MDR-Duell: Was Siegmund mit Ronald Reagan gemeinsam hat… ...und Schulze mit Leonid Breschnew

Unsere Realität ist so abstrus, so bizarr, dass man sie oft nur noch mit sowjetischen Witzen verarbeiten kann. Bei der Berichterstattung zum gestrigen Duell zwischen Ulrich Siegmund (AfD) und Sven Schulze (CDU) und der anschließenden großen Kandidaten-Runde im MDR musste ich unwillkürlich an die Anekdote denken, in der sich US-Präsident Ronald Reagan und Leonid Breschnew ein Wettrennen um den Kreml liefern. Und die Parteizeitung „Prawda“ am nächsten Morgen vermeldet: „Unser Generalsekretär belegte einen hervorragenden zweiten Platz, während der kapitalistische Ausbeuter Reagan nur schmachvoll Vorletzter wurde.“

In meinen Augen machte Siegmund eine sehr gute Figur in der Debatte, während Schulze hölzern blieb. Nicht aus Masochismus, sondern aus journalistischer Pflicht habe ich mir heute Morgen die rot-grüne Kampfpresse angetan. Der Vorspann im „Spiegel“: „Bei Wahlkampfauftritten in Sachsen-Anhalt wirkt CDU-Ministerpräsident Sven Schulze oft blass, AfD-Gegner Ulrich Siegmund hingegen charmant. Beim TV-Duell tauschen beide überraschend die Rollen.“

Welche Debatte haben die Spiegel-Journalisten gesehen?

Ich erspare Ihnen die Schilderung des Artikels im Detail – mit der Reagan-Breschnew-Anekdote ist dazu alles gesagt. Und treffend kommentieren könnten es wohl nur noch Psychologen: Wir alle haben eine subjektive Wahrnehmung. Sie derart zu verzerren und an das eigene Weltbild anzupassen wie „Spiegel“ & Co. hat schon fast etwas Wahnhaftes.

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Mit der Überschrift – „Nach einer halben Stunde sagt AfD-Kandidat Siegmund den einen entlarvenden Satz“ – versuchen sie dann auf krampfhafte, unfreiwillig komische Art, Siegmund zu entlarven. Was bei dem Hamburger Blatt etwas geradezu Manisches hat. Was in der Überschrift groß angekündigt wird, fällt dann in sich zusammen wie ein zu früh aus dem Backofen geholtes Soufflé: Dass Siegmund mit einem Sieg auch seiner Partei helfen will, wird umgedeutet dazu, dass es ihm nicht um sein Land gehe, sondern um die Partei.

Wie bitte? Und CDU, SPD, Grüne & Genossen geht es nicht um die Partei?

Oh mein Gott, heilige Einfalt.

Medialer Knabenchor

Doch damit – natürlich – nicht genug. Wer am Morgen nach dem Duell die überregionalen Blätter aufschlägt, erlebt denselben Prawda-Reflex in Serie. Nicht nur der „Spiegel“. Es ist ein Chor.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) macht ihren Titel nicht darüber, dass Schulze bei 22 Prozent strauchelt und seinen Kontrahenten wohl deswegen dauernd unterbricht. Sie titelt stattdessen: „Attacke, Attacke, Attacke – das ist jetzt die CDU-Strategie.“ Schulze „schaltet sofort in den Angriffsmodus“. Siegmund hingegen „bleibt lieber grundsätzlich – und denkt längst über Sachsen-Anhalt hinaus“. Aha. Wer bei 42 Prozent liegt und sagt, Berlin müsse das große Rad drehen, denkt „über das Land hinaus“. Wer bei 22 Prozent hängt und merkt, dass Friedrich Merz im Wahlkampf so unsichtbar ist, als müsse man ihn verstecken, der denkt offenbar ganz bei der Sache. Den Satz „Wo ist Herr Merz aktuell in Ihrem Wahlkampf?“ nennt die FAZ immerhin noch einen Punkt für Siegmund. Dann aber kommt der Pflichtsatz: Eine AfD-Landesregierung wäre bloß „Marionette von Frau Weidel“. Sachsen-Anhalt gesteuert aus der Schweiz – das klingt gefährlich. Sachsen-Anhalt aus einer Kanzleramtsetage, in der man den eigenen Spitzenkandidaten, den Amtsinhaber, lieber nicht zu oft zeigen lässt, klingt nach Staatsräson.

Die „Süddeutsche“ steigert das noch. Siegmund gleiche „einem Makler, der charmant eine Asbest-Bude anbietet“. Schulze warnt, die Menschen um Siegmund seien „sehr gefährliche Menschen“. Das ist das neue Argument, wenn die halbe Stunde im Studio nicht reicht: Nicht, was der Mann sagt, zählt – sondern mit wem er Kaffee trinkt. Auf X fängt das schon an zu knirschen. Eine Nutzerin macht sich unter einem „Welt“-Post über den Angriff des Ministerpräsidenten lustig: „Wenn ich die gefährlichste Person bin, spielt es keine Rolle, ob ich von Teufeln oder Engeln umgeben bin. Bring deine Geschichte in Ordnung, Sven.“ Genau. Erst erklärt man ihn zum gefährlichsten Mann Deutschlands, dann erklärt man ihn zum Werkzeug der noch Gefährlicheren. Irgendwann muss auch in Hamburg und in der CDU-Zentrale jemand merken, dass man sich in der Superlativ-Tüte verheddert hat.

