Wie ich auf die Grönland-Nummer der Medien hereinfiel Ein Irrtum, ein Freund – und eine unbequeme Erkenntnis


Sie glauben, Sie sind immun gegen die Narrative und die Realitäts-Verdrehung in den großen Medien? Das glaubte ich auch. Oft. Gerade bin ich wieder einmal eines Besseren belehrt worden. Von einem Freund. Aber vorab muss ich zu meiner Rechtfertigung hinzufügen, dass ich die Staatsmedien mehr nutzen muss, als es meiner geistigen Gesundheit und meiner Realitätswahrnehmung gut tut – von Berufs wegen. Denn als Journalist ist es meine Pflicht, sie zu beobachten.

Und so gerät man denn auch unter den Einfluss ihrer Gehirnwäsche. Ob man das will oder nicht. Das jüngste Beispiel: Grönland. Oder genauer gesagt Donald Trumps Versuch, es den USA einzuverleiben – via Kauf oder Einmarsch. Ich war darüber genauso empört wie die meisten. Und als Trump dann in Davos klein beigab, dachte ich mir: „Na, da hat er sich aber gründlich verrannt und lächerlich gemacht.“

Genau so sagte ich das auch einem Freund. Der bestens vernetzt ist und sich politisch sehr gut auskennt. Er lachte – und deutete dezent und freundlich an, dass ich derjenige bin, der sich hier lächerlich macht. Motto: „Boris, fällst Du jetzt auch schon auf die Inszenierungen der Medien rein?“

Seine These: Trump wollte nie Grönland erobern oder kaufen. Er inszenierte bewusst eine absurde Forderung – einen kalkulierten Bluff, um den maximalen Hebel für reale Einflussnahme zu schaffen. Um dann einen guten „Deal“ zu bekommen – und sicherzustellen, dass das Abkommen der USA mit Grönland von 1951 nicht gekündigt wird, sondern Washington im Gegenteil noch mehr Einfluss auf die Insel erhält als bisher.

„Das war sein Ziel, und das hat er zu hundert Prozent erreicht“, sagt mein Freund: „Und die meisten Europäer sind zu dumm, um seine geschickte Vorgehensweise zu durchschauen“. Ich auch. Er sagte das sehr trocken – mir war es zu pauschal, aber nachdenklich machte es mich trotzdem. Ja, Trump zertrümmere dabei wahnsinnig viel Porzellan, ja, er richte damit viel Kollateralschaden an in den internationalen Beziehungen, so mein Freund lakonisch: „Aber er setzt durch, was er will und für sein Land für nötig erachtet. Wozu unsere europäischen Politiker nicht mehr fähig sind“. Sie seien im Vergleich zu Trump politisch impotent.

Man muss Trump nicht mögen – ich persönlich sehe ihn weder als Verkörperung des Bösen wie die Linken noch als Heilsbringer wie manche Rechte, hadere aber massiv mit der persönlichen Bereicherung seines Familienclans  – um einzusehen: So ganz unrecht hat mein Freund nicht.

Und ich erzähle diese Geschichte nicht nur wegen dieses anderen Blicks auf Trump und seine Grönland-Politik. Sondern auch, weil sie zeigt, wie leicht man sich irren kann. Und darum finde ich es so traurig, dass so viele Menschen – und gerade Journalisten – glauben, sie seien im Besitz der Wahrheit. Sehen Sie sich bitte mal um – und zwar auf allen Seiten der ideologischen Fronten, die durch unser Land ziehen: Wie oft finden Sie da nachdenkliche Töne, bei denen sich jemand auch mal selbst hinterfragt oder gar Fehler zugibt? Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Journalismus und Selbstinszenierung. Und Hand aufs Herz: Sind wir wirklich sicher, dass ausgerechnet unser eigenes Lager frei ist von Eitelkeit, Irrtum und Selbstgerechtigkeit? Ganz ehrlich – die Ansätze erkenne ich bei mir selbst. Aber wenigstens gestehe ich (mir) das ein. Und versuche, es zu bekämpfen. So gut es eben geht.

PS: In einem Kommentar wurde mir vorgeworfen, ich würde mit meinem Text Trumps Vorgehen gutheißen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ich spreche nicht von moralischer Zustimmung, sondern von einem Versuch, das strategische Kalkül dahinter zu verstehen – auch wenn ich persönlich mit vielem davon hadere. Zwischen analysieren und applaudieren besteht ein Unterschied. Und wer aufhört, diesen Unterschied zu sehen, der hört auch auf, die Welt begreifen zu wollen.

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