Der Lockdown – ein Gesundheitsrisiko Warum einsperren nicht hilft

Ein Gastbeitrag von Sönke Paulsen.

Auch in Südkorea zählt das Kollektiv mehr als das Individuum. Der Freiheitsbegriff ist ein anderer als in Europa oder den USA. Das Land war bis in die späten Achtziger Jahre hinein eine Militärdiktatur. Demokratische Reformen gestalteten sich zögerlich. Viel von Südkoreas Demokratieverständnis wurde als Abgrenzung zur nordkoreanischen Diktatur entwickelt. Dahinter aber lauert der typisch asiatische Konformitätsdruck. Eine westlich liberale Gesellschaft, wie wir sie uns vorstellen, ist Südkorea ganz sicher nicht.

Die teilweise intelligenten Nachverfolgungsmaßnahmen während der ersten Phase der Pandemie beruhten nur bedingt auf effektiver Organisation und guter Technik. Ohne den typisch asiatischen Befehlsgehorsam hätten diese Maßnahmen ihre Wirkungen nicht entfalten können.

Einen Befehlsgehorsam wünschen wir uns in unseren europäischen Gesellschaften aber bestenfalls in unseren Armeen. Obwohl wir bei der Bundeswehr auch schon mal das Konzept des mündigen Bürgers in Uniform hatten. Lange ist es her. Derzeit werden unsere Berufssoldaten eher in Richtung der amerikanischen Marines gedrillt. Extremistische Einstellungen lassen dann nicht lange auf sich warten.

Aber zurück zur Dynamik der Pandemiemaßnahmen in Europa.

Der Weg in die europäische Pandemie-Sackgasse

Das italienische Bergamo war gewissermaßen der Präzedenzfall für alle Fehler, die danach gemacht wurden. Dort brachen Kliniken praktisch zusammen und konnten die Covid-Kranken nicht mehr adäquat versorgen. Ursache, zumindest in Bergamo, war die unterschätzte Kontagiösität des Virus, die die Kliniken selbst zu Infektions-Hotspots werden ließ.

Die Maßnahmen, die dann folgten, waren hilflos und unwirksam. Ganze Landstriche wurden in Quarantäne geschickt und draußen wurde alles dichtgemacht. Die Zahlen aber blieben auf höchstem Niveau, weil sich die Menschen eben drinnen infizierten, über ihre Angehörigen. Viele alte Menschen, denen das Virus zum Verhängnis wurde, lebten in Italien mit den jüngeren Generationen in einem Haushalt.

Trotzdem wurden diese Quarantäne-Maßnahmen in Spanien und Frankreich übernommen, wo man nur noch mit „Passierschein“ auf die Straße durfte. Unter den Bedingungen beengter Wohnverhältnisse, die vor allem in Madrid die Arbeiterviertel betrafen, waren das ideale Bedingungen für das Cov-Sars-2 Virus.

Die Infektionszahlen waren nicht rückläufig, sondern stiegen lange Zeit an.

In Deutschland haben wir diese unwirksamen Maßnahmen weitgehend kopiert und tun das noch. Die Überlegung, dass diese Restriktionen im Frühjahr geholfen hätten, kann man dabei getrost verwerfen. Denn ab der Wärmeperiode im Mai wurde das Virus in ganz Europa weniger aktiv, auch in den Ländern, die einen freiheitlichen Umgang mit ihren Bürgern beibehielten. Schweden und das vielgescholtene Polen sind hier zu nennen.

Die Vorstellung, eine Bevölkerung einzusperren und damit eine Pandemie unter Kontrolle zu bekommen, die uns im chinesischen Wuhan, wo Wohnungen vergittert wurden, als Erfolgsmodell erschien, hat nirgendwo, außer im spätkommunistischen China, zu Erfolgen geführt. Sie ist auch naiv.

Man bekam den Eindruck, dass die Behörden in Italien, Spanien und Frankreich eine „Katastrophe“ mit einer „Gegen-Katastrophe“ bekämpfen wollten, so als würde man bei einem Feuer ein Gegenfeuer legen. Natürlich wütet die Infektionskrankheit in den eingesperrten Familien und Hausständen ganz besonders heftig, was wir inzwischen auch wissen und vom RKI mehrfach bestätigt wurde. Ein Grund, warum auch Heimbewohner so häufig zu Opfern wurden. Übrigens auch ein Grund, warum in einigen Ländern einsitzende Straftäter vorzeitig aus den Gefängnissen entlassen wurden.

