Die Flamme brennt nicht mehr Der politische Wandel in der Medizin: Ein Erfahrungsbericht

Ein Gastbeitrag von Dr. med. Friederike Kleinfeld

„Ich habe Medizin studiert, und keine Politik“, war morgens um 7:30 Uhr auf der Intensivstation meine Antwort auf die Frage, warum ich mit meiner Kaffeetasse auf dem Flur vor dem Ärztezimmer stand, anstelle mich drinnen an der politischen Debatte um Patientenverlegungen zu beteiligen. Klar, die Medizin ist nie frei von politischen Einflüssen gewesen, das will ich nicht abstreiten. Doch mit Corona kamen diese politischen Debatten um Stationsbelegungen, Patienten-Beatmungstage und Therapie-Eskalationen auf einmal täglich, und schienen das Tagesgeschehen wesentlich zu beeinflussen.

Noch bevor Corona in Deutschland ankam, erschien pünktlich zur ärztlichen Visite auf der Intensivstation morgens regelmäßig eine Mitarbeiterin des Managements, die uns erklären wollte, wie wir die Beatmungstage für die intubierten Patienten optimal managen sollten. Ihr Fazit: Sollte es „egal“ sein, ob wir einen Patienten am Tag X extubierten und ihn wieder spontan atmen ließen, oder am Tag X+1 – also einen Tag später – dann sollten wir doch bitte den Tag X+1 wählen, da dies für das Haus einen wirtschaftlichen Vorteil ausmache.

Jeder Mediziner weiß: Der Zeitpunkt der Extubation eines Patienten ist nicht „egal“. Je länger ein Tubus im Hals einen Patienten liegt, desto größer ist die Gefahr, dass über diesen Tubus Keime von außen in die Lunge krabbeln, mit dem Resultat einer Lungenentzündung. Sobald ein Patient also extubiert werden könnte, sollte man das tun. Das ist nicht egal.

Verlegungspolitischer Patient

Die Dame vom Management wiederholte ihr Anliegen so oft, bis wir ihr klarmachten, dass wir weiterhin medizinische Indikationen für den Extubationszeitpunkt bevorzugen würden.

In einem meiner Dienste entdeckte ich dann die „heilige Beatmungstabelle“ im Pflegedienstraum – eine Tabelle, in der der pro Beatmungstag aufgeführte Gewinn für das Krankenhaus aufgelistet war. Ich traute meinen Augen nicht. Ein Pfleger erklärte mir mit sarkastischem Unterton, dass „dieses Sakrament für das Haus heiliger als die Bibel“ sei.

Als dann Corona kam, haben wir uns auf das Schlimmste vorbereitet. Es wurden Intensivbetten freigehalten, die täglich mit einer guten Summe Geld bezahlt und nicht benutzt wurden, für den Notfall, wenn der Seuchenausbruch kommt. Die ersten Tage in den Behandlungszimmern der Covid-Intensivpatienten haben wir uns gefühlt wie Todgeweihte. Nach jeder längeren Behandlung haben wir auf der Arbeit heiß geduscht, um den Virentransport an die Außenwelt gering zu halten.

PürnerWir gewöhnten uns also an diese isolierten Zimmer und feierten Erfolge, wenn Patienten in Reha gehen konnten. Dann kamen neue Auflagen, dass die Intensivstation täglich mindestens zu 75 Prozent belegt sein müsse. Das Haus würde Bonuszahlungen erhalten. Der Wechsel, und damit der „verlegungspolitische Patient“, kam schnell. Das oberste Ziel war es nun, die Intensivstation zu 75 Prozent zu belegen. Dies würden der Chefarztdirektor und der kaufmännische Direktor persönlich kontrollieren. Welche Patienten auf der Intensivstation lagen, wurde nicht kontrolliert. De facto wurden, wenn die Intensivstation noch nicht voll genug belegt war, Patienten, die ein neues Knie bekommen oder eine andere „einfache“ OP hinter sich hatten, kurz für eine Nacht auf Intensiv gelegt, um die Quote zu erfüllen, um das Geld zu bekommen. Der „verlegungspolitische Patient“ war von nun an täglich präsent.

Kurz darauf hörte ich im Radio, dass in ganz Deutschland die Intensivstationen voll wären und sogar überliefen, dass wir Mediziner mit dem Rücken zur Wand stünden. Ich musste lachen. Eigentlich hätte ich weinen können, aber seit zwei Jahren lache ich lieber über Nachrichten dieser Art. Dieses Szenario war, zumindest in meinem Umfeld, künstlich geschaffen worden, und wurde nun benutzt, um in der Bevölkerung Panik zu stimulieren.

Nicht nur in meinem Haus erfolgte gewinnorientierte Behandlung. Eine Freundin berichtete, dass an ihrem Krankenhaus ein junger Patient aus dem künstlichen Koma nach Covid wieder aufgewacht sei. Einen Tag zu früh für die Beatmungstabelle: Er wurde wieder schlafen gelegt, ohne dass es dafür eine medizinische Indikation gegeben hätte.

