Wenn Veganer ihrem Kind die Schnitzeljagd verbieten WWF-Studie widerlegt zahlreiche Mythen rund um fleischlose Ernährung

Von Kai Rebmann

Weshalb ein Hamburger Regionalmagazin vor wenigen Tagen einen rund viereinhalb Jahre alten Tweet aus der Mottenkiste geholt hat und wie es dazu kommen konnte, dass dieser Kommentar im Internet plötzlich durch die Decke ging, wissen wir nicht. Ein Twitter-Nutzer zitierte dabei aus einem seinen Angaben zufolge „leider echten Brief“, der im November 2017 die Leitung eines Kindergartens in der Hansestadt erreicht haben soll: „Mein Kind darf an der Schnitzeljagd des Kindergartens nicht teilnehmen. Wir sind Veganer.“ Was vor wenigen Jahren noch als abwegige Falschmeldung abzutun gewesen wäre, muss heutzutage aufgrund ähnlich kruder Äußerungen aus der „woken“ Blase leider als durchaus möglich angesehen werden. Aber unabhängig davon, ob es sich bei dem Absender dieses Briefes, sofern es ihn gegeben hat, um einen besonders militanten Befürworter der fleischlosen Ernährung handelt, oder bei diesem schlicht ein Missverständnis über das Wesen einer Schnitzeljagd vorlag, bietet diese Meldung einen guten Anlass, sich etwas näher mit einigen Mythen rund um den Veganismus auseinanderzusetzen.

Je nachdem, welchen Statistiken und Quellen man glauben mag, liegt die Zahl der Veganer in Deutschland zwischen 800.000 und 2,6 Millionen. Letzteres wird von Gruppen behauptet, die sich dieser Ernährungsweise mit ideologischem Eifer verschrieben haben. Seriöse Umfragen gehen davon aus, dass in Deutschland im Jahr 2021 rund 1,41 Millionen Menschen vollständig vegan lebten oder bei der Ernährung „weitgehend auf tierische Produkte verzichtet“ haben. Auffällig ist dabei, dass die Anzahl der Veganer in Deutschland insbesondere in den beiden letzten Jahren sprunghaft angestiegen ist, nachdem sie zwischen 2015 und 2019 stets um 900.000 gelegen hatte. Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung dürfte sein, dass dieses Thema vergleichsweise stark in den Mittelpunkt der medialen und gesellschaftlichen Debatte gerückt wird, um so die Tatsachen ins Gegenteil zu verkehren. Die Essgewohnheiten einer verschwindend geringen Minderheit sollen als Normalzustand propagiert werden, der Verzehr von Fleisch und weiteren tierischen Produkten hingegen wird zur ökologischen und vor allem moralischen Sünde erklärt.

Vegane Ernährung führt zu Mangelerscheinungen und ist oft nicht nachhaltig

Über die gesundheitlichen Risiken einer rein veganen Ernährung klärte Prof. Dr. Markus Keller in einem im Juni 2019 im Südkurier erschienenen Artikel auf. Keller, der sich auf seiner Internetseite als der „weltweit erste Professor für vegane Ernährung“ vorstellt, wies auf die große Gefahr von Mangelerscheinungen bei bestimmten Vitaminen und Nährstoffen hin. Als ersten Problemstoff benannte Keller das Vitamin B12, das fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln enthalten ist: „Aktuelle Studien zeigen, dass bei etwa 10 bis 20 Prozent der über 65-Jährigen, einem Viertel der Vegetarier und über der Hälfte der Veganer, ein Vitamin-B12-Mangel vorliegt.“ Auch wenn in einschlägigen Internetforen immer wieder behauptet wird, dass dem Mangel an Vitamin B12 auch mit pflanzlichen Produkten begegnet werden könne, stellte Keller klar: „So viel Sauerkraut kann man gar nicht essen, damit es wirklich als Vitamin-B12-Quelle ins Gewicht fällt.“ Und auch das Ausweichen auf Nahrungsergänzungsmittel sieht der Experte kritisch. Die entsprechenden Substanzen würden zwar nicht mehr aus Tiermaterial gewonnen, dafür aber aus genmanipulierten Bakterien hergestellt, was mit den ökologischen Werten der meisten Veganer ebenfalls nicht vereinbar sei.

Ähnlich problematisch ist dem Bericht zufolge bei Veganern auch die ausreichende Versorgung des Körpers mit Eisen. Es komme eben nicht nur auf das bloße Vorhandensein von Nährstoffen oder Vitaminen in einem bestimmten Lebensmittel an, sondern vor allem darauf, wie diese vom menschlichen Körper aufgenommen und verarbeitet werden. So enthielten Pistazien und Pinienkerne auf 100 Gramm zwar mehr Eisen als Steaks oder Koteletts, jedoch könne pflanzliches Eisen vom menschlichen Verdauungsapparat deutlich schlechter verwertet werden. Und auch die Behauptung, dass vegane Ernährung aber auf jeden Fall gesünder ist, wenn Mangelerscheinungen durch eine ausreichende Ausgewogenheit vermieden werden können, wird von Keller mit einer wichtigen Einschränkung versehen. Er habe 80 industriell produzierte Veggie-Lebensmittel unter die Lupe genommen und dabei festgestellt, dass diese ähnlich hohe Salzwerte wie ihre Fleisch-Pendants enthielten. Für Industrieware gelte unabhängig davon, ob es sich um Fleisch- oder Veggie-Lebensmittel handelt, daher oft das grundsätzliche Problem – zu viel Salz, Zucker und Kalorien.