Es gab und gibt also diese Einsicht, dass es falsch ist, während einer Epidemie Menschen einzusperren. Gehandelt wird aber weiterhin nach dem Prinzip, dass Maßnahmen schmerzhaft für die Bevölkerung sein müssen, wenn sie wirken sollen, auch wenn sie in Wirklichkeit nicht wirken und alles nur verschlimmern. Das erinnert wirklich sehr an magisches Denken.

Die WHO hat dies längst verstanden und rät von großflächigen Quarantäne-Maßnahmen und Lockdowns eher ab. Aber auch in den kleineren Quarantäne-Gebieten, in Ortschaften und Landkreisen, wirken die Maßnahmen vor allem gegen die Gesundheit der Bewohner. Die Infektionszahlen und Todesraten steigen typischerweise an, was eigentlich niemanden wundern dürfte.

Die Idee, das Virus zu kontrollieren, wird plötzlich überwertig und steht über der Gesundheit der Bürger. Menschen sterben dann, um die Kontroll-Illusionen von Behörden und Regierungen aufrecht zu erhalten.

Wenn aber eine Einsicht in die fehlende Wirksamkeit von großangelegten Quarantäne-Maßnahmen und einer Stilllegung der Gesellschaft vorhanden ist, warum wird dann damit weitergemacht?

Mehrere Paradigmen, die sich durchgesetzt haben, auch wenn sie falsch sind, verhindern eine politische Umkehr. Medien und Politik können wegen dieser Paradigmen nicht mehr zurückrudern und müssen die immer gleiche, falsche Antwort auf jede neue Infektionswelle geben.

Moralisch aufgeladene Paradigmen blockieren ein effektives Management der Pandemie

Das erste Paradigma, um dass es hier geht, wurde bereits genannt und hängt mit dem Fremdschutz zusammen. Der Ansatz, Maßnahmen zu ergreifen, die in erster Linie andere vor Ansteckung schützen, ist ehrenwert, beinhaltet aber immanente Widersprüche, die sich bis auf das Individuum herunterbrechen lassen.

Mit der Bedeckung von Mund und Nase wurde eine Maßnahme zur Pflicht, die den, der sie einhält, deutlich weniger schützt als seine Umgebung. Wenn man aber nur durch andere geschützt werden kann und nicht durch sich selbst, ist das so ziemlich das Gegenteil von einer psychisch gesunden Situation.

Depressive Menschen werden mit therapeutischen Ansätzen behandelt, die zu einer „Selbstermächtigung“ führen und den Weg aus einer erlernten Hilflosigkeit weisen. „Du bist nicht ohnmächtig, Du kannst selbst etwas für Dich tun!“ Wenn das Individuum nun per Dekret dazu verpflichtet wird, Maßnahmen zu ergreifen, die andere schützen und nicht es selbst, dann muss man das als „Selbstentmächtigung“ bezeichnen und als Ausgangspunkt von psychischen Krisen.

Gleichzeitig steigt mit dem Ansatz des Fremdschutzes die Bereitschaft, andere für die eigene Situation verantwortlich zu machen. Paranoide Grundhaltungen, Aggressivität und ein Klima der Angst und Verfolgung sind die unmittelbaren Resultate.

Der Ansatz, die Pandemie einzugrenzen, indem die Bürger auf den Fremdschutz verpflichtet werden und nicht mehr der Selbstschutz im Vordergrund steht, mag in Diktaturen konfliktlos toleriert werden. Dort ist man gewohnt, dass Solidarität erzwungen wird, auch dann, wenn sie sich nicht adäquat begründen lässt.

Bei uns führt dieses Paradigma der erzwungenen Solidarität und des befohlenen Fremdschutzes nicht in eine solidarischere Gesellschaft, sondern in eine unfreiere Gesellschaft, die wieder anfängt, Mechanismen totalitärer Systeme zu übernehmen. Diskreditierung, Denunziation, Ausgrenzung und Verachtung. Mechanismen, mit denen in China ganz selbstverständlich gearbeitet wird, um Regierungstreue zu erzwingen.
Gleichzeitig kann der Fremdschutz niemals so effektiv sein, wie der Selbstschutz. Auf Befehl sind Menschen sehr wohl in der Lage, andere mit tödlichen Stromschlägen zu traktieren, wie Versuche aus den fünfziger Jahren zeigten, aber nicht sich selbst.

