„Die Deindustrialisierung ist eine reale Gefahr“ Hohe Energiekosten gefährden das deutsche Geschäftsmodell

Von reitschuster.de

Es war 2010, als der britische „Economist“ die Bundesrepublik als „Powerhouse“ bezeichnete und dem Land eine Zeit des Wohlstands vorhersagte, mit der sich kein anderer Staat in Europa messen lassen könnte. Zwölf Jahre später überschreibt das Finanzmagazin „Capital“ seinen Abgesang auf die deutsche Vormachtstellung mit „Deutschland – Europas No-Powerhouse“.

Prägnanter lässt sich die aktuelle Lage kaum zusammenfassen. Die Lage ist ernst: Deutschland kämpft längst nicht mehr nur um ein paar Prozentpunkte Wachstum, sondern um die Grundfesten seines Wirtschaftsmodells. Die exorbitant steigenden Preise für Strom und Gas setzen die Unternehmen massiv unter Druck. Die Stärke des einstigen europäischen „Powerhouses“ gründete nicht zuletzt auf billigen russischen Gaslieferungen, die nun durch hochpreisige Lieferungen aus anderen Teilen der Welt ersetzt werden müssen.

Dies kommt gerade Deutschland besonders teuer zu stehen: In den USA und Asien ist Energie um ein Vielfaches günstiger. Erdgas etwa kostet für deutsche Firmen derzeit achtmal mehr als für ihre Wettbewerber in den Vereinigten Staaten. Inklusive Steuern und Abgaben unterscheiden sich die Preise zwischen Deutschland und den USA sogar um den Faktor neun, rechnet Christof Bauer, Energieexperte der TU Darmstadt, vor. Allein die Umlagen wie Konzessionsabgaben und Netzentgelte, zu denen im Oktober noch die neue Gasumlage kommt, seien fast so hoch wie der gesamte Gaspreis in den USA. Nun rächt sich die verfehlte Energiepolitik von 16 Jahren Merkel – und gefährdet die Zukunft ganzer Industrien.

»Was jetzt an wettbewerbsfähigere Regionen wie die USA verloren geht, wird nicht zurückkommen«

„Heute wissen alle, dass der gleichzeitige Ausstieg aus Kernkraft und Kohle, kombiniert mit einer halbherzigen Energiewende und einer blauäugig immer weiter verstärkten Abhängigkeit von russischen Energielieferungen, ein toxisches Gemisch gewesen ist“, schreibt Matthias Zachert, Chef des Spezialchemie-Konzerns Lanxess, in einem aktuellen Gastbeitrag für das „Handelsblatt“.

„Bleiben die deutschen Energiepreise auf dem derzeitigen Niveau, dann werden wir erleben, dass reihenweise Betriebe in deutschen Schlüsselindustrien schließen“, prognostiziert der Manager. Besonders bedrohlich: „Was jetzt an wettbewerbsfähigere Regionen wie die USA verloren geht, wird nicht zurückkommen“, ist Zachert überzeugt. Eine Deindustrialisierung in Deutschland und Europa ist in seinen Augen nicht länger nur ein Schreckgespenst, sondern eine sehr reale Gefahr.

Die Industrie steht im perfekten Sturm, analysiert Zachert. Dieser speise sich aus den Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, aber auch aus hausgemachten Defiziten. „Durch den Krieg sind die Zweifel zur Gewissheit geworden, dass es kein Zurück mehr zum Status quo ante geben wird.“

Deutschland leidet am stärksten unter der lahmenden Globalisierung

Verstärkt wird dieses Problem durch die extreme Abhängigkeit Deutschlands vom Außenhandel. Der Anteil der Im- und Exporte in Bezug auf die Gesamtwirtschaft liegt mit 80 Prozent so hoch wie bei keinem anderen großen Industrieland. Die Folge: Deutschland leidet am stärksten unter der stockenden Globalisierung und der Verschiebung der Handelsströme – abzulesen am Wirtschaftswachstum, das hierzulande im zweiten Quartal so schwach ausfiel wie nirgendwo sonst im Europa.

Derweil lassen Kanzler Olaf Scholz und sein Kabinett nicht nur ihre Wähler in dieser Phase allein. Noch zählt die deutsche Industrie in vielen Bereichen als internationaler Technologieführer. „Aber sie kann beim besten Willen kaum Schritt halten mit dem Tempo, in dem bürokratische Auflagen und Umweltvorgaben verschärft werden“, gibt Lanxess-Chef Zachert zu bedenken. „Diese Politik ignoriert, wie gut die Industrie potenzielle Gefahren im Griff hat.“

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Bild: Shutterstock
Text: reitschuster.de

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