Selbst der Morgen wird einem in diesen Zeiten regelmäßig durch Nachrichten verdorben. In diesem Fall durch einen osteuropäischen Freund, der mir drei Links schickte – mit Schlagzeilen aus drei aktuellen Artikel:
- „Wissenschaftlerin über Fitness und Faschismus Macht ein muskulöser Männerkörper Sie misstrauisch, Frau Ebner? In den Dreißigerjahren hielt sich die Hitlerjugend mit Kampfübungen fit. Heute gehen Rechte ins Gym und trainieren MMA. Die Extremismusexpertin Julia Ebner sieht den Fitness-Hype als Motor männlicher Radikalisierung.“ (SPIEGEL)
- „Vermögende Familien Ihr Millionenerbe machte diese Frau unglücklich. Und wahnsinnig wütend Paula Schwarz wurde reich geboren.“ (SPIEGEL)
- „Familiengründung als Co-Eltern Mama und Papa werden, aber platonisch Katharina und Moritz kannten sich kaum, aber sie wollten beide ein Kind. Als Co-Eltern fanden sie zusammen.“ (SPIEGEL)
Der Kommentar meines Freundes dazu: „Das sind Wokeness-Manifeste, jeder von diesen Artikeln. Unerhört!“
Keine Sorge – ich erspare Ihnen die Artikel, die Analyse und jeden Kommentar über diese Art der medialen Gehirnwäsche. Wenn Sie wirklich wollen, können Sie sie selbst lesen und sich selbst wundern. Aber nehmen Sie vorher besser etwas gegen Sodbrennen. Mich erinnern solche Texte an die ‚Prawda’ der 1980er Jahre: Man wusste schon nach der Überschrift, was drinsteht, und auch, was man zu denken hatte.
Ich möchte die morgendliche Attacke zum Anlass nehmen, tiefer zu schürfen – in aller gebotenen Kürze, keine Sorge! Ich habe dieser Tage einen Tweet des französischen KI-Unternehmers Brivael Le Pogam gelesen, der mich tief beeindruckt hat (das französische Original finden Sie hier).
Le Pogam entschuldigt sich im Namen der Franzosen, und zwar nicht für Napoleon oder Algerien, sondern für etwas, das in Paris kaum jemand als Schuld empfindet: für Foucault, Derrida und Deleuze. Drei brillante Köpfe, die nach 1968 in der Eleganz der französischen Sprache eine ideologische Waffe geschmiedet hätten, die heute den Westen lähme. Und die zur Wokeness führten. Die dann solche Artikel wie die drei aus dem „Spiegel“ hervorbrachte. In Dauerschleife.
Ideologisches Gift
Sein Gedankengang ist bestechend einfach. Foucault lehrte, es gebe keine Wahrheit, nur Machtverhältnisse, die sich als Wissen verkleiden. Derrida lehrte, Texte hätten keinen stabilen Sinn. Deleuze schließlich lehrte, nichts sei, was es ist – alles könne jederzeit etwas anderes werden. Kombiniert, exportiert und popularisiert, so Le Pogam, bilden diese Thesen ein System. Und dieses System ist Gift.
Der entscheidende Satz seines Posts lautet:
„Diese Texte, in Frankreich unlesbar, haben den Atlantik überquert. Die Abteilungen von Yale, Berkeley, Columbia haben sie in den 80er Jahren aufgesogen. Dort fanden sie einen Nährboden, den es bei uns nicht gab: den amerikanischen Puritanismus, seine rassische Schuld, seine identitäre Obsession. Die Französische Theorie hat sich mit diesem Substrat vermählt, und das Kind dieser Ehe heißt Wokismus.“
Das ist die eigentliche Pointe. In Paris war das alles ein Spiel. Ein intellektuelles Feuerwerk für den Salon. Niemand an der Seine kam auf die Idee, aus Derrida eine Dienstanweisung zu machen. Man baute ein Luftschloss, bewunderte seine Eleganz und ging danach gut essen.
Dann landete das Luftschloss bei den Angelsachsen. Und die haben einen Charakterzug, den man sonst an ihnen schätzt: Sie nehmen Ideen beim Wort und setzen sie um. Was in Paris Gedankenspiel war, wurde in Amerika Lehrplan, Verwaltungsvorschrift, Einstellungskriterium, Sprachregelung und schließlich Gesetz. Aus dem Luftschloss wurde ein Gebäude aus Beton, mit Diversity-Beauftragten an jeder Tür. Die amerikanische Philosophin Judith Butler las Foucault, erklärte danach das biologische Geschlecht für erledigt, ersetzte es durch ‚Gender‘ und erfand das ‚performative Geschlecht‘ – die These, Mann und Frau seien keine Natur, sondern eine Rolle, die man spielt. Der Literaturwissenschaftler Edward Said las ihn ebenfalls und begründete den akademischen Postkolonialismus, der den Westen vor allem als Täter sieht. Die Matrix dahinter: Gibt es keine Wahrheit, sondern nur Macht, ist jede Hierarchie verdächtig, jede Norm Gewalt, jede Mehrheit schuldig. Dazu kam das alte marxistische Schema von Unterdrückern und Unterdrückten – nur dass an die Stelle von Bourgeois und Proletarier nun Weiße und Schwarze, Männer und Frauen, Heteros und Queere traten. Die Franzosen haben das Monster entworfen. Gebaut haben es andere. Wer – wie ich – fast täglich den Eindruck hat, die Welt sei verrückt geworden, findet hier die Erklärung, warum es so kommen konnte.