Es geht recht weitgehend an der Vorstellung einer gut integrierten und resilienten Psyche vorbei, dass diese lieber andere, als sich selbst schützt.

Die insuffizienten Masken, die seit Monaten aufgezwungen werden, sind nicht umsonst zum Symbolthema der Widerstandsbewegung gegen diese Politik geworden. Die Querdenkerbewegung hält dankenswerter Weise diese andere Seite der Medaille, einer erzwungenen Solidarität, in die Kamera. Sie erfüllt damit eine unschätzbar wichtige gesellschaftliche Funktion und hilft Menschen, kurz vor der Verzweiflung, sich wiederzufinden.

Das zweite Paradigma hat einiges mit dem ersten des Fremdschutzes zu tun. Es handelt sich nämlich bei der Vorstellung, dass jeder den anderen schützt, um ein Ideal. Von Idealen sollten wir eigentlich wissen, dass der Versuch, sie im Alltag konsequent umzusetzen, scheitern muss. Die Absolutheit von Idealen und die Lebenswirklichkeit vertragen sich nicht.

Der Münchener Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer hat in den achtziger Jahren ein Buch über die Destruktivität von Idealen veröffentlicht, welches lange die Bestsellerlisten anführte. Heute scheint dieses Wissen vergessen zu sein. Wir werden täglich mehr mit Idealen bombardiert, die wir befolgen sollen.

Niemand darf sterben, weil ein anderer von seiner Freiheit Gebrauch macht

In immer unnatürlicher werdenden Lebensumständen haben wir in den letzten Jahren ein biophiles Ideal entwickelt, nach dem jedes Leben zu schützen sei und zwar unter allen Umständen. Insbesondere in der Zivilgesellschaft werden Lebensrechte konstruiert, die in keiner staatlichen Verfassung stehen, aber immer stärker in unsere Gesetzgebung einfließen. Vom Menschen bis zur Ameise. Niemand darf sterben, weil ein anderer Gebrauch von seiner Freiheit gemacht hat.

Genauso polarisierend wird dieses biophile Ideal auch in der Öffentlichkeit dargestellt. Das geschieht mit hohem Absolutheitsanspruch und moralischem Nachdruck, während wir weiterhin Schweine, Hühner und Rinder aus industrieller Haltung und Verwertung essen. Ein Widerspruch, der auch im Rahmen dieser Pandemie eine wesentliche Rolle spielt. Denn wenn wir das Leben zum höchsten Wert erklären und nicht die Freiheit, dann verliert das Leben seine Freiheit. Ist es dann überhaupt noch ein Leben? Ungewollt trägt also dieses Ideal zur weiteren Entfremdung vom Leben bei, indem es die wichtigste Voraussetzung des Lebens, die Freiheit, negiert. Es ist eigentlich ein larviertes, nekrophiles Ideal, das vom Leben wegführt.

Ich habe in diesem Jahr mit vielen alten Leuten gesprochen, die empört über die restriktiven Maßnahmen und entsetzt über die eingeschränkten Möglichkeiten waren, sich in der Öffentlichkeit das Wichtigste zu holen: Kontakt! „Ich möchte selbst entscheiden, ob und wie ich mich schütze und nicht gegen meinen Willen durch Maßnahmen geschützt werden, die ich nicht billige.“ Diesen und ähnliche Sätze habe ich auch von Menschen hohen Alters gehört, auch in der Verwandtschaft.

Der überhöhte Anspruch auf Leben mag bei vielen auch als narzisstisches Ideal mit Größenideen wirken („niemand soll an Corona sterben, das müssen wir verhindern“), wird aber von den meisten Menschen, die ich kenne, abgelehnt.

Leben muss stattfinden, auch wenn Viren durch die Luft fliegen. So etwas kommt eher von Menschen mit viel Lebenserfahrung, von denen sich manche auch am Ende ihres Lebens befinden. Das Leben ist endlich, was jedem über Achtzig auch bewusst sein dürfte.

