Fast jeder zweite Corona-Tote entstand erst am Schreibtisch Stanford-Studie: Nobelpreisträger rechnet nach. Das RKI nicht.

„Nicht überall, wo auf dem Totenschein Corona draufsteht, ist auch Corona drin.“ Diesen Satz sagte ein Bestatter aus Meißen in die Kamera von RTL. Der Sender hatte ihn interviewt, weil die Krematorien voll waren – und schnitt dann ausgerechnet diese Stelle heraus. Ich habe das Interview ungeschnitten veröffentlicht. Es wurde eines der meistgesehenen Videos auf meinem Kanal (anzusehen hier).

Sechs Jahre später steht derselbe Befund in einem der angesehensten Wissenschaftsjournale der Welt, unterschrieben von einem Chemie-Nobelpreisträger und dem meistzitierten Medizinstatistiker der Welt: Die Ärzte hatten auf den amerikanischen Totenscheinen deutlich seltener Corona als Todesursache eingetragen, als es die offiziellen Zahlen hergeben. Erst die amtlichen Kodierregeln haben die Zahl fast verdoppelt.

Kaum eine Frage hat mich in der Corona-Zeit so umgetrieben, und für kaum eine wurde ich in der Bundespressekonferenz so angefeindet: Wie viele der angeblichen Corona-Fälle waren wirklich an dem Virus erkrankt, wie viele wirklich daran gestorben – und wie viele hatten nur einen positiven Test? Allein das nachzufragen galt damals schon als Ketzerei. Und schon damals war ich mir ziemlich sicher: Wenn man so gereizt auf Fragen reagiert, gibt es etwas zu verbergen.

„Das ist Urkundenfälschung“

Kurz nach dem Meißen-Video kam der bayerische Krankenhausarzt, den wir „Dr. M.“ nannten. Chefarzt-Anweisung: Totenschein nachträglich auf Corona umschreiben. Patienten, die an Krebs, Herz oder Kreislauf gestorben waren. Der Arzt weigerte sich. „Das ist Urkundenfälschung.“ Der Text darüber auf meiner Seite war damals der meistverlinkte Online-Beitrag in Deutschland.

Dann die Bestatterin. Angehörige, die zwei negative Tests in der Hand hielten – und auf dem Totenschein trotzdem Corona fanden. Der Notarzt, der einer Frau Mitte 80 nach dem Mittagessen den Schlüssel „im Zusammenhang mit Corona“ eintrug, obwohl sie weder getestet noch behandelt worden war. Begründung: Bei solchen alten Menschen sei das so vorgesehen (siehe hier).

Die Linie hatte RKI-Chef Lothar Wieler schon im März 2020 vorgegeben: Als Corona-Toter gilt, wer mit positivem Test stirbt. Woran er tatsächlich gestorben war, spielte für die Statistik keine Rolle.

Das alles ist fünf, sechs Jahre her. Die Verantwortlichen tun so, als sei nichts gewesen. Und jetzt kommt die Bestätigung nicht von einem Bestatter und nicht von einem Arzt mit Gewissensbissen, sondern aus Stanford. Veröffentlicht wurde sie in PNAS, den „Proceedings“ der US-Nationalakademie der Wissenschaften, einem der ältesten und angesehensten Fachjournale überhaupt. Andere Fachleute haben Methode, Daten und Schlüsse vor der Veröffentlichung geprüft. Bestreiten kann man so etwas trotzdem, denn Wissenschaft ist keine Kirche – auch wenn man das in Deutschland in den Corona-Jahren gerne vergessen hat. Aber so tun, als sei es nie gesagt worden, kann man nicht mehr.

Was die Amerikaner wirklich gerechnet haben

Michael Levitt – Nobelpreisträger für Chemie –, John Ioannidis, der meistzitierte Medizinstatistiker der Welt, Ben Marten und Gal Oren haben knapp 57 Millionen US-Sterbeurkunden der Jahre 2003 bis 2023 ausgewertet, die Rohdaten der Gesundheitsbehörde CDC. Den Ausgangspunkt bildet ein Detail, das kaum jemand kennt: Jeder Totenschein existiert in der Statistik zweimal. Einmal so, wie der Arzt ihn am Totenbett ausgefüllt hat. Und einmal so, wie ihn die amtlichen Kodierregeln anschließend umgeschrieben haben. Die Forscher haben beide Fassungen nebeneinandergelegt.

Das Ergebnis: Bei jedem dritten Toten steht in der amtlichen Statistik am Ende eine andere Grundursache als die, die der Arzt notiert hat. Bei jedem sechsten wandert der Tod sogar in eine ganz andere Krankheitsgruppe. Und kaum eine Todesursache hat von dieser Umschreiberei so profitiert wie Corona: plus 92 Prozent gegenüber dem, was die Ärzte selbst als Grundursache eingetragen hatten. Das ist der Bestatter aus Meißen, in Zahlen gegossen. Obduktionen, die als einzige verlässlich klären könnten, woran ein Mensch gestorben ist, sind auch in den USA die große Ausnahme.

