Aus vielen Zuschriften und Kommentaren weiß ich, dass es vielen Lesern genauso geht wie mir – dass sie den Eindruck haben, unsere Welt ist verrückt geworden, wenn sie die Nachrichten lesen. Gestern habe ich hier einen Erklärungsversuch des Franzosen Brivael Le Pogam beschrieben, der in meinen Augen einen wahren Kern hat (nachzulesen hier). Er sieht drei französische Philosophen als geistige Väter der „Wokeness“: Foucault, Derrida und Deleuze. Wie versprochen will ich Ihnen in drei einzelnen Beiträgen kurz beschreiben, was sie eigentlich gesagt haben und wie es heute unseren Alltag vergiftet. Keine Sorge: keine Traktate, kein Seminar, sondern kurz und so, dass man es beim ersten Kaffee versteht.
Heute die Nummer eins: Michel Foucault (1926–1984).
Das Alltagsbild
Stellen Sie sich einen Arzt vor, der Ihnen sagt: „Sie sind krank.“ Normalerweise würde man – zumindest ich – in so einer Situation denken: Er hat mich untersucht und eine Tatsache festgestellt. Foucault würde das anders sehen – und fragen: Wer hat eigentlich festgelegt, was „krank“ ist? Und wer profitiert davon, dass er das festlegen darf?
Die Grundidee
Foucault hat untersucht, wie Gesellschaften im Lauf der Geschichte bestimmt haben, wer verrückt ist, wer kriminell, wer normal, wer abweichend. Seine Beobachtung: Diese Einteilungen waren nicht einfach Entdeckungen, sondern wurden von Institutionen gemacht – von Psychiatrie, Gefängnis, Schule, Medizin. Und wer die Begriffe bestimmt, übt Macht aus. Wissen und Macht gehören für ihn untrennbar zusammen, er schrieb sie oft als ein Wort: „Macht/Wissen“.
Sein berühmtestes Bild ist das Panoptikum: ein Gefängnis mit einem Wachturm in der Mitte, von dem aus jede Zelle einsehbar ist, ohne dass die Gefangenen sehen, ob gerade jemand hinschaut. Folge: Sie benehmen sich immer so, als würden sie beobachtet. Für Foucault ist die moderne Gesellschaft genau auf diese Weise aufgebaut. Wir brauchen keinen König mit Peitsche mehr, so seine These, wir disziplinieren uns selbst, weil wir die Normen verinnerlicht haben.
Und seien wir ehrlich: Ganz falsch ist das nicht. Noch bis 1990 führte die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität als Krankheit. In der Sowjetunion steckte man Dissidenten in psychiatrische Anstalten, mit der Diagnose „schleichende Schizophrenie“. Selbst im heutigen Deutschland neigen manche dazu, Andersdenkende für krank zu halten. Wer festlegt, was krank ist, kann tatsächlich Menschen wegsperren. Foucault hat da etwas gesehen, das muss man ihm lassen.
Was daraus wurde
Das Problem ist weniger Foucault selbst als die vulgäre Version seiner Erkenntnisse, die über Amerika zu uns zurückkam. Sie lautet: Es gibt keine Wahrheit, nur Macht, die sich als Wahrheit verkleidet. Wer also sagt „Es gibt zwei Geschlechter“ oder „Leistung sollte belohnt werden“, stellt keine Tatsache fest, sondern verteidigt angeblich seine Machtposition.
Damit lässt sich jedes Argument abwehren, ohne es zu prüfen. Man fragt nicht mehr „Stimmt das?“, sondern „Wem nützt das?“ und „Wer sagt das?“. Daher kommt es, dass für die Wokeness-Prediger heute oft nicht mehr entscheidend ist, was jemand sagt, sondern wer es sagt: Ein weißer Mann darf in dieser Sichtweise über bestimmte Dinge nicht sprechen, weil seine Aussagen automatisch als Machtausübung gelten. Der „alte weiße Mann“ ist kein Argument, sondern ein Platzverweis – und er stammt, ohne dass die meisten es ahnen, aus der Werkstatt von Foucault.
Auch die Forderung, die Wissenschaft zu „dekolonisieren“, hat hier ihre Wurzeln. Wenn Wissen nur Macht ist, dann ist auch die Mathematik, die Physik, die Medizin des Westens bloß ein Herrschaftsinstrument. An amerikanischen Universitäten wird inzwischen ernsthaft darüber gestritten, ob die Forderung nach richtigen Rechenergebnissen „weiße Vorherrschaft“ sei. Das klingt nach Satire. Es ist Foucault, falsch, ja absurd zu Ende gedacht von Leuten, die ihn wohl nie richtig gelesen haben – oder zumindest nie verstanden.
