Wie man Putins Trolle erkennt Die Methoden des „Russischen Influencing“

Ein Gastbeitrag von Sönke Paulsen

Früher war es einfach. Trolle und Influencer “Made in Russia” konnten oft nicht richtig deutsch sprechen. Daran waren sie leicht zu erkennen. Heute ist das Problem zum großen Teil abgestellt worden. Entweder die Web-Brigade des Kremls hat intellektuell aufgerüstet oder es liegt tatsächlich daran, dass „Google-Übersetzer“ besser geworden ist. Möglicherweise ist aber auch der Anteil an muttersprachlich deutschen Kämpfern für den Kreml im Web gestiegen. Leider gibt es keine Statistiken.

Dennoch gibt es einige methodische Merkmale, welche man diskutieren kann, um politische Propaganda aus Russland in den Kommentarspalten zu identifizieren.

Die Cato-Methode

Am einfachsten ist das, wenn Kommentatoren immer denselben Spruch schreiben, z.B. „Merkel, einfach widerlich!“ Den gibt es in allen Varianten, wobei ein Kommentator in der Regel immer dieselbe Formulierung nutzt. Begriffssetzungen können dabei so eingängig sein, dass sie sich fortpflanzen. Selbst mir passiert es öfter, dass ich vom „Merkel-Regime“ spreche, wie die Trolle, weil es für mich den Berliner Klüngel am besten beschreibt. Dennoch ist Merkel-Regime natürlich falsch, weil die Ex-Kanzlerin eine demokratisch gewählte Regierungschefin war. Durch die ständige Wiederholung solcher Begriffe findet aber eine sprachliche Subversion statt, die Merkel, Putin und Lukaschenko in eine Reihe stellt, was zur Rechtfertigung und Legitimierung zweier autoritärer Staatslenker führt, welche die Opposition im eigenen Land unterdrücken. Genau das ist gewollt.

Diese Methode erscheint, auf den ersten Blick, einfältig, weil sie auf die Einfalt unserer gefühlsmäßigen Werturteile zielt. Sie benutzt den „Mere-Exposure-Effekt“, der besagt, dass häufig gehörter Informationen automatisch ein höherer Wahrheitsgehalt unterstellt wird. Sie werden dann überzeugender.

So hat der römische Staatsmann Marcus Porcius Cato am Ende seiner Reden immer den Satz angefügt: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.“ Nun ja, Karthago wurde schließlich zerstört.

Der Agitprop-Stil

Ebenfalls einfach zu erkennen ist der Agitprop-Stil. In der DDR bestand dieser vor allem darin, bestimmte Sprachregelungen durchzusetzen. So war der Aufstand vom 17. Juni 1953 im Nachhinein ein versuchter „faschistischer Putsch“. Im Folgenden war dann der „antiimperialistische Schutzwall“ eine logische Konsequenz.

Man erkennt schon, dass Agitprop die Spezialität der Kommunisten war und sehr tief in den privaten Sprachraum der Menschen vordringen konnte. „Kulturschaffende“ waren in der DDR das sprachliche Pendant zu „Werktätigen“, Oppositionelle waren meist „Querulanten“, in manchen Fällen auch „Agenten des Klassenfeindes“. Ich erinnere mich noch gut, wie Kollegen in Ostberlin dieses Etikett aufgebrannt bekamen, Querulanten zu sein. Hinweise auf die Stasivergangenheit von Vorgesetzten wurden nicht selten damit pariert, dass der Hinweisgeber ein bekannter Querulant sei. Die Leute rümpften dann die Nase, jeder hatte schon mal einen Querulanten hassen gelernt.

Der Agitprop-Stil wurde im Westen vor allem von den Linken übernommen und war seit den Siebzigern in der Bundesrepublik fester Bestandteil linker Sprachregelungen. Auch heute erkennt man diese Leute noch daran, wie locker ihnen der Begriff „faschistisch“ über die Lippen kommt. Eine Art Universalschmähung, bei der, ähnlich dem DDR-Querulanten, ein „rückwärtsgewandtes“ Weltbild und Schlimmeres unterstellt wird.

Vermutlich sind die „Querdenker“ die neuen „Querulanten“ unserer linkshegemonialen Politakrobaten.