Der zweite Befund: Sobald man nicht mehr nur eine einzige Todesursache zählt, sondern die Begleiterkrankungen mitgewichtet – so, wie der Tod bei alten, mehrfach kranken Menschen tatsächlich abläuft –, schrumpft der Corona-Anteil in den Pandemiejahren um 44 bis 63 Prozent. Übrig bleiben, je nach Rechenweg, gut die Hälfte bis knapp vier Zehntel der offiziellen Zahl.

Komplette Zuschreibung

Das heißt nicht, dass die Hälfte der Toten erfunden wäre. Diese Menschen sind gestorben. Aber die Zählweise hat dem Virus jeden dieser Tode komplett zugeschrieben, sobald es irgendwo auf dem Schein stand, auch wenn daneben Herzschwäche, Diabetes, Nierenversagen oder Krebs vermerkt waren.

Die Autoren nennen COVID-19 selbst ein Paradebeispiel für eine Krankheit, bei der fast alle Todesfälle mit schweren Vorerkrankungen einhergingen. Und sie halten es ausdrücklich für möglich, dass die Kodiervorgaben der WHO, nach denen auch die USA zählten, die Zahl der Corona-Toten deutlich überschätzt haben.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC kommt für 2020 bis 2023 auf knapp 1,1 Millionen Corona-Tote. Gewichtet man die Begleiterkrankungen mit, verteilt sich rund eine halbe Million dieser Todesfälle, die die amtliche Statistik komplett dem Virus zugeschlagen hatte, auf Herzschwäche, Lungenleiden, Nierenversagen und Diabetes. Das ist nicht die politische Größe, mit der man Lockdowns, Schulschließungen und eine Zwei-Klassen-Gesellschaft begründet hat.

Der naheliegende Einwand

Ein Einwand liegt auf der Hand, und man sollte ihn ernst nehmen: Die Gewichtung drückt nicht nur Corona. Auch Verkehrstote, Suizide und Tötungsdelikte schrumpfen damit um die Hälfte und mehr – schlicht, weil neben dem Unfall auch Schädelbruch und Blutung auf dem Schein stehen und ihren Anteil bekommen. Die Gewichtung sagt also nicht, wer „an“ und wer „mit“ starb. Sie zeigt, wie stark eine Todeszahl davon abhängt, wie man buchhalterisch mit mehrfach kranken Toten umgeht. Bei Corona kommt aber etwas dazu, das es so sonst nicht gibt: Die Kodierregeln hatten die Zahl vorher schon fast verdoppelt, gegenüber dem, was die Ärzte selbst eingetragen hatten. Und die Zahl der Verkehrstoten hat niemand als Begründung benutzt, um Ausgangssperren zu verhängen.

Wer jetzt mit der Übersterblichkeit kommt: Die Zahlen zeigen, dass in diesen Jahren mehr Menschen gestorben sind, aber nicht, woran. In ihnen stecken eben auch die Opfer der Corona-Politik – die Opfer verschobener Operationen, verpasster Diagnosen und der Einsamkeit in abgeriegelten Heimen.

Und in Deutschland?

Die Studie rechnet auf Basis amerikanischer Totenscheine. Die 44 bis 63 Prozent einfach auf Deutschland zu übertragen, wäre unseriös.

Was sich aber sagen lässt: Das RKI fasste ab März 2020 „an“ und „mit“ zu einer Zahl zusammen. Der BR-Faktenfuchs hat die Regel festgehalten: Wer infiziert war und stirbt, ist ein Corona-Toter. Die Bundesstatistik trennt die beiden Stapel bis heute nicht.

Einzelne Behörden haben getrennt, allerdings nur nach dem, was auf dem Totenschein stand. Destatis zählte für 2020 knapp 40.000 Tote mit Corona als Grundleiden und gut 8.000, bei denen Corona nur als Begleiterkrankung vermerkt war. Bayern kam bis Februar 2022 auf ein ähnliches Verhältnis. Obduktionen lagen alldem nicht zugrunde.

Wie wenig der Schein taugt, zeigt sich, sobald ihn jemand nachprüft. In München wertete die Fachzeitschrift „Rechtsmedizin“ 3.502 Covid-assoziierte Sterbefälle aus. Obduziert wurden gerade einmal fünf Prozent. Bei diesen Obduzierten hatte die Leichenschau in 76 Prozent der Fälle „an Corona“ als Todesursache festgestellt. Die Obduktion fand in 73 Prozent eine zum Tode führende Covid-Erkrankung – als alleinige Ursache aber nur in 56 Prozent. Totenschein und Obduktion stimmten nur in 54 Prozent der Fälle überein. Bei fast jedem zweiten nachgeprüften Fall passte der Schein also nicht zum Befund.

Das bundesweite Autopsieregister, veröffentlicht in einem Fachjournal der „Lancet“-Gruppe, kam zwar auf 86 Prozent „an“ und nur 14 Prozent „mit“ Corona. Doch obduziert wurde vor allem, wer in der Klinik starb. Wer zu Hause tot im Bett lag und dabei auch noch einen positiven Test hatte, bekam nur in den seltensten Fällen eine Autopsie. Und selbst diese 86 Prozent sind nach der WHO-Logik gezählt: Wer nach einer Infektion etwa an Multiorganversagen starb, galt als Corona-Toter, das räumen die Autoren selbst ein. Es ist dieselbe Zählweise, deren Folgen die Stanford-Studie jetzt sichtbar macht.