Und schließlich ist da noch das, was man heute „Definitionsmacht“ nennt: Was Diskriminierung ist, entscheidet nicht mehr eine nachprüfbare Handlung, sondern allein der, der sich diskriminiert fühlt. Wer widerspricht, beweist damit nur seine Privilegien.
Am Ende macht diese Logik nicht einmal vor dem eigenen Körper halt. Foucault hatte in seinem Werk „Sexualität und Wahrheit“ beschrieben, wie Ärzte und Kirche über Jahrhunderte festlegten, was sexuell normal ist und was nicht. Seine Erben zogen daraus den Schluss: Auch Mann und Frau sind nur Etiketten, die die Macht uns aufklebt. Nicht mehr der Körper zählt, sondern das Gefühl. Wer sich als Frau fühlt, ist eine Frau und das Standesamt hat das zu beurkunden. Und wer darauf beharrt, dass es nun einmal zwei Geschlechter gibt, stellt in dieser Sicht keine biologische Tatsache fest, sondern übt Macht aus. Wer heute so etwas sagt, steht schnell im Verdacht, „transfeindlich“ zu sein – und von da ist es in Deutschland bekanntlich nicht mehr weit bis zum Etikett „rechtsextrem“. Die Biologie als Gesinnungsdelikt: Darauf muss man erst einmal kommen.
Die Ironie der Geschichte
Und jetzt kommt die Pointe, die Ihnen kaum jemand erzählen wird. Foucault war ein Mann, der jeder Instanz misstraute, die festlegt, was wahr ist. Der Ärzten, Behörden und dem Staat auf die Finger schaute, wenn sie im Namen der Wissenschaft über Menschen bestimmten. Er prägte dafür sogar einen eigenen Begriff: „Biopolitik“ – der Staat, der die Körper seiner Bürger verwaltet.
Erinnern Sie sich an die Corona-Jahre? Ein Staat, der im Namen „der Wissenschaft“ festlegte, was wahr ist, wer gesund ist, wer sich frei bewegen darf. Wer widersprach, war „Schwurbler“. Hätte es je einen Anwendungsfall für Foucault gegeben, dann diesen. Und wo standen seine selbsternannten Erben, die linken Akademiker, die ihn sonst bei jeder Gelegenheit zitieren? Ganz vorne, auf der Seite der Macht. Als der italienische Philosoph Giorgio Agamben, einer der bekanntesten Foucault-Erben, den Mut hatte, die Corona-Maßnahmen mit genau Foucaults Werkzeugen zu kritisieren, wurde er von seinen eigenen Kollegen geächtet.

Und das Panoptikum? Es steht heute nicht mehr im Gefängnis, sondern mitten in unserer Gesellschaft: Meldestellen für Äußerungen „unterhalb der Strafbarkeitsgrenze“, Faktenchecker, die festlegen, was „Desinformation“ ist, Personalabteilungen mit Sprachleitfäden. Und es wirkt genau so, wie Foucault es beschrieben hat: Umfragen des Allensbach-Instituts zeigen seit Jahren, dass sich ein großer Teil der Deutschen nicht mehr traut, offen seine Meinung zu sagen. Niemand muss sie bestrafen. Sie disziplinieren sich selbst.
Das ist die eigentliche Tragödie: Foucaults Werkzeug zur Entlarvung der Macht ist in die Hände derer geraten, die heute die Macht haben. Und sie benutzen es nur in eine Richtung. Gegen die anderen. Nie gegen sich selbst. Foucault selbst schrieb übrigens in seinem Todesjahr einen Aufsatz mit dem Titel „Was ist Aufklärung?“ – und versöhnte sich darin ein Stück weit mit genau der Vernunft, die seine Erben heute als „weiß“ und „kolonial“ verdammen.
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Morgen oder, je nach Nachrichtenlage, in den nächsten Tagen: Jacques Derrida – und warum heute nicht mehr zählt, was Sie sagen, sondern was andere daraus machen.
PS: Ein Kommentator in den sozialen Netzwerken warf mir zu meinem gestrigen Text vor, das sei Philosophie-Kritik nach dem Muster „Nietzsche sagt, Gott ist tot, also ist er der Antichrist“. Mit derselben Logik könne man Hegel für den Gulag verantwortlich machen. Der Einwand verfehlt den Text. Weder Le Pogam noch ich haben behauptet, die drei Franzosen hätten gewollt, was aus ihren Ideen wurde – im Gegenteil, es hieß ausdrücklich: „Nicht aus Bosheit.“ Es geht nicht um Schuld, sondern um Wirkung. Wer erklären will, warum eine Ideologie so denkt, wie sie denkt, muss sagen dürfen, woher sie ihre Werkzeuge hat. Und wie Sie oben sehen: Am härtesten trifft die Kritik nicht Foucault. Sondern die, die sich auf ihn berufen. Und ihn missbrauchen.
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Bild: Arquivo Nacional (Brasilien)
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