In einem Land, dessen Wirtschaft zunehmend zersplittert, erscheint ein kleiner „Splitter“ zum „Tag der Familienunternehmen“ am 11. Juni angebracht, denn der leidensfähigste Kanzler aller Zeiten, der bekanntlich so viel ertragen muss wie noch nie ein Kanzler vor ihm, gab sich dort die Ehre. Ich will nur kurz erwähnen, dass er auf die Aufforderung der Chefin des Maschinenbauers „Trumpf“, Subventionen für die Großindustrie zu streichen, antwortete: „Dann sagen Sie mir konkret welche, und ich gehe rüber ins Finanzministerium, und wir streichen die.“ Friedrich Merz geht mutig „rüber ins Finanzministerium“ und weist seinen Vorgesetzten Lars Klingbeil an, Subventionen zu streichen – und kommt dann vermutlich wieder heraus mit zwei neuen Subventionen anstatt einer gestrichenen alten. Glaubt er, was er da sagt?
Es ist auch in Anbetracht seiner sonstigen Leistungen keine Überraschung, dass er einem Vertreter der Unternehmer, der sich über das unternehmerfeindliche Klima im Land beklagt, den großartigen Ratschlag erteilt: „Ich treffe jedenfalls am Sonntag mehr Leute auf dem Golfplatz als abends in den Talkshows. Deswegen ist mein Appell an Sie: Sie müssen raus. Sie müssen raus mit den Botschaften, die Sie haben. Sie müssen der Bevölkerung zeigen, was Unternehmertum heute ausmacht.“ Allem Anschein nach treibt sich Merz am heiligen Sonntag regelmäßig auf Golfplätzen herum, denn wie sollte er wohl sonst wissen, dass dort zuhauf Unternehmer anzutreffen sind? Und die Vorstellung, dass häufigere Auftritte in Talkshows etwas an der Einstellung insbesondere der öffentlich-rechtlichen Medien zum Unternehmertum ändern könnten, zeigt nur die vollständige Hilflosigkeit des Kanzlers und seine überschaubare Kompetenz in Medienfragen.
Aber dann kommt die Zahl
Aber das sind Kleinigkeiten, wirklich interessant wird es erst, als Merz seine Fähigkeit zum Umgang mit Zahlen dokumentiert. Denn auf eine sehr drastische Schilderung der allgemeinen Unternehmenslage durch die schon erwähnte Trumpf-Chefin gibt Merz die lichtvolle Antwort: „Frau Leibinger-Kammüller, ich muss Ihnen sagen, ich habe bei der letzten Bundestagswahl nur ganz knapp die absolute Mehrheit verpasst. War knapp. Aber ich habe sie nicht. Ich muss jetzt mit der SPD zusammen regieren. Und das ist nicht so ganz einfach.“
Warum diese wundervolle Vorlage auf dem Podium nicht aufgegriffen wurde, erschließt sich mir nicht. Merz und mit ihm die CDU/CSU hat „bei der letzten Bundestagswahl nur ganz knapp die absolute Mehrheit verpasst“? Spricht er schon wieder aus einem Paralleluniversum? Bei der letzten Bundestagswahl erzielte die CDU stolze 22,55 Prozent der abgegebenen Zweitstimmen, während es die CSU auf 5,97 Prozent brachte, zusammen waren das 28,52 Prozent.
Im Vergleich zu heutigen Umfragewerten lag das sicher ein wenig näher an der absoluten Mehrheit, aber doch noch recht weit von ihr entfernt. Es war im Übrigen das zweitschlechteste Ergebnis, das die Unionsparteien jemals bei einer Bundestagswahl eingefahren haben.
Und auch bei den Mandaten sieht es nicht anders aus.

208 Sitze werden von Abgeordneten der Union besetzt, 422 von denen anderer Parteien. Und Merz hat nur knapp die absolute Mehrheit verpasst. Mehr Realitätsferne geht kaum noch.
Wie er zählt, so regiert er auch.
So wird das nichts.
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Der Autor:
Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und ehemaliger Professor für Mathematik und Informatik. Er publiziert Fachbücher, philosophische Aufsätze und Beiträge zur Unterhaltungsmathematik. Sein Buch „Wahrheit oder Spiel“ finden Sie hier, „Umgang mit Formeln“ über diesen Link. Hier seine Homepage.
Bild: Symbolbild/KI/Grok
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