Die schweren gesellschaftlichen Einschränkungen in diesem Jahr, in der Hoffnung dadurch die Zahlen der Erkrankten zu senken, ist eine Art „Menschlichkeit nach Zahlen“, auf die viele Betroffene verzichten können. Einigen wurden durch die Maßnahmen die letzten Tage und Monate ihres Lebens zerstört, weil sie in Isolation gerieten. Fallbeispiele werden in letzter Zeit zunehmend berichtet und erschüttern.

Man sieht, dass auch ein biophiles Ideal massive Schäden für das Leben anrichten kann, wenn es in seiner Absolutheit und mit technokratischer Gewissenhaftigkeit verfolgt wird.

In den Psychotherapien spricht man von Hilfe zur Selbsthilfe. Genau diese hat es in der europäischen Politik, mit wenigen Ausnahmen, zu Zeiten der Pandemie nicht gegeben. Die Menschen wurden in die Hilflosigkeit gezwungen und ganz unmittelbar entmachtet.

Unterstützung hätte man durch früheres und konsequentes Beschaffen von FFP2-Masken und Verteilung an die Bevölkerung in diesem Sinne geben können. Man hätte die richtigen Schutzmaßnahmen, die im Verkauf, in der Gastronomie und an den Arbeitsplätzen getroffen wurden, konsequenter unterstützen können. Dazu gehört auch, dass man die erwähnten Sektoren, bei steigenden Infektionszahlen, nicht einfach abschaltet und die engagierten Menschen damit in die Ohnmacht schickt.

Schließlich hätte man die Bürger frühzeitiger darauf hinweisen können, dass die große Menge der Ansteckungen nicht in medienwirksamen Superspreader-Events stattfindet, sondern ganz still zuhause in der Familie. Eine De-Skandalisierung dieser Infektionen und die wirksamere Unterstützung Infizierter bei den Hausärzten wäre hilfreich gewesen, beide Faktoren hätten gut zusammengepasst, wobei in den letzten Monaten das Gegenteil passierte.

Skandalisierungen und daraus resultierende fehlende Hilfe waren eine schwere Bürde für viele Infizierte.

Wenn Ärzte keine Skandale mehr befürchten müssen, weil sich Patienten in ihren Wartezimmern anstecken (auch mit Corona), finden wir zu einer normalen und gesunden Lebensrealität zurück. Dann ist es auch Familien, die sich infiziert haben, möglich, unkomplizierte Hilfe zu bekommen.

Die Gesundheitsämter sind nämlich keine Therapieeinrichtungen und lediglich dem Fremdschutz verpflichtet. Diese Behörden haben uns in diesem Jahr wirklich nicht gutgetan. Unsere Gesundheitsämter haben unfreiwillig demonstriert, dass der Fremdschutz gegen eine solche Pandemie praktisch wirkungslos ist, aber eine Menge behördlicher Willkür produziert, die in die persönlichsten Rechte eingreift.
Was aber gegen die Pandemie wirkt, ist, wie immer, der unterstützte Selbstschutz. Ohne Ressentiments und Bevormundung.

Genau daran hat es in den meisten Ländern Europa gefehlt und die Medien haben bei der Einforderung dieser Unterstützung zum Selbstschutz massiv versagt. Stattdessen wurden nicht-autoritäre Strategien im Umgang mit der Pandemie, wie in Schweden, in der Presse diskreditiert.

Ein Scherbenhaufen, von dem noch völlig unklar ist, wer ihn zusammenfegen wird. Vielleicht landet er auch unter dem Teppich und wird uns nach der Krise nicht mehr bewusst sein. Das steht zu befürchten.

Wenn wir dann weiterhin diese überzogenen Ideale als Leitschnur nehmen, werden wir zwangsläufig alle Viren und Bakterien, die noch kommen, staatlich überwachen lassen und die betroffenen Bürger (das sind im Prinzip alle) gleich mit. Mit allen restriktiven Konsequenzen! Dann landen wir in einem Überwachungsstaat, der das Risiko seiner „entmündigten Bürger“ eher schlecht als recht managen wird.

Besser, wir fangen an, zu diskutieren.

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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.


Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt auch in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“

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Bild: Leron Ligred/Shutterstock
Text: Gast

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