Der Haken an Drostens Steak-These Mit einer Infektion soll laut dem Hof-Virologen das Immunsystem nicht trainiert werden

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Thomas Rießinger

Wieder einmal hat Christian Drosten, allseits beliebter Hof- und Staatsvirologe sowie stets gern gesehener Gast und Interviewpartner der bekanntermaßen unabhängigen und staatsfernen Medien, seinem Ruf alle Ehre gemacht. „Drosten watscht Impfverweigerer ab“, teilt uns der Merkur mit, „Drosten zerlegt per Twitter Behauptungen von Impfgegnern“, kann man beim Tagesspiegel lesen, und auch der ehrwürdige Spiegel, einst das Sturmgeschütz der Demokratie, lässt sich mit der schönen Schlagzeile „Die Infektion und das Steak“ nicht lumpen.

Worum geht es? In einem Tweet vom 29. Dezember 2021 hat es Drosten in unüberbietbarer Klarheit formuliert: „Wer glaubt, durch eine Infektion sein Immunsystem zu trainieren, muss konsequenterweise auch glauben, durch ein Steak seine Verdauung zu trainieren.“ Und kurz darauf: „Im Ernst: Immunreaktion vs. ’starkes Immunsystem‘ ist wie Lernen vs. Intelligenz. Ich kann ein Gedicht auswendig lernen, bin dadurch aber nicht intelligenter geworden. Ich kann eine Infektion überstehen, habe dadurch aber nicht mein Immunsystem gestärkt.“

Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich. Hört man nicht seit geraumer Zeit immer wieder, dass an COVID-19 Erkrankte und daraufhin Genesene einen gewissen Ímmunschutz besitzen, den sie vor ihrer Erkrankung nicht hatten? Der beliebte Virologe scheint da anderer Meinung zu sein, und was soll ihm der immunologische Laie hier entgegensetzen?

Nicht viel, nur vielleicht die Fachliteratur, denn auch Laien können lesen. In dem Lehrbuch „Grundwissen Immunologie“ von Bröker, Schütt und Fleischer, dessen vierte Auflage 2019 erschienen ist, findet sich auf Seite 91 die Passage: „Viele Mikroorganismen lösen nur bei der ersten Infektion eine Krankheit aus, und alle weiteren Kontakte mit demselben Erreger verlaufen symptomfrei oder mit milderer Symptomatik. Bei einem erneuten Kontakt mit dem gleichen Antigen generiert das Immunsystem eine um vieles effizientere sekundäre Effektorantwort. Sie unterscheidet sich von der primären dadurch, dass nicht nur das angeborene, sondern auch das adaptive System sofort in das Geschehen eingreifen kann. Darin zeigt sich der Immunisierungseffekt. Im Verlauf der vorhergehenden primären Antwort wurden ja antigenspezifische hochaffine Antikörper sowie Effektor- und Memory-T-Zellen und B-Zellen gebildet.“ Und auf der gleichen Seite etwas später: „Weil sich im Verlauf der primären Antwort der Pool der antigenspezifischen T- und B-Zellen durch klonale Expansion vergrößert hat, fällt die sekundäre Antwort auch stärker aus.“

Der Laie staunt nun immer mehr, vom Fachmann ganz zu schweigen. Wie es scheint, führt eine Erstinfektion bei einem späteren zweiten Angriff zu einer deutlich effizienteren Antwort des Immunsystems, weil das adaptive System – nur ein schöneres Wort für: das anpassungsfähige System – genau das geleistet hat, was sein Name sagt: Es hat sich angepasst, und weil es aus der ersten Infektion gelernt hat, „fällt die sekundäre Antwort auch stärker aus“. So etwas pflegen unwissende Laien einen Trainings- oder auch Lerneffekt zu nennen.

Nun kann ja jeder aus irgendeinem Lehrbuch zitieren, kaum jemand wird es sich anschaffen wollen, um das Zitat zu kontrollieren. Das ist auch nicht nötig, da man ähnliche Informationen auch in frei verfügbaren Quellen findet. In einem Artikel des Thieme-Verlags über „angeborene und adaptive Immunantwort“ ist beispielsweise zu lesen: „Die Mechanismen der adaptiven Abwehr brauchen hingegen einige Zeit, um gezielt gegen spezifische Invasoren vorzugehen. Diese Abwehr lernt außerdem ein Leben lang dazu. Da sie sich die Pathogene „merken“ kann, wird ihr ein immunologisches Gedächtnis zugeschrieben. Dieses äußert sich in einem langanhaltenden Schutz (ggf. sogar auf Lebenszeit).“ Das Immunsystem merkt sich Pathogene, die es vermutlich über eine Infektion kennengelernt hat, und generiert daraus einen voraussichtlich langanhaltenden Schutz. Kürzer gesagt: Es wurde durch eine Infektion trainiert.