Wie beliebig die deutsche Zahl ist, hat die „Neue Zürcher Zeitung“ im Dezember 2025 vorgerechnet. Je nachdem, ob man das RKI fragt, die Abrechnungsdaten der Kliniken oder andere Schätzungen heranzieht, landet man irgendwo zwischen 100.000 und 270.000 Corona-Toten. Das RKI erklärt die Differenz mit „unterschiedlichen Definitionen“. Eine Zahl, die je nach Definition um den Faktor 2,7 schwankt, ist keine Zahl, sondern eine Auslegungssache.

Übertragen lässt sich aus der US-Studie also nicht die Prozentzahl, wohl aber das Prinzip: Wer nur eine Ursache zählen darf, obwohl der Mensch an fünf Leiden gestorben ist, produziert eine Zahl, die sich für die politische Bühne eignet – und nicht für die Medizin. Und wer den positiven Test zum Maßstab der Todesstatistik macht, misst am Ende nicht die Krankheit, sondern die Testhäufigkeit.

Wer Obduktionen scheut und Kodierregeln nachschärft, der entscheidet politisch, lange bevor ein Statistiker nachrechnet. Genau das haben wir in Deutschland erlebt, und zwar nicht als Theorie, sondern als Alltag in Krankenhäusern, Heimen und Krematorien. Forscher des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf kamen zu dem Ergebnis, dass in der Delta-Welle noch mehr als 80 Prozent der in der Klinik erfassten Corona-Toten tatsächlich an Corona gestorben waren – in der Omikron-Welle nur noch 46 Prozent. Eine griechische Krankenhausstudie, über die ich im Mai 2025 geschrieben habe, kam für die Omikron-Zeit auf fast denselben Wert: 45 Prozent Tote, die mit, aber nicht an Corona gestorben waren.

Warum die Zahl nie nur eine Zahl war

Die Corona-Toten waren nie bloß Epidemiologie. Sie waren ein Hebel. Mit ihnen rechtfertigte man Ausgangssperren, Schulschließungen, das Alleinlassen Sterbender, den Ausschluss Ungeimpfter, die Zerlegung des Rechtsstaats in Inzidenzstufen. Wenn die Zahl wackelt, wackelt die ganze Begründung. Deshalb durfte sie in Deutschland nicht wackeln, und deshalb wurde, wer nach dem Unterschied von „an“ und „mit“ fragte, zum Leugner.

Ioannidis gehörte im Frühjahr 2020 zu den ersten Wissenschaftlern von Weltrang, die öffentlich davor warnten, Corona-Politik auf ungeprüfte Zahlen zu bauen. In Deutschland galt er dafür schnell als „umstritten“ – das Etikett, das hierzulande jeden trifft, der zur falschen Zeit die richtige Frage stellt. Sechs Jahre später hat er zusammen mit Levitt nachgerechnet. Das Establishment zuckt mit den Schultern.

Der Bestatter aus Meißen brauchte dafür keine 57 Millionen Datensätze, ihm genügte der Blick auf den Schein. Und Dr. M. hat sich nicht auf eine Studie berufen, als er die Unterschrift verweigerte, sondern auf sein Gewissen. Die Wissenschaft holt das jetzt ein, langsam und in einem Land, das nicht unseres ist.

Die offene Frage

Die Aufarbeitung hierzulande bleibt, was sie seit dem ersten Winter war: Fehlanzeige. Niemand hat sich entschuldigt, kein Dashboard wurde korrigiert, und wer aus einer Zählkonvention eine Staatsräson gemacht hat, musste dafür nie geradestehen.

Ich habe in der Bundespressekonferenz immer wieder nachgefragt, wie viele der offiziellen Corona-Fälle wirklich wegen Corona im Krankenhaus lagen – und wie viele nur mit dem Virus. Im Januar 2022 verwies mich Hanno Kautz, der Sprecher von Gesundheitsminister Karl Lauterbach, auf den Wochenbericht des RKI. Dort standen die Zahlen nicht. Meine Nachfrage wurde nicht mehr verlesen (siehe hier). Eine Zahl habe ich nie bekommen. Jetzt kommt eine Antwort aus Stanford, veröffentlicht im Journal der US-Akademie der Wissenschaften – für Amerika. Für Deutschland stelle ich die Frage hiermit noch einmal, an das RKI und an das Statistische Bundesamt: Wie viele waren es wirklich?

RTL hat den entscheidenden Satz des Bestatters aus Meißen herausgeschnitten. Ich habe ihn veröffentlicht. Sechs Jahre später bestätigt ihn eine Studie aus Stanford. Solcher Journalismus kostet Zeit, Geld und Nerven – und er lebt allein von Lesern wie Ihnen. Hier können Sie mithelfen, dass weiter solche Texte erscheinen – und weiter kritische Fragen gestellt werden. Danke – ohne Sie gäbe es diese Seite nicht.

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Bild: Systembild/KI/Gemini

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