Der schwarze Peter ist ungeimpft und sächselt Sinkt die Inzidenz in Sachsen, ist das trotzdem „kein gutes Zeichen“

Von reitschuster.de

Zuletzt überraschte n-tv mit der Nachricht, dass die Sieben-Tage-Inzidenz in Sachsen gesunken sei. Aber froh war der Sender darüber trotzdem nicht. Die dazugehörige Schlagzeile lautete nämlich: „Sachsens sinkende Zahlen sind kein gutes Zeichen“.

Wie das? Darf hier nicht sein, was vor der Drohkulisse der vierten Welle nicht sein kann? N-tv schickte sogar eine Begründung nach:

„Die Zahlen stehen unter dem Einfluss von Ämtern und Behörden, die mit Nachverfolgung und Meldung der Fälle überfordert sind.“

Aber bedeutet das nicht im Umkehrschluss, dass dort, wo die Behörden fleißiger waren, automatisch eine höhere Inzidenz generiert wird? Danach hätte die Schlagzeile in der Vergangenheit auch lauten können: „Sachsens steigende Zahlen sind Zeichen für gar nichts“.

Tatsächlich befindet sich die Aussagekraft von Zahlen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie im freien Fall. Wer noch daran festhält, der macht das womöglich, weil er sonst seinen Halt verliert oder um eine Falschbehauptung zu kaschieren.

Zu den Fakten in Sachsen: Hier ist die Inzidenz laut Robert Koch-Institut (RKI) gesunken. Und das passt nicht ins Bild einer prognostizierten vierten großen Horrorwelle.

Zunächst wird einmal angezweifelt, dass Sachsen die Daten vernünftig an das Robert Koch-Institut weitergeleitet hat. Das Sozialministerium Sachsen teilt allerdings mit, dass die zuständige Landesuntersuchungsanstalt den Datenexport wie üblich erstellt hätte. Später heißt es dann, die Daten konnten nicht beim RKI hochgeladen werden. Auch Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) erklärt, dass wegen Überlastung der Ämter womöglich nicht alle Infektionszahlen pünktlich gemeldet werden können.

So ein Durcheinander entsteht zwangsläufig immer dort, wo noch mit Inzidenzen jongliert wird, deren Aussagekraft zu kritisieren lange Blasphemie war, wo aber spätestens im Frühjahr 2021 ziemlich kleinlaut eingestanden wurde, dass diese Zahlen, wenn, dann nur eine recht dünne Aussagekraft haben.

Jeder, der willens ist, kann es nachlesen: Das Land Sachsen meldet auf seiner Internetseite regelmäßig Daten zu Corona wie beispielsweise die Infektionszahlen.

So erfährt man hier beispielsweise, dass die Zahl jener COVID-19-Patienten in Sachsen, die nicht intensivmedizinisch behandelt werden (Normalstation) vom 27. November bis 10. Dezember 2021 nahezu gleich geblieben ist. Bemerkenswert: In den letzten drei Tagen gab es sogar einen Rückgang um 81 Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen werden konnten. Oder landeten sie etwa alle auf der Intensivstation?

Die Zahl der COVID-19-Patienten, die in Sachsen intensivmedizinisch behandelt werden (ITS-Station), ist ebenfalls – unter Berücksichtigung gewisser Schwankungen – seit dem 27. November stabil geblieben, am 10. Dezember waren es vier Patienten weniger als noch drei Tage zuvor.

Und auch die „7-Tage-Inzidenz-Hospitalisierung“ ist – Stand von heute – auf dem niedrigsten Niveau der letzten zehn Tage. Diese Inzidenz berechnet sich aus der Anzahl der Krankenhausaufnahmen in Verbindung mit COVID-19 innerhalb der letzten sieben Tage je 100.000 Einwohner.

Und es gibt weitere Vergleichszahlen: So standen am 4. Januar 2021 in Sachsen noch 4.195 Krankenhausbetten für COVID-19-Patienten zur Verfügung. Am 10. Dezember waren es nur noch 3.020 Betten.

Noch mehr Zahlen? Am 30. Dezember 2020 waren in Sachsen laut Statistik insgesamt 3.405 Betten durch COVID-19-Patienten belegt, davon 2.814 Betten auf Normalstationen. Am 10. Dezember 2021 liegen insgesamt 2.600 COVID-19-Patienten in sächsischen Krankenhäusern, davon 2.011 auf Normalstationen.

Und am 30. Dezember 2020 standen in Sachsen 708 Intensivbetten für COVID-19-Patienten zur Verfügung, belegt waren davon 591 Betten. Am 10. Dezember sind es 633 Intensivbetten bei 589 Belegungen. Was bedeutet, dass es aktuell in etwa die gleiche Anzahl Patienten gibt, wie im Jahr zuvor, aber es stehen insgesamt ca. zehn Prozent weniger Intensivplätze zur Verfügung.

Kommen wir zu den laborbestätigten Neuinfektionen in Sachsen. Am 23. Dezember 2020 waren das 3.872 bestätigte Infektionen. Und am 26. November 2021 zählte man 11.828 Fälle. Aber auf was deutet das hin? Auf eine stark anwachsende Gruppe der Genesenen? Das gälte, wenn später auch die symptomfrei Infizierten zu den Genesenen gezählt würden.

Vergleicht man also die Zahlen, zeigt das, wie wenig aussagekräftig es war und ist, daraus überhaupt irgendetwas abzuleiten oder gar Grundrechte einschränkende Corona-Maßnahmen einzuleiten. Konkret sagt die Anzahl der Neuinfektionen kaum Verlässliches darüber aus, bei wie vielen Personen hier die Gefahr besteht, schwer zu erkranken, bis hin zur intensivmedizinischen Betreuung.

Soviel also zu Sachsen und einer Umdeutung der Sieben-Tage-Inzidenz durch ein Nachrichtenportal. Und wie sieht es aktuell für ganz Deutschland aus? Das Robert Koch-Institut meldet seit dem 30. November einen kontinuierlichen Rückgang der Sieben-Tage-Inzidenz von 481,6 auf nunmehr 422,3 am 9. Dezember.

Interessant ist hier auch die von Kalenderwoche 45 an Woche für Woche rasant angestiegene Zahl der PCR-Tests um teilweise mehr als 300.000 Testungen, was eine Zunahme um fast 20 Prozent bedeutet.

Der Deutschlandtrend jedenfalls bestätigt die Entwicklung in Sachsen. Und gemessen an den unterschiedlichen Parametern ist die Lage in Sachsen, wenn, dann überhaupt nur deshalb drückend geworden, weil auch hier wie im gesamten Bundesgebiet Betten und Fachkräfte abgebaut wurden – fast eintausend Betten fehlen hier gegenüber dem Vorjahr. Um diese Entwicklung abzusehen, bedurfte es keinerlei komplizierter Zahlenmystik.

Bild: Shutterstock
Text: red

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