Ein Gastbeitrag von Thomas Rießinger
Zu behaupten, Donald Trump habe stets ein verbindliches Auftreten, treffe immer den richtigen Ton und verhalte sich vorbildlich, wäre nicht nur ein Euphemismus, sondern schlicht falsch. Was sich aber seine politischen Konkurrenten während seiner „State of the Union“-Rede am Dienstag, dem 24. Februar, geleistet haben, zeigt mehr als deutlich, dass er mit seinem gelegentlich seltsamen Benehmen nicht alleine steht.
Was ist geschehen? Während seiner Rede sprach Trump unter anderem über den Mord an der gebürtigen Ukrainerin Iryna Zarutska, die im letzten Jahr in einer Straßenbahn in Charlotte, North Carolina, hinterrücks und ohne jeden Anlass von dem Täter Decarlos Brown Jr. erstochen wurde. Ihre Mutter Anya Zarutska stand während der Rede auf der Besuchertribüne und Trump sprach sie direkt an. „Wir fühlen uns geehrt, heute Abend von einer Frau begleitet zu werden, die durch die Hölle gegangen ist: Anya Zarutska. Im Jahr 2022 flohen sie und ihre wunderschöne Tochter (…) Iryna aus der vom Krieg verwüsteten Ukraine, um bei Verwandten in der Nähe von Charlotte, North Carolina, zu leben.“ Und er gab das Versprechen ab: „Wir werden dafür sorgen, dass Ihrer großartigen Tochter Iryna Gerechtigkeit widerfährt.“
Die Republikaner im Kongress erhoben sich von ihren Sitzen und applaudierten. Die Demokraten hingegen blieben in großer Zahl mit ihren Sitzen verhaftet und fanden es nicht der Mühe wert, diese schlichte Geste des Respekts für das Opfer, Iryna Zarutska, und ihre anwesende Mutter über sich zu bringen. Zu Recht war Trump entsetzt und empört und fragte aufgebracht: „How do you not stand? How do you not stand for a mother who lost her daughter to a monster who should have never been on our streets? You should be ashamed of yourselves.“
Und er hatte recht. Denn die Geste der Würdigung galt nicht Donald Trump, sie galt auch nicht dem Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten, sondern Iryna Zarutska und ihrer Mutter Anya. Ihnen haben die sogenannten Demokraten den Respekt verweigert, ihnen haben sie die kalte Schulter gezeigt, die man in ihren Kreisen so gerne zeigt, wenn Opfer oder Täter nicht in das eigene, mit Zähnen und Klauen verteidigte Schema passen.
Auch die deutschen Qualitätsmedien haben über Trumps Rede berichtet und keine Gelegenheit ausgelassen, ihre Meinung über ihn kundzutun. Es mag an mir liegen, dass ich keine Erwähnung des Verhaltens der Kongress-Demokraten finden konnte. Vielleicht haben sie es aber auch einfach weggelassen, weil sie ihre Brüder und Schwestern im Geiste niemals in ein schlechtes Licht rücken wollen. Apollo hat berichtet, Tichys Einblick hat berichtet, doch bei Blättern wie der Welt oder dem Spiegel konnte ich zwar dies und das über die Rede, aber nichts über die Respektlosigkeit der Demokraten finden. Auch eine KI-Suche blieb erfolglos. Der Spiegel brachte es fertig, den Satz „You should be ashamed“ – Sie sollten sich schämen – zwar zu zitieren, aber den Zusammenhang gänzlich zu verschweigen. So arbeiten die Qualitätsblätter.
Donald Trump wird sich wieder daneben benehmen. Und die sogenannten Demokraten jenseits des Atlantiks sowie unsere stets und immerdar objektiv berichtenden Medien werden sich daran abarbeiten und sich moralisch entrüsten.
Doch seit dem 24. September 2026 haben sie – falls sie es denn jemals hatten – jedes Recht zu moralischen Urteilen verloren.
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Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert.
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