Der „Tagesspiegel” diagnostiziert einen Punktsieg des Amtsinhabers: Siegmund gerate „ins Schlingern“, die totgesagte CDU „lebt noch“. „Focus“ schickt einen Rhetorikexperten, der das Lächeln vermisst und Siegmund zum Duftmarketing-Verkäufer erklärt. Ein Satz über Migration und schon ist das Lächeln weg – Eigentor, Handwerk, Verankerung, Abschluss vor der Unterschrift. Man könnte fast glauben, die Sendung sei ein Verkaufstraining gewesen und nicht eine Wahldebatte in einem Land, das bei Lehrermangel, Migration und Wirtschaft vor der Wand steht.

Und Schulze selbst? Der erklärt am nächsten Morgen bei „Welt TV„: „Von der AfD kam am Ende nichts.“ Klassiker. Unser Generalsekretär belegte einen hervorragenden zweiten Platz.

Das Reichweitenportal „Web.de„, finanziert über Werbung inklusive Staatskampagnen, setzt dem Ganzen die Krone auf – mit dem Titel: „Siegmund lächelt Hitlergruß weg und wird von Schulze bestraft.“ Gemeint ist ein umstrittenes Foto eines Parteifreundes. Aus einer Debatte über Dritte wird die Schlagzeile, der Kandidat selbst habe den Arm gehoben.

Was in den oben zitierten Texten systematisch unter den Tisch fällt, steht in anderen Berichten in unabhängigen Medien ganz unaufgeregt: Schulze unterbricht, redet in Antworten hinein, weist die Moderatoren zurecht („Nene, lassen Sie mich mal“, „unterbrechen Sie mich nicht“). Für einen Ministerpräsidenten ein ruppiger Auftritt – von der Schieflage der Moderation ganz zu schweigen, die in den großen Blättern mit keinem Wort vorkommt. Siegmund bleibt ruhig, obwohl Schulze wie auswendig gelernt Schreckensmärchen über die AfD vorträgt und dabei tief in die Trickkiste greift. Sein Auftritt wirkt schablonenhaft, umspontan, so, als habe er sorgsam mit PR-Beratern trainiert. Der AfD-Spitzenkandidat trennt auf Nachfrage Mensch und Politik bei dem Wort „Flachzange“ und sagt, mit Schulze würde er auch einen Kaffee trinken.

Und während Siegmund zum Verfassungsrisiko erklärt wird, darf die Linke – nach eigenem Bekenntnis rechtsidentisch mit der SED – in derselben Runde als ganz normale Demokratin mitlaufen. Schulsozialarbeit, Kinder, Haltung. Kein kritisches Wort in den großen Blättern dazu, dass sich ausgerechnet diese Partei ungeniert als Musterwächterin der Demokratie verkauft. Auch das ist Prawda: Bei der einen Partei wird eine Diktatur-Vorgeschichte verschleiert, bei der anderen erfunden.

Wie das Cover implodiert

Auf X sieht man denselben Riss wie nach jeder dieser Sendungen. Die einen posten „Siegmund zerlegt Schulze“. Die anderen entdecken plötzlich den großen Strategen in Magdeburg. Dazwischen Leute, die schlicht die Frage stellen, die in Hamburg nicht vorkommt: Welche Debatte haben die gesehen? Das Cover mit dem „gefährlichsten Mann“ war das beste Wahlplakat, das die AfD nie bezahlen musste. Signierte Hefte, eBay, Applaus auf dem Marktplatz. Wer so sehr entlarven will, dass er dem Gegenüber die Titelseite schenkt, sollte nicht anschließend über Entlarvung dozieren.

Der „entlarvende Satz“, den der „Spiegel“ nach dreißig Minuten ausgräbt – Siegmund wolle mit einem Sieg auch seiner Partei helfen –, bleibt das unfreiwillige Komikstück des Tages. Ja. Ein Parteipolitiker will seiner Partei helfen. Und CDU, SPD, Grüne, Linke, BSW wollen das bekanntlich nur aus reiner Landesliebe. Heilige Einfalt, zweiter Akt.

Völlige Verdrehung

Man muss das nicht schönreden. Wer Siegmund und seine Politik für falsch hält, soll das sagen – mit Sätzen, Zahlen, Programmpunkten. Aber diese permanente Umetikettierung der eigenen Wahrnehmung ist kein Journalismus mehr. Das ist Breschnew-Berichterstattung mit besserem Layout. Unser Mann war blass auf dem Marktplatz, also erklären wir ihn nach dreißig Minuten Studio zum Sieger. Der andere war charmant auf dem Marktplatz, also erklären wir ihn nach einem Satz über die eigene Partei zum Entlarvten.

Die Realität in Sachsen-Anhalt steht derweil bei 42 zu 22. Daran ändert keine Überschrift etwas. Nur die Glaubwürdigkeit derer, die sie schreiben.

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Bild: Screenshot/MDR

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