Was haben Kenia und Sibirien gemeinsam? Beides sind Endstationen in der Peripherie für jene, die im Zentrum zu viel Staub aufgewirbelt haben. Wo die Zaren einst unliebsame Geister in den Frost schickten, nutzt der WDR heute die Hitze Äquatorialafrikas: Georg Restle wird nicht befördert, er wird entsorgt. 6.000 Kilometer Luftlinie sind kein Karriereschritt, sondern das notwendige Sicherheitsintervall zwischen einem unbequemen Aktivisten und dem Kölner Intendanten-Sessel.
Zuerst hieß es noch dezent, Restle bekomme nach seinem Abschied nach 13 Jahren als Chef von Monitor „für den Senderverbund eine neue Aufgabe“. Da war ich erleichtert. Als ich dann heute früh las, Restle übernehme „die Leitung des crossmedialen ARD-Studios Nairobi“, musste ich lachen. Das ist nicht einfach eine Degradierung. Es ist eine Verbannung. Noch lauter lachen musste ich, als ich den Kommentar des immer etwas asketisch-verbissen wirkenden Journalisten auf X las: „Neuer Job auf eigenen Wunsch: Ab Juni werde ich aus Nairobi über einen so spannenden wie chronisch unterberichteten Kontinent berichten.“
Als ich diesen Tweet gelesen habe, war mir klar: Ich muss schreiben. Denn diese Form der „Selbst-Stilisierung“ muss man fast bewundern. Restle verkauft die Abschiebung in die journalistische Steppe als heldenhaften Aufbruch – als wäre er der erste Entdecker, der für die ARD den afrikanischen Staub aufwirbelt. Doch die Geografie lügt nicht: Wer vom einflussreichen Polit-Olymp in Köln direkt nach Nairobi durchgereicht wird, tritt keine Forschungsreise an, sondern den Rückzug ins Relevanz-Vakuum. Dass der chronisch gallige Überzeugungstäter dabei von Senegal bis Somalia patrouillieren darf, klingt weniger nach journalistischer Freiheit als nach einem gigantischen Auslaufmodell für einen Mann, dem man im heimischen Funkhaus schlicht das Mikrofon abgedreht hat. Demut sieht anders aus; das ist das Pfeifen im afrikanischen Wald.
Dass der Vorhang für Restle bereits am 26. März fällt – nach nur einer letzten Sendung –, spricht Bände. Wer so überstürzt vom Bildschirm komplimentiert wird, um dann dreieinhalb Monate lang im administrativen Nirgendwo auf sein Visum zu warten, geht nicht erhobenen Hauptes. Er wird kaltgestellt. Man muss es erst einmal schaffen, selbst im WDR, dieser links-ideologischen Echokammer der Republik, als derart agitatorisch zu gelten, dass die Senderführung die Reißleine zieht. Offenbar wurde selbst den Profi-Framern in Köln der penetrante Antifa-Stallgeruch ihres stets etwas bitter und freudlos-doktrinär wirkenden Aktivisten am Ende zu riskant für das sogar beim Stammpublikum schon massiv erodierende Restvertrauen.
Restles journalistisches Ethos war nie die Aufklärung, sondern die Anklage. Ob er Manuel Hagel auf X im Stile eines Volkstribuns wegen seiner harmlosen Rehaugen-Aussage zum „Täter“ stigmatisierte, Migranten-Gewalt in Schwimmbädern zu rechten Phantasien erklärte oder bei Themen wie Impfschäden und Energiepolitik die Grenzen zwischen Dokumentation und Desinformation mit erstaunlicher Ignoranz verwischte: „Monitor“ unter Restle war kein Magazin, sondern eine Politsekte mit Sendeplatz. Ein Agitprop-Format, das journalistische Standards der ideologischen Reinheitslehre opferte. Wer Framing zur Kunstform erhebt und das Publikum durch dreiste Irreführung bevormundet, darf sich über das Etikett des „Haltungsschornsteins“ nicht wundern.
Ich gestehe: Ich bin voreingenommen. Unsere Wege kreuzten sich in Moskau. Damals duzten wir uns noch – eine Vertrautheit, die Restle später, als ich nicht mehr in sein streng gefiltertes Weltbild passte, schlagartig vergaß. Schon damals beeindruckte mich seine in öffentlich-rechtlichen Kreisen leider übliche Chuzpe, sich auch ohne nennenswerte Kenntnisse der Landessprache für eine maßgebliche Stimme aus dem Land zu halten, von dem man wenig Ahnung hat (was wohl auch in Nairobi so bleiben wird).
Ich war damals sogar so großmütig bzw. mitleidend, dem in der russischen Realität noch recht orientierungsbefreiten (in der WDR-Sprachdoktrin: unvoreingenommen) Kollegen journalistisch schon mal über die Straße zu helfen – eine kleine Starthilfe, die er heute vermutlich ebenso erfolgreich verdrängt hat wie unser „Du“. Später stieg Georg Restle dann zum unfehlbaren Hohepriester der Haltung in Köln auf. Es ist bezeichnend: Wer keine Argumente hat, bricht den Kontakt ab. Diese tiefe, fast religiöse Humorlosigkeit im Umgang mit Widerspruch prägte schon damals sein Auftreten. In späteren Jahren dann lehnte er, der in Moskau noch gerne meine Meinung hörte, meine Gesprächsangebote konsequent ab – vermutlich aus panischer Angst, das mühsam gezimmerte Feindbild könnte durch die Realität Risse bekommen. Wer sich im Besitz der Wahrheit wähnt, spricht nicht mit Andersdenkenden.
Nun also Nairobi. Vom Korrespondenten-Darsteller in Moskau zum Chefideologen des Haltungsjournalismus in Köln und schließlich zum Verbannten am Äquator. Dass er dort den „chronisch unterberichteten Kontinent“ retten will, ist die letzte Ideologie-Pose eines Mannes, der die eigene Bedeutungslosigkeit nicht wahrhaben will. In Köln atmet man derweil auf: Das Sicherheitsintervall von 6.000 Kilometern steht.
Dass diese Form der Kaltstellung überhaupt so geräuschlos funktioniert, liegt am dicken Polster des Systems. In der freien Wildbahn des Journalismus wäre ein Akteur mit einer derartigen Bilanz längst in hohem Bogen geflogen und müsste sich sein Brot auf einem Markt verdienen, der statt Belehrung und Ideologie Kritik und Leistung honoriert. Nicht so im öffentlich-rechtlichen Apparat: Restle fällt weich – zwar tief in den afrikanischen Busch, aber finanziell hart gepolstert durch jene, die er so tief verachtet: die „Zwangsgebührenzahler“. Pardon, diesen Begriff darf man nach Restlescher Lesart ja nicht verwenden, gilt er ihm doch als „Kampfbegriff ultrarechter“ Kreise. Doch genau diese Beitragszahler sind es, die ihm nun sein fürstlich dotiertes Exil finanzieren. Eine lebenslange Apanage für den betreuten Journalismus. Es ist die letzte Ironie einer Karriere, die auf Haltung basierte, aber von der erzwungenen Solidarität jener lebte, denen er am liebsten die Welt erklärt hätte.
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PPS: Leserkommentar – „Der WDR müsste nun die Alimentierung von Restle an die Lebenshaltungskosten bzw. Einkünfte eines Journalisten in Nairobi anpassen, dies wäre nur Konsequent und dem GEZ Zahler gegenüber fair.“
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