Entspannung – nimmer, Panikmache – immer Der tiefe Spalt zwischen Untergangsszenario und dem tatsächlichen Coronageschehen

Ein Gastbeitrag von Vera Lengsfeld

Das durfte in der neuen Bundesregierung natürlich nicht fehlen: Ein Gremium von Wissenschaftlern, nach deren Stellungnahmen die Regierung erklären kann, sie folge nur der Wissenschaft. Die Scholz-Ampel hat sich für den weiteren Fortgang des Umgangs mit Sars-CoV-2 genau ein solches Gremium handverlesen: 19 Wissenschaftler mit Expertise in Virologie, Immunologie, Modellierung, Medizinethik, auch Kinder- und Jugendmedizin, aber vor allem auch praktischerweise Experten für Psychologie, Gesundheitskommunikation und kognitive Risikowahrnehmung.

Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien das Gremium zusammengestellt wurde, mit Christian Drosten, dem medial mächtig unter Druck gesetzten Leiter der STIKO, dem RKI-Leiter Lothar Wieler und Hendrik Streeck aus NRW sind einige der bekannten Gesichter der deutschen Corona-Dauerlage dabei. Eine leichte Charité-Lastigkeit fällt auf, aber natürlich ist diese führende deutsche Medizininstitution in Berlin auch sehr nah am politisch-medialen Betrieb. Lesen Sie hier, wer mit welchem Hintergrund in diesem Beratergremium sitzt.

Und natürlich wollen Berater beraten, dafür wurden sie schließlich berufen.

Und so haben wir seit Sonntagabend die erste Stellungnahme dieses illustren Gremiums auf dem Tisch. Einstimmig verabschiedet, wie stolz verkündet wurde. Und der Hinweis ist wohl nötig, angesichts des Inhalts, der es absolut in sich hat.

Auch hier liefere ich den kompletten Text zum Nachlesen mit.

In der Einleitung wird die deutsche Öffentlichkeit vor einer wahrgenommenen Entspannung gewarnt.

Und dann wird ganz tief in die Panikmache-Kiste gegriffen: Soll bloß keiner denken, dass eine Omikron-Varianten-Infektion vielleicht einen milderen Verlauf hat und wir damit letztlich, auch über die Infektion von Geimpften und Genesenen aus dem pandemischen in den endemischen Zustand wechseln, wie es Frau Prof. Eckerle aus der Schweiz am 11. Dezember in einem beachtenswerten Thread auf Twitter dargelegt hat.

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Der Expertenrat schlägt ganz andere Töne an: Omnikron „bringt eine neue Dimension in das Pandemiegeschehen“. Nachbarstaaten ergriffen teils drastische Maßnahmen, London ist ein Hotspot. Boostern verbessert Impfschutz, aber die Impflücke sei in Deutschland zu groß.

Ist dies, mal wieder, ein sehr düsteres Szenario, gespickt mit Lobpreisungen für die momentane politische Linie (Boostern als Allheilmittel, Anprangern von Ungeimpften als Schuldverschiebung), so ist die Modellierung sehr reißerisch und leitet direkt über zum eigentlichen Kracher im nächsten Absatz: Jetzt sei Deutschlands kritische Infrastruktur (KRITIS) im Risiko: Originalton Expertengremium: „Hierzu gehören unter anderem Krankenhäuser, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Telekommunikation, Strom- und Wasserversorgung und die entsprechende Logistik.“

Lies: Nach monatelangen Dauerwarnungen zu den Intensivstationen und dem Gesundheitssystem wird jetzt die gesamte Gesellschaft in Gefahr geredet.

Wohlgemerkt: Ich weiß nicht genau, wie und nach welchen Kriterien das Expertengremium zusammengestellt wurde, es sieht aber definitiv nicht so aus, dass es auch nur eine Fachperson zum Thema Erhalt und Sicherung kritischer Infrastruktur, wie z.B. Telekommunikation, Strom- und Wasserversorgung enthält.

Kann es sein, dass sich die Virologen, Immunologen, Modellierer und Risikopsychologen hier massiv vergaloppiert haben? Oder soll hier schon mal davon abgelenkt werden, dass es katastrophale Folgen haben könnte, dass mitten in einer sich abzeichnenden Energiekrise am Ende des Jahres 3 Atomkraft- und 11 Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, die Gasspeicher aber fast leer sind?

Die einzige tatsächliche Brücke, die zwischen dem Untergangsszenario und dem tatsächlichen Coronageschehen in Deutschland besteht, ist der Satz, der offenbar auf Modellierungen zurückgeht: „Sollte sich die Ausbreitung der Omikron-Variante in Deutschland so fortsetzen, wäre ein relevanter Teil der Bevölkerung zeitgleich erkrankt und/oder in Quarantäne.“

Es ist wirklich zum Haareraufen: Man muss nun wirklich kein Experte für kritische Infrastruktur sein um zu erkennen, dass dieses Horrorszenario nur dann tatsächlich zu einer echten Belastung/Bedrohung werden würde, wenn die Ausbreitung hoch und die Krankheitsverläufe sehr schwerwiegend wären.

