„Churchcard“ von „dem:der Mitarbeiter:in“ Bei Gendersprache kennt die EKD weder den Nächsten noch die Wahrheit

Ein Gastbeitrag von Thomas Paulwitz

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“. So lautet das achte Gebot. Es hat daher einen unangenehmen Geschmack, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) anderen „Falschmeldungen“ vorwirft und dabei selbst welche verbreitet. Sie wehrt sich damit im Auftrag des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm gegen „diverse Interessenverbände“, die Kritik an der folgenden Anweisung des Rats geübt hatten: „Die schriftliche Kommunikation der EKD ist geschlechtergerecht zu gestalten.“

In den dazu veröffentlichten „Empfehlungen“ ruft die Kirche nämlich unter anderem dazu auf, nicht mehr „Liebe Brüder und Schwestern“ zu sagen, und auch nicht mehr „Sehr geehrte Damen und Herren“. Statt dessen solle man die Gemeinde eher mit „Liebe Geschwister“ und „Sehr geehrte Anwesende“ anreden, um auch „diverse“ Geschlechter miteinzuschließen. So steht es in der EKD-Handreichung „Sie ist unser bester Mann“. Darüber hatte die DEUTSCHE SPRACHWELT berichtet und die EKD in die „Sprachsünder-Ecke“ gestellt und zum Protest aufgerufen (siehe DSW 80, Seite 10). Am 14. August verbreitete die evangelische Nachrichtenagentur idea darüber eine ausführliche Meldung, die auch in „idea Spektrum“ (34/2020, Seite 9) erschienen ist.

Mit den „diversen Interessenverbänden“ sind offenbar die unabhängigen Medien DSW und idea gemeint. Gegenüber der Nachrichtenagentur verweigerte die EKD-Pressestelle eine Stellungnahme. Auf die zahllosen Beschwerdebriefe antwortete die EKD jedoch. („Bitte entschuldigen Sie die verspätete Reaktion, da wir aufgrund der Vielzahl von Zuschriften, die den Ratsvorsitzenden erreichen, … auf Briefe nicht so zeitnah reagieren können …“) Allerdings waren diese Antworten teilweise in einem herablassenden, überheblichen und wenig einfühlsamen Tonfall gehalten, den man bei einer christlichen Einrichtung so nicht vermutet hätte.

Auch Oberkirchenrätin Kristin Bergmann, Leiterin des Referates für Chancengerechtigkeit der EKD, verwendete einen solchen, vorwurfsvollen Textbaustein, den viele empörte Kirchenmitglieder erhielten: „Zugleich möchte ich Sie ermutigen, sich sachlich und differenziert mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ Damit unterstellte die EKD den Kritikern, unsachlich und undifferenziert zu sein – ein rhetorischer Trick, um sich selbst den Anschein zu geben, sich besonders gut auszukennen und über jede Kritik erhaben zu sein.

Im übrigen ging die EKD nicht auf die Beschwerden im einzelnen ein und gab statt dessen Parolen von sich: „Sprache lebt[,] und sie wandelt sich permanent.“ (Ja, warum läßt die EKD die Sprache dann nicht in Ruhe?) „Sprachwandel ist … immer schon auch auf kritische Reaktionen gestoßen.“ (Das ist kein Freibrief für Sprachmanipulation!) Bei der Rechtschreibreform und bei Fremdwortgebrauch habe es ja auch Kritik gegeben. (Das sollte doch wohl eher hellhörig und vorsichtig machen!)

 

Gemäß der EKD-Handreichung, die unter anderem von Frau Bergmann verantwortet wird, soll statt vom Mitarbeiter von „dem:der Mitarbeiter:in“ die Rede sein, wahlweise auch mit Stern oder Unterstrich. Die Wörter „jeder“ und „keiner“ werden geächtet und durch „alle“ und „niemand“ ersetzt. Die Spender werden zu „Spendenden“. Die Pfleger werden unpersönlich zu „Pflegekräften“ herabgestuft. Statt „Sehr geehrter Herr Meier“ sollen Pfarrer „Sehr geehrtes Kirchenmitglied“ schreiben, um nicht ein bestimmtes Geschlecht anzusprechen. „Wenn diese Formen der Anrede häufiger verwendet werden, klingen sie bald nicht mehr ungewohnt.“

Während die EKD-Broschüre selbst von ungewohnten Sprachformen spricht, heißt es in einem Antwortschreiben des Kirchenamtes ganz anders: „Die Empfehlungen zur Verwendung geschlechtergerechter Sprache berücksichtigen einfach nur den Ist-Zustand einer lebendigen, dynamischen Sprache, nicht mehr und nicht weniger, und haben sich innerhalb evangelischer Kirche übrigens schon seit 1993 bewährt.“ Das ist eine glatte Lüge. Im Jahr 1993 hat niemand Genderstern, Genderunterstrich, Genderdoppelpunkt oder ähnliches empfohlen, nicht einmal die EKD. Keiner hat das Wort „jeder“ auf den Index gesetzt. Keiner hat von „Mitarbeitenden“, „Teilnehmenden“ und „Leitenden“ gesprochen, um das generische Maskulinum zu vermeiden. Keiner wollte „keiner“ durch „niemand“ ersetzen, anders als die EKD heute.

