„10-Millionen-Schweiz“: Eidgenossen lehnen Obergrenze für Migration ab Volksentscheid mit bizarren Zwischentönen aus Deutschland

Von Kai Rebmann

Die WM in den USA, Mexiko und Kanada zeigt es einmal mehr in aller Deutlichkeit: die Schweiz ist so stark von Migration geprägt, wie kaum ein anderes Land in Europa. Nachnamen wie Kobel, Aebischer oder Widmer bilden im Kader der Eidgenossen eher die Ausnahme. Was im Fußball in besonderer Weise sichtbar wird, mag für die Gesellschaft als Ganzes zwar nicht in diesem extremen Maße gelten, die zunehmende Sorge vor einer Übervölkerung bzw. Überfremdung ist in der Schweiz – und nicht nur dort – durchaus real.

Das böse Wort der „10-Millionen-Schweiz“ macht bei unseren Nachbarn schon seit einigen Jahren die Runde. Diese neuralgische Marke hätte die SVP (Schweizer Volkspartei) fortan gerne als Obergrenze für die Bevölkerung in der Verfassung festgeschrieben gesehen. Mit anderen Worten: Der Zuzug von außen sollte ab dem Erreichen von 9,5 Millionen Einwohnern begrenzt und gegebenenfalls ganz ausgesetzt werden. Aktuell zählt die Schweiz rund 9,1 Millionen Bürger.

Um die Jahrtausendwende lag die Bevölkerung noch bei knapp unter 7,5 Millionen. Doch die Schweiz darf und wird weiter in Richtung 10 Millionen und in nicht allzu ferner Zukunft auch darüber hinaus wachsen. So hat es der Souverän am gestrigen Sonntag an der Urne entschieden und der entsprechenden Initiative zur Begrenzung damit eine recht deutliche Abfuhr erteilt. 54,8 Prozent der Wähler sprachen sich gegen die SVP-Pläne aus, zudem 13 von 23 Ständen. Die Wahlbeteiligung lag bei 58,9 Prozent, was für einen Volksentscheid ein relativ hoher Wert ist.

Doch was bedeutet diese Abstimmung in der Schweiz für uns in Deutschland? Parallelen in der gesellschaftlichen Entwicklung sind kaum zu leugnen, und das nicht erst seit den „Stadtbild“-Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Dennoch ist vor diesbezüglichen Vergleichen ausdrücklich zu warnen, da Deutschland und die Schweiz hier gänzlich anderen Voraussetzungen unterliegen – sowohl geografisch als auch politisch, Stichwort: EU bzw. Nicht-EU.

Parallelen zu Deutschland – und wichtige Unterschiede

Die „Bild“ hat sich trotzdem an eine Gegenüberstellung gewagt, und ist dabei aus meiner Sicht nicht nur gescheitert, sondern hat ihre Leser in meinen Augen – bewusst oder unbewusst – hinter die Fichte geführt. In einem wenige Tage vor dem Volksentscheid erschienenen Artikel sprechen die Kollegen von einer „relativen Debatte“, die in der Schweiz geführt werde, also einer solchen um des Kaisers Bart, und begründen dies unter anderem so: „Wäre die Schweiz (41.300 Quadratkilometer) mit zehn Millionen Einwohnern „voll“, läge die entsprechende Grenze für Deutschland (357.600 Quadratkilometer bei 86,6 Millionen Menschen. Aktuell leben in Deutschland rund 83,5 Millionen Menschen. Nach dem Schweizer Modell wären wir also auch fast voll.“

Wohlgemerkt: es wird der Konjunktiv benutzt! Dabei spricht nicht nur das subjektive Empfinden vieler Deutschen seit Jahren eine ganz andere Sprache, auch ganz nüchterne Fakten untermauern dieses Gefühl. So zählt Deutschland im europäischen Vergleich nicht erst seit heute zu den Ländern mit der höchsten Bevölkerungsdichte. Massive Ballungsräume wie das Ruhrgebiet, in denen klare Stadtgrenzen längst nicht mehr als solche erkennbar sind, gibt es in der im Vergleich dazu geradezu idyllisch wirkenden Schweiz ebenfalls keine. Und dann wäre da noch die Alpen, die in der Schweiz einen nicht unwesentlichen Teil der Landesfläche ausmachen und, zumindest soweit es das Hochgebirge betrifft, für die menschliche Besiedlung schlicht nicht genutzt werden können – ob man das nun wollte oder nicht!

Echtes Horrorszenario

Der Vergleich, den die „Bild“ aufgemacht hat, hinkt also gleich an mehreren Stellen ganz entscheidend, und man darf, ja muss sich schon die Frage stellen, was damit bezweckt werden sollte. Doch damit noch nicht genug: im selben Artikel wird für beide Länder ein – Stand heute – noch utopisch anmutendes Rechenexempel durchgespielt, das für viele Menschen dies- und jenseits des Rheins das Zeug zu einem echten Horrorszenario haben dürfte.

Sybille Wälti, eine als Stadtplanerin vorgestellte Forscherin, hat demnach gegenüber dem SRF behauptet: „Es passen gut auch 16 Millionen Menschen in die Schweiz“, also nicht viel weniger als doppelt so viele Einwohner wie heute. Übertrüge man diese Zahl jetzt auf Deutschland – was zugegebenermaßen zwar populistisch wäre, andererseits aber nicht weniger absurd als der „Bild“-Vergleich – hätte Deutschland angeblich Platz für 146,8 Millionen Menschen.

Lesen Sie noch oder unterstützen Sie schon? Hier steht, wie es geht.

Der Autor:

Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Symbolbild/KIGemini

Für Sie empfohlen: