Hape Kerkeling als Bundespräsident: Sie werden jetzt fragen, ob ich halluziniere. Nein, tue ich nicht. „Hape Kerkelings möglicher Weg ins höchste Staatsamt“ titelt das regierungstreue Portal „T-Online“ – und das ist kein Zufall. Einflussreiche Kräfte im polit-medialen Komplex wünschen sich den stramm linken Komiker als Staatsoberhaupt. Kein Wunder – gerade erst trat er im Landtag von Thüringen als Kronzeuge für ein AfD-Verbot auf. Und ebenso im April bei der Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald.
Dort hatte er einen zentralen Teil seiner Rede seinem Großvater gewidmet. Er sprach von ihm als KZ-Häftling Nr. 6177. Er sagte, das NS-Regime habe ihn als „Hochverräter“ verfolgt, weil er „die Wahrheit geschrieben, gedruckt und verteilt“ habe. Kerkeling zog daraus folgende Schlussfolgerung: „Lassen Sie nicht zu, dass das Schweigen wieder die Oberhand gewinnt. Denn die Demokratie lebt nicht vom Wegsehen, sondern vom mutigen Hinsehen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass das ‚Nie wieder‘ kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern unser täglicher Kompass ist.“
Wer die Erinnerung diffamiere, schlage den Opfern ins Gesicht, mahnte Kerkeling. Darüber habe ich in meinem Artikel „Buchenwald 2026: Gedenken als Waffe ‚gegen rechts‘“ geschrieben. Die Waffe war sein Großvater. Flugblätter, zwölf Jahre, sonst nichts.
Was die Rede weglässt
Das einzige Problem: Kerkeling führte die Menschen mit seiner Rede in die Irre – und viel spricht dafür, dass er es absichtlich machte. Er schilderte Hermann Kerkeling lediglich als politischen Verfolgten, Kommunisten und KZ-Häftling. Doch Recherchen der „Münsterland Zeitung“ zu Spuren der Familie Kerkeling in Legden und Asbeck führen nun zu einer zweiten, deutlich schwierigeren Seite dieser Biografie. „Zeitgenössische Zeitungsausschnitte aus den Jahren 1932 und 1933 zeigen: Hermann Anton Kerkeling wurde nicht nur politisch verfolgt. Er wurde auch mit zahlreichen Straftaten in Verbindung gebracht“, schreibt das Blatt.
Die Wanne-Eickeler Zeitung berichtete am 3. Juni 1933 von einem „großen Schlag der Recklinghäuser Kriminalpolizei“. Insgesamt ging es um 80 Straftaten, die zwei Banden aus Scherlebeck begangen haben sollen: Einbrüche, Diebstähle, und auch Taten mit Waffengewalt. Hermann Kerkeling wird in dem Bericht als „berüchtigter Einbrecher“ bezeichnet. Er soll eine Gruppe von zehn Männern angeführt haben, die es vor allem auf Stallungen und Tiere abgesehen hatte.
Acht Jahre, dann ein Jahr
Das Resultat: Im Oktober 1933 wurde Hape Kerkelings Opa wegen Bandendiebstahls zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Einige Wochen später kam dann tatsächlich noch ein politisches Delikt dazu – wegen „Vorbereitung des Hochverrats“. Auslöser: Herstellung und Verbreitung der kommunistischen Druckschrift „Rote Welle“. Dafür bekam der Kommunist Kerkeling eine Zusatzstrafe von einem Jahr – insgesamt waren es damit also neun Jahre Zuchthaus, die Kerkeling unter anderem in Münster, Papenburg und Bremen absaß. 1942 kam er dann ins Konzentrationslager Buchenwald. Nach dessen Befreiung 1945 lebte er bis zu seinem Tod 1993 in Recklinghausen.
Sehr treffend heißt es in dem Artikel der „Münsterland Zeitung“: „Die neuen Funde ändern nichts daran, dass Hermann Kerkeling von den Nationalsozialisten verfolgt wurde. Sie zeigen aber, dass seine Biografie offenbar nicht nur aus politischem Widerstand bestand. Sie bestand auch aus Straftaten, Vorstrafen und einer Verurteilung wegen Bandendiebstahls. Beides steht nun nebeneinander: der Nazi-Verfolgte und KZ-Häftling – und der Mann, den damalige Berichte als Anführer einer Diebesbande beschrieben.“
Inzwischen steht der zunächst allen zugängliche Artikel hinter einer Bezahlschranke. Ohne Login bleibt nur der Vorspann sichtbar. Wer die acht Jahre Bandendiebstahl nachlesen will, braucht ein Abo – oder das Internetarchiv.