Tatsächlich kann dieses Training auch über die Abwehr des ursprünglichen Erregers hinausgehen, so etwas nennt man Kreuzimmunität. Man versteht darunter die „während einer Infektion mit einem verwandten Krankheitserreger erworbene Widerstandskraft gegen einen dem Körper unbekannten Krankheitserreger. Stecken sich etwa Melker mit Kuhpocken an, wird ihr Körper im Laufe der Infektion nicht nur immun gegen Kuhpocken, sondern auch gegen die weitaus gefährlicheren Pocken des Menschen.“ Der Laie kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht nur die Abwehr gegen den immer gleichen Erreger kann durch eine Infektion verbessert und gestärkt werden, sondern sogar die Immunreaktion gegen einen Verwandten. Sollte darin vielleicht der Grund liegen, dass es so viele SARS-CoV-2-Infizierte gibt, die von ihrer Infektion nichts oder fast nichts bemerken, eben weil bei ihnen durch einen früheren Kontakt mit ähnlichen Viren Kreuzimmunität vorliegt? Auch bei der Charité, Drostens geistiger Heimat, hat sich das schon seit einer Weile herumgesprochen. In einer Pressemitteilung vom 29. Juli 2021 liest man: „Woran liegt es, dass manche Menschen am neuartigen Coronavirus schwer erkranken, während andere kaum Symptome bemerken? Die Antwort darauf ist vielschichtig und Gegenstand intensiver Forschung. Einen möglichen Einflussfaktor hat ein Forschungsteam der Charité und des MPIMG jetzt identifiziert: frühere Infektionen mit harmlosen Erkältungs-Coronaviren.“

Der Staatsvirologe Drosten scheint das anders zu sehen und spricht von dem Unterschied zwischen Lernen und Intelligenz. „Ich kann ein Gedicht auswendig lernen, bin dadurch aber nicht intelligenter geworden,“ verrät er uns. Und: „Ich kann eine Infektion überstehen, habe dadurch aber nicht ‚mein Immunsystem gestärkt.’“ Dem ersten Satz kann man nur zustimmen, und der eine oder andere mag auf den Gedanken verfallen, dass Ähnliches auch für ein Medizinstudium und manche seiner Absolventen gelten könnte, da dort mit Freude und Fleiß auswendig gelernt wird, wenn auch keine Gedichte. Aber nach Lehrbuchmeinung dürfte eine überstandene Infektion sehr wohl das Immunsystem insofern stärken, als man den gleichen oder ähnlichen Erregern mit mehr Gelassenheit entgegen sehen kann. Das hat, wie auch das Lernen von Gedichten, etwas mit Gedächtnis zu tun, nicht mit Intelligenz. Deshalb spricht man im Zusammenhang mit Immunantworten auch von Gedächtniszellen und nicht von Intelligenzzellen.

Und das Steak? Wer ein Steak isst, wird seine Verdauung mehr trainiert haben als ein überzeugter Hungerleider, da eine Verdauung, die nichts zu tun hat, sich auch nicht an bestimmte Nahrungsformen oder Nahrungsmengen gewöhnen kann. Und Menschen, die generell wenig oder normal essen, können beispielsweise in aller Regel nicht so einfach riesige Portionen verschlingen, die für manchen langjährigen Viel- und Gierigesser kein Problem darstellen. Niemand wird allerdings behaupten, dass diese Art von Training der Gesundheit förderlich ist.

Hat Drosten tatsächlich die Impfverweigerer abgewatscht und die Behauptungen der Impfgegner per Twitter zerlegt? Schon wieder verfällt der Laie in Staunen. Schließlich wird  beispielsweise bei einem klassischen  Lebend- oder Totimpfstoff „künstlich eine abgeschwächte Form der Krankheit erzeugt, um das Immunsystem zur Bekämpfung und zur Bildung von Antikörpern anzuregen“. Und die Aufgabe eines mRNA-Impfstoffes ist nicht anders, nur die Methoden unterscheiden sich, denn mit seiner Hilfe sollen die Körperzellen dazu gebracht werden, bestimmte Spike-Proteine selbst herzustellen. Gelangen dann „die Antigene – in dem genannten Beispiel sind das die neu hergestellten Spikeproteine – in das Blut, aktivieren sie das Immunsystem und rufen im Erfolgsfall eine Immunantwort hervor. Im Falle einer späteren Infektion mit dem „echten“ Virus ist der Körper vorbereitet und kann optimalerweise die Infektion besser abwehren“. Dem Körper soll also in jedem Fall eine Infektion vorgegaukelt werden, damit das Immunsystem bei einer späteren echten Infektion angemessen reagieren kann. Und somit soll also die Impfung das Immunsystem trainieren, was ich gar nicht bestreiten will. Wenn aber schon eine echte Infektion nach Drostens Auffassung nicht in der Lage ist, das Immunsystem zu trainieren – wie soll es denn eine vorgegaukelte Infektion schaffen? Sollte der Virologe etwa zu den generellen Impfskeptikern gehören?

Was kann nun Drosten eigentlich gemeint haben? Will er uns sagen, dass eine vorangegangene Infektion keinerlei Trainingseffekt für das Immunsystem haben kann? Dem müsste der staunende und des Lesens kundige Laie widersprechen, die angeführten Literaturstellen scheinen hier recht deutlich zu sein. Oder meint er gar, dass eine Infektion mit dem einen Erreger keine generelle Stärkung des Immunsystems leisten kann, weil es ja ständig viele andere und andersartige Erreger gibt? Das wäre so wahr wie banal. Wer sich mit Masern infiziert hat, besitzt keinen gesteigerten Schutz gegen Influenza. Sollte der Virologe diese Trivialität tatsächlich in seinem Tweet aufgebauscht haben, so darf man mit einem gewissen Recht von einem semantischen Taschenspielertrick sprechen: Man wirft einen Satz in den Raum, der von vielen, vor allem von der stets eilfertigen Presse, auf eine ganz bestimmte Weise interpretiert wird, und sobald man auf Kritik stößt, kann man leichten Herzens und guten Gewissens vorbringen, man habe doch nur diese oder jene Selbstverständlichkeit gemeint.

Ja, so funktioniert Wissenschaft, zumindest heute.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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