Viele Trolle reden vom „faschistischen Merkel-Staat“ und manche befinden sich im starken linken Einklang, so dass sie den „US-Imperialismus“ und die „aggressive Nato“ ständig erwähnen und Merkel oder ganz Deutschland als „Marionette“ bezeichnen. Das ist guter alter Agitprop-Stil, der eigentlich von den Leninisten kommt. Viele von Putins Trollen hängen dabei der Querfront-Idee an und sehen einen Revolutionsbedarf von links und rechts gleichzeitig. Das klärt die Verwirrung ein wenig auf, die durch die Übernahme linker Sprachregelungen entstehen kann.

Dazu gehören natürlich auch Euphemismen, die Demokratie und Diktatur vermischen und im Westen eher eine Diktatur und im Osten eine Demokratie sehen. Die DDR hatte schließlich auf unsere BRD-Demokratie noch den Begriff „Volk“ aufgesattelt und sich als „Volksdemokratie“ bezeichnet, was eine nettere Umschreibung für die „Diktatur des Proletariates“ ist.

Wenn erst die chinesischen Trolle bei uns richtig Fuß gefasst haben, werden wir es auch mit der chinesischen Formulierung von Demokratie zu tun bekommen, die ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums schon mal vorgegeben hat: „Ganzheitliche Demokratie des Volkes“.

Verkehrung ins Gegenteil

In der jüngsten diplomatischen Krise mit dem Kreml, wegen der Zuweisung des „Tiergartenmordes“ durch die Bundesanwaltschaft und das Gericht als Auftragsmord an die Kreml-Spitze, gab es heftige russische Beschwerden wegen eines angeblichen unfreundlichen Aktes. Der russische Botschafter gab zu verstehen:

„Dieses Urteil halten wir für nicht objektiv, politisch motiviert und für das ohnedies schwierige deutsch-russische Verhältnis gravierend belastend.“
FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff zu BILD: „Netschajew ist ein Vollprofi. Er spielt das typische Moskauer Schwarzer-Peter-Spiel: Was man selber tut, das unterstellt man anderen – und führt anschließend seine angebliche große Empörung vor.“

Politisch motivierte Gerichtsverfahren sind eigentlich die Standardvorwürfe, mit denen der Kreml sich seit Jahren konfrontiert sieht, von Chodorkowski bis Nawalny. Einen Mordprozess mit so eindeutiger Beweislage als politischen Prozess darzustellen, ist schon eine Verkehrung ins Gegenteil.

Ich war auch erstaunt, als ich unter einem meiner Artikel über die „Flüchtlingswaffe“ Lukaschenkos, im Herbst, Kommentare von russischen Influencern fand, die unisono von einem Verschulden der EU sprachen, die schließlich selbst die Flüchtlinge zu sich einladen würde. Ein Angriff von außen wird schlicht zu einer „Selbstschädigung aus Dummheit“ umgedeutet. Auch das ist eine Verkehrung ins Gegenteil.

Es gibt für diese Methode faktisch keine Grenzen.

Als im Jahr 2014 eine malaysische Passagiermaschine über der Ostukraine abgeschossen wurde, was mit höchster Wahrscheinlichkeit durch eine russische BUK-Rakete in den Händen der Separatisten geschah, gab es jede Menge russische Gegenargumente. Die absurdesten Argumente waren Hinweise auf False-Flag-Aktionen der CIA oder Kiews, die den Abschuss den Russen in die Schuhe schieben wollten. Die Version, dass zwei ukrainische Kampfflugzeuge den Flug MH17 abgeschossen haben, war dabei noch die harmloseste Umkehrung der Realität.
Russische Influencer haben auch Argumente vertreten, die an Hollywood erinnerten. So kursierte die Behauptung, dass die CIA ein Flugzeug voller Leichen über der Ost-Ukraine abstürzen ließ, um es den Separatisten in die Schuhe zu schieben.

Die Verkehrung ins Gegenteil scheint also eine Spezialität russischer Trolle zu sein, wobei oft die Frage „Cui bono?“ in den Vordergrund geschoben wird. „Welches Interesse hätten Separatisten oder Russland an dem Abschuss gehabt?“ Also müsse es von der CIA und den Amerikanern oder von Kiew arrangiert worden sein. Ein ganz häufiges Argumentationsmuster.

So wird auch unterstellt, dass der Oppositionelle Alexei Nawalny erst in Berlin vergiftet wurde, wohin er wegen seiner Vergiftung mit dem „russischen Staatsgift“ Nowitschok ausgeflogen wurde. Man wolle die Vergiftung dem Kreml unterjubeln, so die russischen Influencer.

