Warum ich aufgehört habe, Pazifist zu sein Nie wieder Krieg? Klar! Aber der Schwur allein reicht nicht

Gerade habe ich einen Podcast mit Monika Gruber und Harald Schmidt gesehen – zwei Menschen, deren Schärfe, Mut und Unabhängigkeit ich aufrichtig bewundere. Und genau deshalb hat mich eine Passage des Gesprächs so getroffen. Zwischen den Zeilen schwang ein Reflex mit, den ich gut kenne – und den ich selbst lange hatte: Wer heute noch Wehrhaftigkeit fordert, hat aus der Geschichte nichts gelernt. Wer Verteidigung befürwortet, spielt mit dem Feuer.

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Ich verstehe diesen Reflex. Ich hatte ihn selbst. Und ich werfe ihn den beiden nicht vor – im Gegenteil. Wenn selbst diese unabhängigen, scharfen Köpfe ihn nicht überwunden haben, zeigt das nicht ihre Schwäche. Es zeigt, wie außerordentlich tief diese Konditionierung sitzt. Sie sind nicht das Problem. Sie sind der Beweis.

Ich weiß, wovon ich rede: Ich war selbst lange genug Pazifist, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Und ich bin mir sicher: Ohne meine 16 Jahre in Russland, ohne selbst in drei Kriegen gewesen zu sein, wäre ich Pazifist geblieben. Man muss den Schrecken wohl am eigenen Körper spüren, um noch viel lauter als früher zu sagen: „Nie wieder Krieg“. Aber um eben auch zu verstehen, dass Pazifismus dabei ein Irrweg ist. Er ist zwar etwas Wunderbares – aber er funktioniert nicht, wenn nicht alle mitmachen. 

Und das ist genau der Kernpunkt, den wir – ich früher auch – nur allzu gerne verdrängen. Denn es sind eben leider nicht alle. In Russland etwa war schon zwanzig Jahre vor dem Angriff auf die Ukraine 2022 unübersehbar, dass Wladimir Putin sein Land auf einen Krieg vorbereitete. Ich habe darüber auch in meinem Buch geschrieben. Dabei ist Russland leider keine Ausnahme. Auch in anderen Ländern und Weltgegenden gilt Krieg bis heute nicht als Tabu wie bei uns – die USA eingeschlossen.

Verwischter Unterschied

Ja, der Westen hat mit seinen Interventionen im Irak, in Libyen, in Afghanistan und anderswo Schaden angerichtet – teils massiven. Das bestreite ich nicht. Man kann diese Interventionen durchaus verurteilen – ohne deswegen für Wehrlosigkeit zu sein. Schon gar nicht für Wehrlosigkeit gegenüber Aggressoren, die bereits angreifen. Ich rede nicht aggressiven Militärschlägen das Wort – nur der defensiven Wehrhaftigkeit. Das ist ein Unterschied, den der Pazifismus gerne verwischt.

Glauben Sie mir – ich finde Krieg absolut schrecklich, und ich hasse ihn zutiefst. Eben, weil ich ihn, anders als die meisten meiner Generation, selbst erlebt habe: In Tschetschenien, in Georgien, in Afghanistan. Nur glaube ich eben nicht (mehr), dass Pazifismus die Antwort ist. Im Gegenteil: Er ermöglicht es den Kriegstreibern dieser Welt, ihr blutiges Handwerk zu betreiben.

Der britische Premierminister Neville Chamberlain war Beschwichtigungspolitiker. Mit seiner zögerlichen Reaktion auf die militärische Aggression Hitlers 1938 ermöglichte er dessen weitere Angriffe. Die Geschichte kennt keinen Konjunktiv – aber wer weiß, wie sie weiter verlaufen wäre, hätte der sogenannte „Westen“ 1938 nicht mit Pazifismus reagiert.

Berühmter Spruch

Hätten die Alliierten damals nicht gekämpft, wäre Auschwitz nie befreit worden. Und Hitler und seine Nachfolger würden wohl heute noch Deutschland terrorisieren. Aber diese Erkenntnis ist bei uns fast tabuisiert. Die Deutschen haben aus der Nazi-Vergangenheit mehrheitlich nicht den richtigen Schluss gezogen, dass man gegen das Böse kämpfen muss – sondern dass es böse ist, zu kämpfen. 

Von einer fatalen Kriegsbegeisterung ist eine Mehrheit in das andere, nicht minder radikale Extrem umgestiegen – in radikalen, bedingungslosen Pazifismus. Der seine Krönung fand in dem Spruch „Lieber rot als tot“. Ein Spruch, der ignoriert, dass Stalin, Mao, Pol Pot und Konsorten Abermillionen töteten.