Auch die Behandlung von individuellen Personen änderte sich. Es war schon immer ein Unterschied gewesen, ob Patienten privat oder gesetzlich versichert waren. Die „Privaten“ hatten einen angenehmen Vorteil mit Chefarztbehandlung; die „Gesetzlichen“ wurden trotzdem gut versorgt.

Mit Corona habe ich einen Wandel erlebt. An dem Haus, an dem ich arbeitete, haben Corona-Intensivpatienten bei Lungenversagen nur noch als Privatpatienten eine Herz-Lungen-Maschine bekommen; die gesetzlich Versicherten, wie ein 42 Jahre alter Familienvater, nicht mehr. Dieser Familienvater ist verstorben, ohne die Chance auf eine Herz-Lungen-Maschine zu haben. Es war zu teuer.

'Einfach Corona reinschreiben'

Das Ausfüllen von Totenscheinen ist für Assistenzärzte oft eine Herausforderung. Das notwendige Durchschreibeverfahren ist auf den ersten Blick kompliziert und es muss alles nach bestem Wissen und Gewissen korrekt ausgefüllt werden. Auch das veränderte sich mit Covid: Plötzlich war der Spruch „einfach Corona reinschreiben“ ein Running Gag unter den Assistenten. Denn sobald Corona im Totenschein stand, waren alle Oberen zufrieden. So erlebte ich, dass Patienten, die Covid-positiv waren, aber an einem Herzinfarkt oder einer Blutung verstorben waren, auf dem Totenschein dennoch Corona als Todesursache bescheinigt bekommen haben. Von oben war es so gewollt, von unten dankend angenommen, weil dann keine Fehler gemacht wurden.

Ein guter Kollege sagt mir immer, als Laie könne er nicht viel anderes tun, als den Experten zu glauben. Damit meint er richtige Experten wie Christian Drosten oder das RKI. Er sagt, dort sitzen Fachleute und die wissen, was sie tun. Ich wünschte, ich könnte ihm Recht geben.

Unterdrückung des Immunsystems

Ich habe in den letzten zwei Jahren erfahren, wie sehr Menschen ihr Verhalten ändern, wenn sie dafür Geld bekommen. Je mehr Geld, desto besser. Und ich weiß nicht, welche Tabellen in den Dienstzimmern von Christian Drosten oder Lothar Wieler hängen, nach denen sie arbeiten. Ich weiß aber, dass sowohl mein gesunder Menschenverstand als auch mein medizinisches Fachwissen mir sagen, dass die seit zwei Jahren geführte, sich in die Medizin ausbreitende Politik nicht dem Wohle unserer Gesellschaft dient. Ginge es um das Wohl unserer Gesundheit, wieso wurde nie Wert darauf gelegt, dass Menschen Vitamin D zu sich nehmen, obwohl es viele Studien gibt, die belegen, dass Vitamin D eine große Rolle für unser Immunsystem, für die Abwehr von Corona-Viren spielt? Wieso haben wir keine Vitamin-D-Spiegel bestimmt oder ein Vitamin-D-Zertifikat erhalten?

Wenn es um Gesundheit geht und wir ein starkes Immunsystem haben sollen, wieso wurden wir als Bevölkerung eingesperrt? Ein Immunsystem möchte trainieren, am besten täglich. Das erfolgt aber nur durch den Kontakt mit Mitmenschen. Und dieser Kontakt wurde uns im Lockdown verboten. Des Weiteren hat die Lockdown-Situation für uns Stress bedeutet. Cortisol, ein Hormon, was bei Stress chronisch erhöht ist, unterdrückt das Immunsystem. Deshalb werden auch viele Leute krank, wenn die Ferien anfangen: Der Cortisol-Spiegel geht dann runter.

Wie kann es sein, dass wir für unsere eigene Gesundheit von Lockdown zu Lockdown kriechen mussten und dadurch Stress erlitten haben – also einen erhöhten Cortisol-Spiegel hatten – mit dem Resultat, unser Immunsystem eher zu unterdrücken als zu stärken, und uns dazu das „Training“ mit Keimen von anderen Menschen, die wir nicht sehen durften, ganz zu verbieten?

Mein Kollege sagt, die Politiker wollen die Pandemie möglichst schonend gestalten und sie seien ja auch nur Menschen. Sie wollten die nächsten Wahlen gewinnen.

Natürlich sind sie Menschen. Menschen, die viele Berater haben. Menschen, die uns perfekt vermitteln könnten, wie wir unsere Gesundheit stärken. Wenn sie wollten.

Ich habe mal Medizin studiert, weil ich meiner Arbeit einen Sinn geben wollte. Ich habe für meine Arbeit gebrannt. Jetzt sehe ich täglich Geld, Macht und Missbrauch. Die Flamme brennt nicht mehr.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen, und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Dr. med. Friederike Kleinfeld arbeitet als Ärztin in der Anästhesie und Intensivmedizin, und hat 1,5 Jahre lang Covid-Patienten auf Intensivstation betreut. Ihre Doktorarbeit hat Frau Kleinfeld in der Mikrobiologie geschrieben. Hier schreibt sie unter Pseudonym.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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