Und dann kam das Kind dieser Ehe zu uns zurück, als Re-Import mit englischem Etikett. „Awareness”, „Diversity”, „Intersektionalität”. Klingt nach Harvard, ist aber Pariser Altbestand. Bei uns landet es im Gendersternchen im Behördenbrief und im Selbstbestimmungsgesetz, nach dem jeder per bloßer Erklärung beim Standesamt sein Geschlecht wechseln kann – und nach einem Jahr wieder.
Die Italiener erfanden den Faschismus – wir machten daraus den Nationalsozialismus: radikaler, totaler und mit kräftigen Anleihen beim Sozialismus, wie schon der Name verrät (Achtung, großes Tabu-Thema). Den Kommunismus brachten die Russen an die Macht, die DDR wurde sein Vorzeigeschüler, mit dem engmaschigsten Spitzelnetz des Ostblocks. Und heute? In Amerika rudern Regierung, Gerichte und Universitäten beim Woke-Kurs längst zurück. Bei uns wird er gerade erst richtig verbeamtet.
Le Pogams bitteres Fazit: „So haben drei Pariser Philosophen, die wahrscheinlich nie ihre praktischen Konsequenzen geahnt haben, den Betriebssystemcode für eine ganze Generation von Aktivisten, Universitätsbürokraten, Personalern, Journalisten, Gesetzgebern geliefert. So hat man eine Zivilisation bekommen, die nicht mehr weiß, ob eine Frau eine Frau ist, ob ihre eigene Geschichte es verdient, verteidigt zu werden, ob Verdienst existiert, ob Wahrheit sich von Meinung unterscheidet.“
Tatsächlich aber seien es drei Säulen, auf denen eine Zivilisation stehe, so der Franzose: Wahrheit, das Gute, das Erbe. Alle drei habe die „Französische Theorie“ gesprengt, so Le Pogam: „Nicht aus Bosheit. Aus intellektuellem Spiel, aus Faszination für den Verdacht, aus Hass auf die Bourgeoisie, die sie genährt hat. Aber das Ergebnis ist da. Eine ganze Generation hat gelernt zu dekonstruieren und nie zu konstruieren. Eine ganze Generation weiß zu verdächtigen und nicht mehr zu bewundern. Eine ganze Generation sieht Macht überall und Schönheit nirgends.“
Lesen Sie danach noch einmal die drei Morgen-Schlagzeilen: der trainierte Männerkörper unter Generalverdacht, das Erbe als Last, die wütend macht, die Familie als beliebig arrangierbares Konstrukt. Fußnoten zu seinem Befund.

Als Deutscher muss ich ergänzen: Ganz allein haben die Franzosen das Gift nicht gebraut. Herbert Marcuse aus Frankfurt lehrte in Kalifornien schon die „repressive Toleranz“, bevor Foucault dort Mode wurde. Und Jürgen Habermas, der die Pariser zwar verachtete, lieferte der Bundesrepublik das passende Gegenstück: die Nation als Verdachtsfall, den Verfassungspatriotismus als Ersatzreligion und einen „herrschaftsfreien Diskurs“, in dem erstaunlich zuverlässig dieselben bestimmen, wer mitdiskutieren darf. Von Hegel und Marx wollen wir hier gar nicht erst anfangen, sonst wird aus diesem Text eine Doktorarbeit. Auf eine Entschuldigung aus Frankfurt werden wir aber wohl vergeblich warten.
Le Pogams Antwort: Eine Zivilisation wird von Baumeistern neu errichtet, nicht von Kommentatoren. Er hat recht. Nur diesmal bitte mit einem anderen Plan.
Also: Entschuldigung angenommen, Monsieur. Und an die Arbeit.
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PS: Was die drei Pariser eigentlich gesagt haben und wie es heute unseren Alltag vergiftet, erzähle ich ab morgen, jeden Tag einen. Keine Sorge: keine Traktate, kein Seminar, sondern kurz und so, dass man es beim ersten Kaffee versteht.
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Bild: Symbolbild/KI/Grok
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