Die Empörungsmasche

Empörung gehört zum täglichen Geschäft der Medien überall auf der Welt und natürlich auch bei uns und in Russland.

Russische Influencer allerdings können die Empörungskarte besonders gut spielen. Sie schließen sich dann meist zusammen und gehen dann mit einer Empörung, die sich gegenseitig bestätigt, in den Kommentarspalten gegen einen unliebsamen Artikel vor. Aber das ist noch lange nicht alles!

Die Empörung über diesen Artikel wird in Nachrichtenportale getragen, die in Links auf einen solchen verhassten Artikel hinweisen und natürlich auch in die sozialen Netzwerke. Kurz, russische Trolle sind ohne weiteres in der Lage, einen Shitstorm zu organisieren, wenn sie meinen, dass es lohnt.

So hatte ich als Mitglied der „Freitags-Community“ 2014 das Vergnügen einer scheinbaren „Programmbeschwerde“ wegen eines kritischen Artikels über das militärische Vorgehen der, russisch gesteuerten, Separatisten in der Ostukraine. Diese wurde über das russische Medium RT (Russia Today) ziemlich breit gestreut. Natürlich gibt es für einen Blogger in einer Community keine „Programmbeschwerden“, aber das war den Trollen egal. Es ging darum, Empörung zu verbreiten, wie auch immer.

Aber die Empörung kann auch bei einzelnen Influencern die Empörungsfähigkeit eines Kreml-Sprechers bei weitem überflügeln. Die Unwahrheiten, die von Putins Trollen verbreitet werden, werden oft von erheblicher Entrüstung begleitet, um die Lächerlichkeit ihrer Behauptungen wenigstens im affektiven Bereich zu überspielen. Empörte Kommentare von russischen Influencern gehen dabei regelmäßig so weit, dass man als nächstes eine Aufforderung zur Satisfaktion mit Säbeln oder Pistolen erwartet. Zu so einem Duell bin ich allerdings noch nie gefordert worden.

An dieser Empörungsfähigkeit, welche ein bisschen an „Ehrverletzungen aus dem neunzehnten Jahrhundert“ erinnert, kann man aber russische Trolle oft ganz gut erkennen.

Den Gegner mit Quellen erschlagen

Ein typisches Phänomen, welches ich häufig bei russischen Influencern in den Kommentarspalten erlebe, ist das Anbringen von kompletten Links als Beweise für ihre Thesen. Da kommen dann schnell fünf bis zehn Links zusammen, die typischerweise auf Medien und Blogs aus der internationalen „Russosphäre“ verweisen. Manchmal sind auch interessante Hinweise und Artikel dabei, oft aber sind es Tautologien, weil die vorgeschlagenen Quellen bestimmte „Kampfmeinungen“ beweislos behaupten und reproduzieren. Die Menge der Quellen soll dann Glaubwürdigkeit herstellen.

Pseudonymen nachgehen

Russische Influencer kommentieren unter ihrem Pseudonym oft in verschiedenen Medien und Blogs, was nicht unbedingt spezifisch ist, weil viele Leute das tun. Allerdings wird es dann auffällig, wenn sie ihre antiwestliche Haltung bei Russia Today und anderen russischen Staatsmedien täglich mehrmals zum Besten geben. Dann ist die Wahrscheinlichkeit doch recht groß, es mit einem „Professionellen“ zu tun zu haben.

Fazit: Russische Trolle diskutieren bei uns kräftig mit und benutzen dabei inzwischen verfeinerte Methoden, die nicht so sehr mit Beschimpfungen in schlechtem Deutsch, sondern zunehmend mit bekannten Manipulationsmethoden einhergehen. Diese sind oft recht ausgefeilt. Genutzt wird häufig eine Sprache der Empörung, die oft etwas „altbacken“ wirkt und manchmal an das neunzehnte Jahrhundert erinnert. Es wird oft die „Beweisschiene“ genutzt, die aber bei näherer Betrachtung recht substanzlos bleibt. Das sture Wiederholen immer gleicher Begriffe, auch aus der Agitprop-Terminologie und der Standardvorwürfe des Kremls gegen die USA und Europa, weist ebenso auf Professionelle im Dienste der russischen Sache hin.



Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt auch in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“. Hier finden Sie seine Fortsetzungsgeschichte „Angriff auf die Welt“ – der „wahre“ Bond.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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