Um so unverfrorener ist der folgende Absatz, den die „Stabsstelle Kommunikation“ im Kirchenamt der EKD im Auftrag von Heinrich Bedford-Strohm als Textbaustein an besorgte Sprachfreunde verschickte: „Vielen Dank für Ihr Schreiben. Gern reagieren wir auf die kolportierte[n] Falschmeldungen, beziehungsweise nach unserer Wahrnehmung wissentlich falsch zugespitzten Meldungen diverser Interessenverbände.“ Im folgenden legt die EKD jedoch keineswegs dar, was denn nun „falsch“ an den Meldungen „diverser Interessenverbände“ sei. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Kirche kann gar nicht belegen, was daran falsch ist. Damit legt die EKD selbst ein (weiteres) falsches Zeugnis ab.

Martin Luther schreibt in seinem „Kleinen Katechismus“ über das achte Gebot auf die Frage „Was verbietet Gott im achten Gebot?“: „Die Lüge überhaupt; insonderheit aber, daß wir unsern Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, afterreden oder bösen Leumund machen.“ Die EKD sollte lieber Luthers Kleinen Katechismus lesen, statt Luthers Sprache zu verhunzen.

„Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall. Besser niedrig sein mit den Demütigen als Beute austeilen mit den Hoffärtigen.“ (Sprüche 16,18-19)

Warum die Kirche Sprachkritiker einengt

Manchen Lesern, die sich über die Sprache der EKD beschwerten, schickte die Kirche ihre neuen elf Leitsätze mit, nach denen sie sich weiterentwickeln will. Daß darin wenig Biblisches steht, tut an dieser Stelle nichts zur Sache. Doch dieser Bericht vom 3. Juni dieses Jahres unter dem Titel „Kirche auf gutem Grund“ zeigt, daß die EKD grundsätzlich mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß steht. Das beginnt gleich zu Anfang mit dem fremdsprachigen Leitspruch „Look up!“ („Schau hoch!“).

 

Es setzt sich fort in völlig verschwurbelten Behördendeutsch-Formulierungen, wie zum Beispiel: „Unter der Voraussetzung flexibler und fluider Beteiligung gilt es daher Räume zu eröffnen, in denen auch ohne formelle Mitgliedschaft Beheimatung erlebt werden kann.“ Wir übersetzen das so: „Wir hoffen, daß wir etwas finden, womit wir die ausgetretenen Mitglieder doch noch irgendwie einbeziehen können, rechnen aber fest damit, daß sie nicht wieder eintreten.“ Angesichts der Massenaustritte wirkt somit der EKD-Aufruf „Hinaus ins Weite“ aus dem 2. Buch Samuel (Kapitel 22, Vers 20) unfreiwillig komisch, denn in den beiden großen Kirchen haben im Jahr 2019 mehr als eine halbe Million Mitglieder das Weite gesucht.

Für die Mitglieder, die noch nicht ausgetreten sind, soll es einen Mitgliederausweis geben. Diesen will die evangelische Kirche freilich nicht in der Sprache Luthers benennen. Der von ihr bevorzugte Name lautet: „Churchcard“. Die gestelzt formulierte Erkenntnis, „Sprachfähigkeit“ sei „für ein kommunikatives Handeln der Kirche unerlässlich“, spiegelt sich in der Praxis leider nicht wider. Zu sehr versteckt die Kirche ihre offenkundige Ratlosigkeit hinter geschraubten Phrasen. Ein Satz ist jedoch kurz und knapp und aussagekräftig: „Es gilt, Beharrungskräfte einzuengen.“ Dieses offene Geständnis erklärt, warum jegliche Sprachkritik an der Kirchenführung abprallt. Wer sich widersetzt und auf gutem, verständlichem Deutsch beharrt, den engt die Kirche ein.


Thomas Paulwitz (*1973) ist Mitbegründer und Chefredakteur der seit dem Jahr 2000 erscheinenden Zeitschrift DEUTSCHE SPRACHWELT (Erlangen).
Außerdem ist er Vorstandsvorsitzender der in Düsseldorf ansässigen Theo-Münch-Stiftung für die Deutsche Sprache und Vorstandsmitglied und

Mitbegründer der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft zu Köthen/Anhalt. 2006 erhielt er den Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten „in Anerkennung seiner herausragenden Verdienste für einen engagierten unabhängigen Journalismus“. Die Sprachpflegezeitschrift DEUTSCHE SPRACHWELT erscheint vierteljährlich in gedruckter Form und dient den Bürgern, die sich um die deutsche Sprache sorgen, als Sprachrohr. Der Bezug der spendenfinanzierten Zeitschrift ist kostenlos: Postfach 1449, 91004 Erlangen, [email protected]


Bild: Maik Meid/Shutterstock
Text: gast

 

 


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