Zugchef stoppt ICE für Klopapier-Notkauf: Held oder Symptom? In Japan wäre das eine Schande. In Deutschland?

Den Zustand eines Landes kann man davon ablesen, was seine Medien als Erfolg und Misserfolg verkaufen. In Japan löst eine Zugverspätung von einer Minute eine offizielle öffentliche Entschuldigung aus. Als ein Shinkansen drei Minuten zu spät ankam – weil die Zugführerin eingenickt war – war das eine nationale Schlagzeile. In Deutschland – wo kleine Verspätungen gar nicht mehr als solche gelten – nähern wir uns dem Zustand, dass es eine Nachricht wert sein wird, wenn ein Zug mal pünktlich ankommt.

Womit wir beim Anlass für diesen kurzen Text sind – bei dem es nur vordergründig um die Bahn geht – sonst hätte ich ihn nicht geschrieben, versprochen. Stellen Sie sich für einen Moment vor, in Japan wäre in einem Zug das Toilettenpapier ausgegangen. Weil die Beladung ausfiel. Sie ahnen die Reaktion auf der Insel. In Deutschland ist genau das passiert. Und die Reaktion? Medien wie die „Bild“-Zeitung feiern jetzt den Zugchef als Helden, weil er seinen ICE auf dem Weg von Sylt nach Berlin außerplanmäßig angehalten hat und Toilettenpapier kaufen ging.

Nein, das ist kein Witz. Die Details erspare ich Ihnen – Sie können sie hier nachlesen. Oder hier ansehen.

Nur so viel – ein Fahrgast schrieb dazu: „Organisationen funktionieren nicht allein durch Handbücher und Prozesse. Sie funktionieren, weil Menschen Eigenverantwortung zeigen.“ Das klingt nicht nach Industrieland, sondern nach Obervolta (dem ich damit wohl Unrecht tue).  Der Zugchef, so der Fahrgast weiter, „raste in einen nahen Supermarkt“. Und zum Schluss: „Schlagzeilen gehören oft den Problemen. Meine Anerkennung gehört den Menschen, die sie lösen.“ Das ist kein Optimismus. Das ist Stockholm-Syndrom: Das Versagen wurde so zur Norm, dass man den Feuerwehrmann feiert – und vergisst zu fragen, wer Feuer gelegt hat. 

Womit sich der Kreis schließt: Am Anfang dieses Textes schrieb ich, dass wir uns dem Zustand nähern, in dem funktionierende Züge die Schlagzeile werden. Dieser Fahrgast hat es bereits verinnerlicht – er klagt nicht über den Missstand, der einer Industrienation unwürdig ist, er feiert den Mann, der das Versagen kaschiert. Das ist nicht mehr Fortschritt. Das ist die Gewöhnung ans Versagen als neue Normalität – und der Widerstand dagegen als Ausnahme, die eine Nachricht wert ist.

Die Bahn setzte dem Ganzen noch die Krone auf mit folgender großzügigen Mitteilung: „Die Kosten für das eingekaufte Toilettenpapier trägt die DB.“ 

Damit wäre alles gesagt. Deutschland 2026.

Neuer alter Blick auf Zeitungen

Und damit wir uns nicht falsch verstehen – ich kann den Zugchef gut verstehen, und man kann ihm die Aktion hoch anrechnen. Vor allem, wenn man selbst schon mal erlebt hat, wie hart – buchstäblich – sich das Fehlen von Toilettenpapier anfühlen kann (wie ich im Russland der 1990er Jahre). Damals griff man zu Zeitungspapier – was nicht nur wegen der Druckerschwärze keine Ideallösung war. Heute haben die ICEs nicht mal mehr gedruckte Zeitungen an Bord. Was sich die Journalisten auch selbst zuzuschreiben haben – weil immer weniger Menschen ihre Zeitungen noch lesen wollen. Und nein, ich verkneife mir jetzt den Kommentar, dass in dieser Situation der Mainstream-Journalismus doch noch einen Wert gehabt hätte (außer dem für die Regierung).

Kurzum – wie weit muss ein Land heruntergekommen sein, dass ein Zugführer zum Helden wird, weil er für Klopapier in einem Hochgeschwindigkeitszug sorgt – und diesen dafür stoppen muss. 

In Japan wäre das eine nationale Schande. In Deutschland ist es ein Herzerwärmer-Aufmacher ganz oben auf der Seite der „Bild“.

Unfassbarer Abstieg

Früher waren wir Exportweltmeister. Heute feiern wir den Mann, der einen ICE anhalten muss, weil kein Klopapier geladen wurde. Jedes Land bekommt die Helden, die es verdient. Und das meine ich nicht als Affront gegen den wackeren Zugchef, sondern gegen diejenigen, die uns so heruntergewirtschaftet haben.

P.S. Klopapier ist Grundversorgung. Unabhängiger Journalismus auch – finde zumindest ich. Der Unterschied: Für meinen Betrieb muss niemand einen Zug stoppen. Ein Klick reicht. Hier.

Bild: mistercurly/instagram

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