zu framen: Das sind die Ängste des Packs, der Rechten,  der Dunkelsachsen oder der Dunkeldeutschen.“

Auch zum Thema Zuwanderung positioniert sich Tellkamp deutlich. Menschlichkeit, so seine Forderung, dürfe nicht nur im Umgang mit den Zuwanderern gefordert werden – sondern auch mit den Aufnehmenden. Dass deren Ängste und Sorgen, ihre Belastungsgrenze tabuisiert werden, kritisiert der Schriftsteller im Gespräch scharf und einleuchtend.

So sagt der gelernte Arzt etwa:  „In der DDR bin ich groß geworden mit den wenigen Zeitungen, die es gab, Neues Deutschland, Junge Welt, die habe ich kaum gelesen, zwangsweise bei der Armee, weil es da keine anderen gab, dann gab es die Lokalzeitungen der Blockparteien, davon hatten wir eine, und man hat dann schon gelernt, in diesen Zeitungen zu unterscheiden zwischen den Verlautbarungen der Offiziellen, den Bleiwüsten, und dem was im Lokalteil stand, wo es die wirklich interessanten Meldungen gab: Hausfrauen, aufgepasst, dort und dort diese und diese Ware vorrätig. Die Lokalseite war der Unterschied zur Amtsseite. Und diese Zweiteilung in der Zeitung eines Mediums scheint mir wiederzukehren.“

Weiter führt Tellkamp aus: „Auch jetzt hier in Dresden habe ich den Eindruck, dass viele Menschen sich nicht mehr aus Medien informieren, sondern dass sie sich in ihrem Umfeld informieren, wenn man wissen will, das wirklich vorgeht, also bei Rettungssanitätern, Polizei, auf der Straße. Das ist ein Zug, den ich aus der DDR kenne. Wenn man wissen will, was los ist, was wirklich passiert im Land, informiert man sich nicht bei Medien, deren Aufgabe es wäre, sondern im Buschfunk, und der ist heute Signal, Telegram und was es alles gibt. Das ist eine primäre Informationsquelle geworden, weil das Misstrauen in die Medien so groß geworden ist. Es ist deshalb so groß geworden, weil viele Menschen erleben, dass ihre eigene persönliche Lebenswelt, ihr eigenes Alltagserleben mit dem, was darüber in vielen Medien zu finden ist, in keiner Weise oder kaum noch übereinstimmt.“

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Als Beispiel nennt der 1968 in Dresden geborene Schriftsteller die Corona-Demos: In den großen Medien werde geschrieben, dort seien nur Nazis etc… Menschen, die er kenne, und die dabei waren, sagten dagegen: „Nein, das ist so nicht. Die sind da auch, die können wir nicht fernhalten, aber dort läuft die Mitte der Gesellschaft.“ Die mangelnde Bereitschaft, fair zu berichten, sei auf Scheuklappen zurückzuführen. Wenn er jetzt höre, Demos seien schlecht, weil dort Rechte mitmarschieren, die den Staat stürzen wollen, sei das eine nicht zulässige Argumentationskette: Die Demonstranten wollten nur ihre Rechte und Demokratie. Solche Argumentationsketten seien der Grund, warum viele Menschen die Medien meiden.

Sehen Sie hier den Teil 2 meines Gesprächs mit Uwe Tellkamp an.

Hier finden Sie Teil 1 meines Gesprächs mit Uwe Tellkamp.

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