Flammender Appell von Chef-Kinderarzt gegen Schulschließungen Mediziner spricht Klartext

Mit einem kritischen Video und einem flammenden Appell, die Schulen nicht zu schließen, hat Sven Armbrust, der Chef der Neubrandenburger Kinderklinik, deutschlandweit für Wirbel gesorgt. Binnen weniger Tage haben Hunderttausende seinen Corona-Vortrag bei einer Veranstaltung des Kreiselternrates angesehen. Kinder seien keine Treiber der Pandemie, so eine seiner Kernthesen. Und sowohl Masken als auch Tests würden vor allem an Grundschulen mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen, so Armbrust. Gestützt auf Daten, Studien und Erfahrungen aus seiner Berufspraxis in der Klinik, gab der Mediziner in dem Streifen seine ganz persönlichen Ratschläge. Dazu, wie man an Schulen am besten mit Corona umgeht. Armbrust sparte auch nicht mit Kritik daran, wie die Politik in der Krise agiert. Anzusehen ist das Video hier:

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Nach seinem Video wurde der Mediziner heftig attackiert. In einem Interview mit dem „Nordkurier“ holte er jetzt zur Gegenattacke aus. Die Regionalzeitung aus Neubrandenburg fällt nicht zuletzt jetzt in der Krise dadurch auf, dass sie Journalismus vom Feinsten betreibt statt Framing und ausgewogen und kritisch berichtet – so wie man sich das von vielen anderen Medien vergebens wünscht.

„Das Echo ist gewaltig. In den sozialen Netzwerken verteilte sich das Video wie ein Lauffeuer – nicht immer zur Freude des Kinderarztes“, schreibt die Zeitung: „Während auch renommierte Forscher wie der Virologe Klaus Stöhr auf Armbrust verwiesen, kursieren willkürliche Aus- und Zusammenschnitte des Videos auch in Kreisen von Verschwörungstheoretikern.“ Armbrust fühlt sich hier missbräuchlich zitiert und prüft laut Nordkurier auch juristische Schritte.

Von Kollegen gab es dem Bericht zufolge viel Lob für den Kinderarzt. Aber auch heftige Angriffe. Der Greifswalder Kindermediziner Dr. Andreas Michel, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in MV (BVKJ) sprach angesichts von Armbrusts Aussagen von „Wahnsinn”. Er prognostizierte, dass eine dritte Corona-Welle maßgeblich von Kindern ausgehen könne und verwies auf vier positive Tests bei Kindergartenkindern in seiner eigenen Praxis. Wie er daraus Verallgemeinerungen ableitet, blieb jedoch nicht schlüssig. Michel verwies darauf, dass auch Kinder von schweren Verläufen der Covid19-Erkrankung betroffen sein könnten. Auch das ist unbestritten. Blickt man aber in die Zahlen von „Statista“, so sieht man, dass in Deutschland seit Beginn der Pandemie acht Kinder im Alter von unter 10 Jahren verstorben sind. Bei den 10- bis 19-Jährigen sind es drei. Das heißt, insgesamt sind 11 Kinder und Jugendliche an oder mit Corona gestorben. So tragisch jeder einzelne Fall ist – statistisch ist das nicht relevant. (Stand: 23. März 2021)

Kein Anstieg

Klinik-Chef Armbrust widersprach seinem Kollegen im Interview mit dem Nordkurier denn auch entschieden. Auf Basis der vorliegenden Studien und Daten könne er Michels Position nicht nachvollziehen und bleibe bei seiner Einschätzung, so der Chefarzt: „Wir sehen keinen Anstieg von schwer erkrankten Kindern in den Kinderkliniken.” Er räumt ein, dass die Zahl der gemeldeten Infektionen zuletzt gestiegen sei. Das sei aber auch darauf zurückzuführen, dass seit zwei Wochen eine Massen-Test-Strategie an Schulen im Land ausgerollt werde.

In seinem Vortrag hatte Armbrust gewarnt, man dürfe sich von der „Macht der kleinen Zahlen” nicht täuschen lassen. Trotz massiv gesteigerter Testzahlen seien im Kreis Mecklenburgische Seenplatte in den vergangenen zwei Wochen gerade einmal 15 Kinder positiv getestet worden, so der Arzt im Nordkurier: „Ein einzelner positiver Test gibt aber keine Auskunft über die Infektiosität des einzelnen Betroffenen. Weder ist es, meines Wissens, in den letzten zwei Wochen im Zusammenhang mit Schulkindern zu einem relevanten Cluster oder einem daraus resultierenden Hotspot an den Schulen oder in einer bestimmten Region in Mecklenburg-Vorpommern gekommen.” Die verwendeten Schnelltests können laut dem Chefarzt zwar dazu beitragen, dass solche Cluster erkannt werden, doch selbst das Robert-Koch-Institut (RKI) verweist auf ihre geringe Aussagekraft für den Einzelfall. „… wenn unter den Getesteten nur wenige Personen tatsächlich infiziert sind, dann sind positive Testresultate unzuverlässig”, heißt es in einem Papier des Instituts.

Armbrust beharrt in dem Zeitungsinterview auf seiner Meinung, dass Grundschulen im Präsenzunterricht bleiben sollten. Und zwar ohne Zwang zur Maske und ohne Massentests. „Aufgrund der weiterhin geringen Inzidenz von Corona-positiven Kindern, bezogen auf die Gesamtzahl der Kinder in Mecklenburg-Vorpommern, ist damit zu rechnen, dass viele Kinder ohne Not falsch positiv getestet werden. Mit den entsprechenden Konsequenzen: Absonderung, Quarantänisierung und nachfolgend auch Stigmatisierung. Die Auswirkungen dieser Konsequenzen sehe ich in meiner Klinik täglich”, sagte Armbrust dem Nordkurier.

Sollte die Politik dennoch an ihrer Strategie mit Massentests festhalten, müssten Eltern die Möglichkeit erhalten, ihre Kinder zu Hause zu testen, damit es nicht sofort in der ganzen Klasse bekannt werde, wenn bei jemandem der Test positiv ausfalle. Da bei Schnelltests 50 Prozent der positiven Ergebnisse falsch ausfallen, wie RKI-Chef Wieler am Freitag auf der Bundespressekonferenz auf meine Frage hin einräumte, müsste nach Ansicht von Armbrust nach einem positiven Schnelltest schnellstmöglich ein PCR-Test folgen, „um ein sicheres Ergebnis zu haben, damit das Kind bei Negativtestung am nächsten Tag sofort wieder die Schule besuchen kann.” Aus den Reaktionen von Eltern wisse er aber, so Armbrust zum Nordkurier, dass dies nicht klappe.


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Bild: eMVau100/Screenshot/Youtube
Text: br

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