In diesem besonderen Fall muss ich eines vorausschicken – ich bin sehr tierlieb, und meine Leser wissen das. Weil ich sie immer wieder mal mit Katzengeschichten behellige, insbesondere mit Rettungsaktionen für Straßenkatzen (zwei gingen soweit, dass die Tiere seit Jahren bei mir leben). Insofern habe ich sehr großes Mitgefühl mit dem Wal, der in der Ostsee gestrandet ist, und wünsche ihm von ganzem Herzen, dass er seine Odyssee überlebt.
Was ich dagegen gruselig finde, ist der mediale Totentanz der Prioritäten. Wenn ich im Rahmen meines Pflichtprogramms, der Nachrichtenlektüre, auf Portale wie das von „Bild“ oder dem „Focus“ gehe, erdrückt mich rund um die Uhr die Inszenierung, dieses arme Tier sei wichtiger als alles andere auf der Welt. Es herrscht eine Art kollektiver Wal-Wahnsinn, während die Realität im Lande längst im Koma liegt.
Da wird zeitgleich ein 13-Jähriger in Hamburg am helllichten Tage vor einer Schule niedergestochen und muss um sein Leben kämpfen – aber das ist nur eine lästige Randnotiz. Da werden immer mehr Frauen in diesem Land Opfer von immer mehr Gewalt – aber es interessiert keinen. Zumindest nicht, wenn das Opfer nicht ein Liebling der rot-grünen Szene ist und sich die mutmaßliche Tat trefflich instrumentalisieren lässt für noch mehr staatliche Internet-Überwachung. Sie wissen, wen ich meine.
Unwürdiges Spektakel
Jedes Detail der Rettungsaktionen für den Wal wird beleuchtet, als sei es von lebenswichtiger Bedeutung für die Leser. Und als wäre das Drama des erschöpften Tieres noch nicht groß genug, haben längst die Menschen das Rampenlicht entdeckt, das es ausstrahlt. Ein Influencer mit über einer Million Abonnenten fährt nicht einfach zum Wal – er inszeniert die Fahrt zum Wal. Er legt dem Tier die Hand auf, spürt seine Angst, flüstert ihm ins Ohr, bis die Kamera es festgehalten hat. „Mittlerweile vertraut mir der Wal“, ließ er die Welt wissen. Der Wal selbst hat dazu noch keine Stellungnahme abgegeben.
Als besagter Influencer dann von den wissenschaftlichen Verantwortlichen von weiteren Einsätzen ausgeschlossen wurde, angeblich wegen „Selbstdarstellung“, eskalierte das Spektakel zur Tragikomödie. Das geschwächte Tier rang im Flachwasser um Atem, während auf dem Trockenen Egos rangen. Als wäre das noch nicht genug, lieferten sich parallel zwei Bagger-Firmen einen handfesten Streit um Liegeplätze und Seile. Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Umweltminister Till Backhaus eilte herbei, um zu schlichten. Deutschland hat keine Außengrenze mehr, die diesen Namen verdient, aber einen Wal-Krisenstab auf Ministerebene.
Und dann, das Unvermeidliche: Am Wochenende bekam der Wal einen Namen. Natürlich. Denn so wird aus einem Drama eine Geschichte, aus einer Geschichte eine Serie. Die Opfer von Messerstechern und Vergewaltigern hingegen bekommen in der Berichterstattung meist nur ein Alter – und das war es dann.
Die Retter streiten sich untereinander, massiv, und dieser Vielfronten-Krieg der großen Egos wird bis in die letzten Verrenkungen wiedergegeben, als handele es sich um ein WM-Endspiel. Man suhlt sich in einer moralischen Ersatzhandlung, während man vor den echten Trümmern der inneren Sicherheit die Augen fest verschließt.
Agonie auf beiden Seiten
Nochmal – der Wal tut mir unendlich leid, ich bete für ihn und für ein Happy End. Aber wie das arme Tier zur Hauptfigur einer moralisch völlig entkernten Berichterstattung aufgeblasen wird, ist unerträglich. Während der Wal im Flachwasser um Atem ringt, ertrinkt der gesunde Menschenverstand im tiefen Sumpf der Haltungs-Journalistik. Man rettet lieber medienwirksam einen Meeressäuger, als sich der unbequemen Wahrheit zu stellen, dass auf deutschen Schulhöfen das nackte Grauen zum Alltag geworden ist. Ein Volk, das die Agonie eines Tieres zum Staatsereignis erhebt, während es das Niederstechen seiner Kinder achselzuckend als Lokalmeldung verbucht, hat den Kompass nicht nur verloren – es hat ihn längst über Bord geworfen.
Bild: Symbolbild KI-generiert/Grok