Und auch bei der ökologischen Nachhaltigkeit schneidet die vegane Ernährung deutlich schlechter ab, als es gerne dargestellt wird. Laut einer aktuellen Studie des WWF Deutschland können Veganer für die Umwelt eine größere Bedrohung darstellen als Fleischesser. Auf dem Speiseplan von Veganern tauchen oft sogenannte „Superfoods“ wie Chia oder Avocado auf, die jedoch fast immer vom anderen Ende der Welt nach Deutschland importiert werden müssen. Selbst bei Obst und Gemüse stammt nur ein erschreckend geringer Anteil aus der hiesigen Landwirtschaft. Beim Gemüse liegt der Anteil der im Inland erzeugten Lebensmittel bei 37 Prozent, beim Obst sind es sogar weniger als 20 Prozent. Als besonders gravierende Beispiele werden Tomaten (4 Prozent) und Haselnüsse (2 Prozent) genannt, die häufig aus Spanien (Tomaten) bzw. Italien und der Türkei (Nüsse) importiert werden.

Neben dem CO2-Fußabdruck der durch den Transport von Obst und Gemüse aus ihren Ursprungsländern nach Deutschland entsteht, weist der WWF Deutschland auf den riesigen Wasserverbrauch hin, der in den oft viel zu trockenen Anbaugebieten entsteht. Veganer, die sich beim Frühstück etwas Mandelmilch in den Kaffee gießen, sollten berücksichtigen, dass laut WWF im Jahr 2019 rund 102.500 Tonnen Mandeln nach Deutschland importiert wurden und 80 Prozent des weltweiten Anbaus aus Kalifornien (USA) stammt. Dort werden für die Produktion von einem Kilo Mandeln den Angaben zufolge nicht weniger als 2.000 Liter Wasser benötigt. Dies hat dazu geführt, dass einige Gemeinden in Kalifornien in der Vergangenheit zumindest zeitweise über Wassertanks versorgt werden mussten. Die Studie belegt einen umso höheren Wasserverbrauch, je niedriger der Anteil der tierischen Lebensmittel ist. Der WWF gibt dazu folgende Werte bekannt: Veganer verursachen einen ernährungsbezogenen Wasserverbrauch von 45 Kubikmeter pro Kopf und Jahr, Vegetarier 39 Kubikmeter Wasser und Fleischesser 29 Kubikmeter Wasser.

„Veganer wollen zeigen, dass sie etwas Besseres sind“

Bleibt also noch die Frage, welche Ideologie dem Veganismus innewohnt und was eine Minderheit antreibt, ihre Essgewohnheiten der übergroßen Mehrheit aufzwingen zu wollen. Der österreichische Historiker Ilja Steffelbauer arbeitet als Wissenschaftler an der Donau-Universität in Krems und gab dem Standard im April 2021 ein bemerkenswertes Interview über den Veganismus. Seit der Sesshaftigkeit des Menschen sei Fleisch über Jahrtausende hinweg ein Mangelprodukt gewesen, weshalb es in früheren Zeiten zum Statussymbol geworden sei. Selbst in der Generation seiner Eltern sei ein Schnitzel noch etwas Besonderes gewesen. Heute habe sich diese Rollenverteilung ins Gegenteil verkehrt, so Steffelbauer, der darauf hinwies, welche Gruppen sich besonders oft zum Veganismus bekennen: „Allen voran westliche, gebildete, urbane Mittelschichtler, Bobo-Bürger, die sich nicht durch mehr Konsum, sondern durch Konsumverzicht von anderen abgrenzen und damit ihren sozialen Status aufbessern wollen. Sie wollen zeigen, dass sie etwas Besseres sind als die leberkäs- und schnitzelfressenden Prolos, und sich so moralisch überlegen fühlen.“

Dabei habe Fleisch in der Geschichte des Menschen schon immer zur Ernährung dazugehört und nicht zuletzt auch die Entwicklung des menschlichen Gehirns gefördert. Der Historiker gibt außerdem zu bedenken, dass es für einen Großteil der Menschen nicht darum gehe, ob sie auf Fleisch verzichten wollen, sondern darum, dass sie überhaupt genug zu essen haben. Die Frage des freiwilligen Fleischverzichts habe nur in unserer westlichen Überflussgesellschaft so präsent werden können. Avocados aus Südamerika, Früchte aus Afrika oder Tomaten und Salat aus Spanien seien bei uns in jedem Monat im Jahr verfügbar. „Wenn man dann sagt, jeder sollte besser auf Fleisch oder Milch verzichten, klingt das wie ein Hohn gegenüber all jenen Menschen, deren Lebensrealität gänzlich anders aussieht und bei denen die Verfügbarkeit von Milch oder Fleisch in einigen Fällen über Leben und Tod entscheiden kann“, warnt Steffelbauer.

Er habe überhaupt nichts gegen Menschen, die sich aus persönlichen Gründen für eine fleischlose Ernährung entscheiden. Doch letztlich handele es sich um eine privilegierte Debatte innerhalb einer privilegierten Schicht unserer Gesellschaft. Dieser Minderheit müsse klar sein, dass sie mit ihren persönlichen Konsumentscheidungen nichts an den globalen Problemen ändert. „Was mich stört, sind jene fanatischen Verfechter des Fleischverzichts, die sich in ihrer Ideologie anmaßen, anderen ihre Sicht der Dinge aufzudrücken“, ärgert sich Steffelbauer. Diese Ideologie hat nach Ansicht des Experten das Potenzial, unsere Bevölkerung zu spalten, da sie jede vernünftige Auseinandersetzung mit dem Thema blockiere.

David
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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Shutterstock
Text: kr

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