Der Pazifismus deutscher Prägung ist kein intellektuelles Problem, er ist ein emotionales Konditionierungsproblem. Es erfasst auch die Klügsten. „Nie wieder Krieg“ wurde als Identität internalisiert – mit dem unterschwelligen Vorwurf, wer kein Pazifist sei, wünsche sich Krieg. Aber das ist falsch. Niemand in unserer Gesellschaft will Krieg. Im Gegenteil. Jeder in Deutschland normal sozialisierte Mensch ist bereit, alles zu tun, um ihn abzuwenden. Aber weil wir alle so ticken, neigen wir zu dem fatalen Fehlschluss, das sei überall auf der Welt so – und auch bei allen Zuwanderern. Ist es aber nicht. Umso fataler ist es, wenn eine zutiefst pazifistische Gesellschaft mit dem massenhaften Zuzug von Menschen aus Kulturen konfrontiert ist, die kein Kriegstabu und kein Gewalttabu kennen. Das Ergebnis können Sie täglich in den Polizeimeldungen lesen – oder eben auch nicht.

Vielleicht muss man so eine Gesellschaft ohne Kriegstabu und ohne Gewalttabu von innen erlebt haben, um überhaupt zu verstehen, dass so etwas möglich ist – weil es so weit entfernt von der eigenen Denkwelt ist, dass man es – und auch meine Warnung hier – als irreal auffasst. Vielleicht kommt man nur durch dieses Erleben am eigenen Leib zu dem Schluss: Weil eben nicht alle Pazifisten sind, weil es immer noch viele Herrscher gibt, die auf Krieg setzen, sind Abschreckung und Wehrhaftigkeit der beste Weg, um den Frieden zu sichern. Und Pazifismus gefährlich. 

Dabei fängt der Pazifismus, der uns gefährdet, nicht erst an den Außengrenzen an. Der innenpolitische – etwa in der Kuscheljustiz – ist vielleicht noch der gefährlichere. Dazu ein andermal mehr.

Ich weiß, wie stark das Thema emotional behaftet ist, wie sehr ich mich bei manchen unbeliebt machen werde mit diesem Text. Aber es ist nicht meine Aufgabe als kritischer Journalist, mich beliebt zu machen. Im Gegenteil.

Die Schweiz hat ihre Neutralität nie mit Wehrlosigkeit verwechselt. Sie ist bis auf die Zähne bewaffnet – und verstand sich immer als wehrhaft und bereit zum Kampf. Es ist also kein Zufall, dass die Eidgenossenschaft in der Neuzeit nie angegriffen wurde. Ob der Grund die Armee war oder der Nutzen als Neutraler – sie hat beides nie aufgegeben. Wer sich dagegen nicht wehren kann, lädt ein. George Orwell brachte es 1942 auf den Punkt: Pazifismus ist in Zeiten des Faschismus objektiv pro-faschistisch. Eine logische Wahrheit, die zeitlos bleibt.

Wer Wehrhaftigkeit ablehnt und Pazifismus intellektuell redlich bis zur Schmerzhaftigkeit zu Ende denkt, ohne Angst, aus der moralischen Wohlfühlzone herauszutreten, sagt im Grunde: Verriegle deine Tür nicht. Und Hand aufs Herz – vielleicht wären Sie vor zwanzig Jahren noch dazu bereit gewesen. Aber heute, im Deutschland des Jahres 2026? Würden Sie ernsthaft auf ein Schloss verzichten wollen? Würden Sie auf Polizei verzichten wollen? Eben. Was im Kleinen gilt, gilt im Großen.

Die Leute, die 1938/39 auf Verteidigung bestanden, mussten sich von manchen als Kriegstreiber beschimpfen lassen. Die Geschichte zeigte: Sie waren die einzigen Erwachsenen im Raum. Die so oft gestellte Frage „Bist du für Krieg oder Frieden?“ ist eine Scheinfrage, weil die Antwort für jeden vernünftigen Menschen selbstverständlich ist. Die faire Frage lautet: Was ist dein Plan, wenn der Aggressor den Frieden nicht will? Der Pazifismus hat darauf keine Antwort. Er setzt voraus, dass Frieden von allen Seiten gewollt wird. Das war seit Beginn der Geschichtsschreibung nicht der Fall. Wer das negiert, ist nicht idealistisch. Er ist naiv. Und wer angegriffenen Völkern sagt, sie sollen sich nicht verteidigen – um das eigene emotionale Wohlbefinden zu schützen – der betreibt keine Moral. Der betreibt Bequemlichkeit mit Heiligenschein – auf Kosten anderer.

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Bild: Symbolbild/KI/Gemini/

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