Er hatte die Akte
Dass Kerkeling, der anderen Verharmlosung der Geschichte vorwirft, davon nichts gewusst haben will, ist schwer zu glauben. 2019 hat sein Team bei den Arolsen Archives die Unterlagen zum Großvater angefordert für das Buch „Gebt mir etwas Zeit“. In genau diesen Unterlagen steht die Verurteilung vom Oktober 1933: nicht nur Vorbereitung zum Hochverrat, sondern auch Einbruch und Diebstahl. Wer diese Akte hat und sieben Jahre später in Buchenwald sagt, der Großvater habe lediglich die Wahrheit geschrieben, gedruckt und verteilt, und das habe ihn zwölf Jahre gekostet, streicht die Hälfte der Akte. Die „Münsterland Zeitung“ hat mehrfach nachgefragt bei Kerkeling. Eine Antwort kam nicht.
Kerkeling schweigt. Und mit ihm schweigt die Republik der Haltungsjournalisten. Außer der „Münsterland Zeitung“ und ein paar Regionalblättern hat sich niemand an die Geschichte gewagt. Keine „Tagesschau“, kein „Spiegel“, kein Faktencheck. Man stelle sich nur eine Sekunde lang vor, ein Kandidat der AfD wollte ins Schloss Bellevue und hätte in einer KZ-Gedenkstätte die Vorstrafen seines Großvaters wegretuschiert. Correctiv hätte binnen 48 Stunden ein Recherche-Team in Recklinghausen, samt Archivfotos und düsterer Klaviermusik. Der „Spiegel“ würde „Die Lebenslüge“ titeln. Bei Lanz säßen drei Historiker und eine Grünen-Politikerin mit Betroffenheitsfalten, Böhmermann würde aus der Akte ein Musical machen, und die Amadeu-Antonio-Stiftung brächte eine Handreichung heraus: „Erinnerungsfälschung von rechts erkennen“. Bei Kerkeling dagegen: Stille. Nicht, weil die Fakten dünn wären. Sie liegen in den Arolsen Archives und in vergilbten Lokalzeitungen. Sondern weil sie auf der falschen Seite liegen. Wer im „Kampf gegen rechts“ die richtigen Sätze liefert, bekommt eine Generalamnestie. Offenbar rückwirkend bis 1933.
Warum ausgerechnet er?
Und ausgerechnet diesen Mann wollen einflussreiche Kreise zum Bundespräsidenten machen. Eine Campact-Petition läuft, im September gab es schon über 144.000 Unterschriften, adressiert an alle Fraktionen außer der AfD. Kerkeling selbst winkt nicht ab. Mal sagt er, das traue er sich zu, mal, noch habe ihn niemand gefragt. Die Wahl ist am 30. Januar 2027, Steinmeier darf nicht noch einmal antreten. Warum wollen linke Aktivisten ausgerechnet Kerkeling zum Bundespräsidenten machen? Sie wollen keinen Staatsmann. Sie wollen jemanden, der ein stramm linkes Weltbild hat und die AfD hasst. Sie wollen einen moralischen Kronzeugen, Enkel eines KZ-Häftlings, der in Buchenwald und im Thüringer Landtag Sätze liefert, mit denen man ein mögliches Verbotsverfahren gegen die AfD moralisch aufladen kann. Dafür muss der Großvater sauber sein. Der Bandendiebstahl stört. Also bleibt er weg. Wer so mit der eigenen Familiengeschichte umgeht, soll das höchste Amt bekleiden, dessen einzige wirkliche Waffe das Wort ist.
Ein Bundespräsident, der die eigene Familiengeschichte schon mal um den störenden Teil kürzt, wird auch die des Landes kürzen. Und genau dafür soll er her.
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Bild: IMAGO / Matthias Wehnert
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