Aber das Beratergremium malt nicht nur Horrorszenarien, sondern liefert gleich auch die Vorschläge für die Politik: „Laut der mathematischen Modelle können eine Überlastung des Gesundheitssystems und die Einschränkung der kritischen Infrastruktur nur zusammen mit starken Kontaktreduktionen eingedämmt werden.“ Ganz nebenbei steht in diesem Satz nur etwas von „Einschränkung der kritischen Infrastruktur“ – ein Umstand der ja in Deutschland auch ohne Pandemie fast schon ein Normalzustand geworden ist, Stichwort Funklöcher, Netzausfälle, Bahn- und Nahverkehrseinschränkungen usw.

Abgerundet wird diese „Erste Stellungnahme“ durch Handlungsvorschläge an die Politik (ich habe mir erlaubt, einige Worte hervorzuheben):

„Aus dem geschilderten Szenario ergibt sich Handlungsbedarf bereits für die kommenden Tage. Wirksame bundesweit abgestimmte Gegenmaßnahmen zur Kontrolle des Infektionsgeschehens sind vorzubereiten, insbesondere gut geplante und gut kommunizierte Kontaktbeschränkungen.“

Fast möchte man der deutschen Politik gratulieren: Ein Teil der „kommenden Tage“ ist ja schon vorbei, ohne dass der Politikbetrieb in „gut geplante und gut kommunizierte Kontaktbeschränkungen“ gegangen wäre oder diese vorbereitet.

Dann ergeht sich der Expertenrat in Lobeshymnen zu den momentanen Maßnahmen, die „noch stringenter“ betrieben werden müssen. Ganz nebenbei wird das elende Maskentragen noch mal geadelt: „das konsequente, bevorzugte Tragen von FFP2-Masken, insbesondere (sic!) in Innenbereichen.“

Der letzte Absatz ist dem Ausblick gewidmet.

„Der Expertenrat erwartet für die kommenden Wochen und Monate enorme Herausforderungen, die ein gemeinsames und zeitnahes Handeln aller erfordern.“

Schöner Nebeneffekt: Wenn in den kommenden Monaten „enorme Herausforderungen“ warten, ist natürlich eine Sache (neben der Staubmaske, insbesondere in Innenräumen) unabdingbar: Die Weiterführung des Expertengremiums!

Einige nachdenklichere Sätze enthält der letzte Abschnitt auch (oder ist es eher eine Absicherung der Wissenschaft gegenüber einer wieder versagenden Follow-the-science-Politik?): „Neben dem konsequenten Handeln ist stringentes Erklären entscheidend.“ Oder ist dies auch eine eher vergiftete Nachdenklichkeit? Eines fällt jedenfalls auf: Der letzte Satz der ersten Stellungnahme des Expertengremiums Corona der neuen Bundesregierung kommt völlig ohne ein „gemeinsam“ aus:

„Die Omikronwelle lässt sich in dieser hochdynamischen Lage nur durch entschlossenes und nachhaltiges politisches Handeln bewältigen.“

Gemeinsame Anstrengungen waren Delta – jetzt gibt es gleich eine ungefilterte Aufforderung der Berater an ihre Regierung hart gegen die Bevölkerung durchzugreifen.

Zu dieser Art von Politik- und Medienberatung fällt mir wirklich nichts mehr ein. Lassen wir einfach das Dokument für sich sprechen:

„Zustimmung im Expertenrat: 19 von 19“.

Nachtrag:

Frau Prof. Eckerle, die ja in der Schweiz arbeitet, hat nach ihrem Thread zunächst verkündet, dass sie auf Grund der massiven Reaktionen (diesmal ganz klar von der „Follow-the-science“-Fraktion, die halt auch gerne mal eine Wissenschaftlerin nach vorne treibt, damit man ihr dann besser „folgen“ kann) eine „Twitterpause“ benötige, die dann aber nicht wirklich eintrat, sondern eher durch einen auffälligen Schwenk auf Linie des Expertenrats gekennzeichnet war. Und dem mehr oder weniger offensichtlichen Versuch, die Botschaft ihrer ersten Analyse irgendwie wieder wegzureden…


Dieser Artikel ist zuerst auf achgut.com erschienen.

Vera Lengsfeld, geboren 1952 in Thüringen, ist eine Politikerin und Publizistin. Sie war Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Von 1990 bis 2005 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages, zunächst bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, ab 1996 für die CDU. Seitdem betätigt sie sich als freischaffende Autorin. 2008 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. Sie betreibt einen Blog, den ich sehr empfehle. Sie finden ihn hier.

Bild: Zapp2Photo, Shutterstock
Text: Gast

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