Söders Ehe-Märchen: Die Lizenz zur kollektiven Selbsttäuschung Wenn Privat plötzlich politisch nützlich wird

Mundus vult decipi – der Satz ist 500 Jahre alt und aktueller denn je – die Welt will betrogen sein. Diese alte Weisheit kam mir sofort in den Sinn, als ich bei „Focus Online“ einen Artikel las mit der Überschrift: „Liebe auf den ersten Blick“: Markus Söders Frau Karin spricht über ihr Eheglück.

Eins vorweg: Ich bin der festen Auffassung, dass das Privatleben von Politikern und Prominenten privat zu bleiben hat. Solange sie es nicht selbst in die Öffentlichkeit zerren. So wie Söder es hier tut. Und nur deshalb schreibe ich diesen Text. Und schreibe darüber, worüber ich nie schreiben wollte: Dass ich vor einigen Jahren aus seinem Umfeld sehr unappetitliche Nachrichten über sein Privatleben zugetragen bekam. Und mir eine zweite Quelle das bestätigte – eigentlich genug für einen Journalisten, um zu schreiben. Aber ich sagte mir: privat ist privat. Punkt. Auch bei Markus Söder, dem sein Ex-Chef Horst Seehofer eine Neigung zu „Schmutzeleien“ und „maßlosen Ehrgeiz“ bescheinigte (siehe hier).

Über Söders Privatleben werden in einschlägigen Kreisen Dinge erzählt, bei denen mir das Wort „Eheglück“ im Halse stecken bleibt – Dinge, die ich hier nicht wiederholen will, und zwar aus Überzeugung, nicht aus Feigheit. Wenn sich also nun ausgerechnet dieser Söder als treusorgender Ehemann in einer perfekt harmonierenden Ehe inszeniert bzw. dazu seine Frau an die vordere Front schickt, dann ist das einfach zu viel, als dass man schweigen könnte.

Liebeserklärung oder Statement?

Das ist klassisches bayerisches Polittheater – 2022 gab es noch Trennungsgerüchte, die so hartnäckig waren, dass Söder öffentlich darauf reagieren musste. Auch andere Gerüchte halten sich hartnäckig. Die jetzige Inszenierung lässt nur einen Schluss zu – Söder ist im Bundestagswahlkampf-Modus, braucht das Bild des bodenständigen Familienmanns aus Nürnberg, und der „Focus“ liefert brav die Kulisse. „Familienverbund ganz wichtig“, „mehrmals täglich telefonieren“ – das klingt weniger nach Liebeserklärung als nach einem abgestimmten Statement.

Besonders pikant daran: Söder selbst war es, der jahrelang von einer „roten Linie“ gepredigt hat – keine Homestorys, Familie bleibt privat. Jetzt, kurz vor dem nächsten politischen Schritt Richtung Berlin, plötzlich doch. Die Frau liefert das Interview, er kann sich raushalten und trotzdem profitieren. Elegant konstruiert.

Und Gloria-Sophie Burkandt, die Tochter aus der „früheren Beziehung“ – schöner Euphemismus im Artikel. Die wird natürlich ganz am Ende erwähnt, quasi als Fußnote. Ob Frau Baumüller-Söder das alles aus Überzeugung tut oder aus dem stillen Einvernehmen heraus, das in solchen Ehen oft entsteht – das weiß nur sie. Aber die Performance sitzt. Vielleicht ist der Wunsch, Kanzler-Gattin zu werden, einfach zu stark.

Klicken und Seufzen

Wobei mir nicht mal Söder selbst am bittersten aufstößt. Dass Politiker lügen, ist ungefähr so überraschend wie Regen im November – siehe Merz und seine Wahlversprechen, und aktuell der Wunsch von Söder, Steuern zu erhöhen – gegen die eigenen Zusagen vor der Wahl. Das Erschreckende ist die kollektive Bereitschaft zur Selbsttäuschung. Die Leute wollen ganz offensichtlich das Märchen. Zumindest eine Mehrheit – denn wenn Sie hier lesen, gehören Sie sicher nicht dazu. Ein merkwürdiges Portal wie „Spot on News“ verkauft es, „Focus Online“ verbreitet es, und hunderttausend Menschen klicken drauf und seufzen gerührt.

Dabei wäre die ehrliche Version sogar interessanter: Zwei erwachsene Menschen haben eine funktionale Zweckehe, die beiden nützt – sie stammt aus reichem Nürnberger Unternehmerhaus, er, der Sohn eines Maurermeisters, bekam gesellschaftliche Verankerung und materielle Sicherheit für seine Karriere. Die Kinder sind versorgt, jeder weiß, was Sache ist, und das Arrangement hält seit 25 Jahren. Zumindest letzteres ist in gewisser Weise sogar respektabel. Aber nein – es muss „Liebe auf den ersten Blick“ sein.

Das eigentlich Zynische: Söder weiß, dass seine Wähler das wissen. Und die Wähler wissen, dass Söder weiß, dass sie wissen. Und alle spielen trotzdem mit. Das ist keine Naivität mehr – das ist aktiv gewollte Fiktion.

Irgendwo zwischen Kasperletheater und Gottesdienst.

P.S. Ich gehöre nicht zu Söders Fans – ganz im Gegenteil. Umso mehr beschäftigt mich die Frage, warum ausgerechnet solche Politiker so erfolgreich sind.

P.P.S. Eine Antwort: Wer bereit ist, sich vollständig zu verbiegen und dabei nicht rot wird, hat einen strukturellen Vorteil in der modernen Mediendemokratie. Horst Seehofer, den ich für das genaue Gegenteil Söders halte und in vielem schätze, war dazu nicht bereit. Auch er machte Fehltritte – verkaufte aber auch kein vermeintliches Eheglück als politisches Karrierevehikel. Und wurde am Ende von Söder weggebissen. Womit wir wieder beim ersten Satz dieses Artikels wären: Mundus vult decipi – die Welt will betrogen sein. Auch von ihren Politikern.

Wenn Sie bissigen Journalismus statt Hofberichterstattung fördern wollen – hier steht, wie es geht. Herzlichen Dank!

Bild: Markus Söder und seine Frau Karin beim BR-Fastnachtsempfang am 6.2.26 – der Politiker, der Homestorys kategorisch ablehnt, bei einem seiner zahlreichen öffentlichen Auftritte.
Credit: IMAGO / HMB-Media 

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