Furcht, Fakenews und Affenpocken Ein Paradebeispiel für kopflosen Klickbait-Journalismus

Ein Gastbeitrag von Aaron Clark

„Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.“ Ob dieses weltbekannte Zitat tatsächlich von Mark Twain stammt, darüber sollen sich meinetwegen die Gelehrten streiten. Die Erkenntnis, dass sich Gerüchte und Lügen viel schneller verbreiten, als die sie widerlegenden Wahrheiten, ist schon sehr alt und wird uns insbesondere dieser Tage mit Nachdruck vor Augen geführt. Und ob nun Mark Twain oder Jonathan Swift: Es gibt wohl kaum eine treffendere Beschreibung für die jüngste Perle aus dem Saustall der klickgeilen Reproduktions-Presse.

Die ungute Mischung aus Kurzlebigkeit und Sensationsgeiferei

Heute ist es leider Usus, dass sich Journalisten überall auf der Welt ihre Brötchen damit verdienen, Geschichten voneinander abzuschreiben. Dabei scheint oft viel weniger eine Rolle zu spielen, dass die Geschichte gründlich recherchiert und inhärent schlüssig ist, als dass man vor allen anderen der Erste ist, der seine Leserschaft mit einer Nachricht beglücken (oder was auch immer) kann. Das geht vom einfachen Wiedergeben von Agenturmeldungen über das talentlose Abklatschen bereits veröffentlichter Artikel und gipfelt hin und wieder in einem Fall wie der hier vorliegenden offensichtlich ungeprüften Verarbeitung eines hanebüchenen Twitter-Tumults – die angesichts der Abfolge der Geschehnisse und der Anzahl der Abschreiber ein deutliches Armutszeugnis darstellt, insbesondere wenn sich die Geschichte dermaßen rasant als „Ente“ entpuppt.

Next Exit US Affenpocken

Nachdem die WHO die Affenpocken-Ausbrüche vor gut zwei Wochen zur internationalen Notlage erklärte und die USA diesbezüglich unlängst den nationalen Notstand verhängt hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis im Fahrwasser der medialen Corona-Hysterie die ersten pockennarbigen Hiobsbotschaften über uns hereinbrechen würden. Und so dauerte es auch nicht lange, bis die spanische Huffington Post am letzten Julitag auf ihrem Internetportal einen Aufmacher mit dem Titel „Ein Arzt erzählt, was er in der Madrider Metro gesehen hat, und seine Botschaft wird immer weiter verbreitet“ veröffentlichte.

Was war passiert? Der nach eigenen Angaben 32-jährige Chirurg Arturo Henriques postete einen Tag zuvor auf seinem mittlerweile geschützten Twitter-Account seine Erinnerung an eine zwei Wochen zurückliegende U-Bahnfahrt in der spanischen Hauptstadt. Nach den einleitenden Worten „Ich habe nicht daran gedacht, irgendetwas darüber zu sagen, aber da sie nur uns die Schuld geben wollen … Nun, ich erzähle die Geschichte dieses Fotos …“ – bei denen jeder kritische Journalist bereits hellhörig werden müsste, denn augenscheinlich ist Henriques homosexuell und hat neben einem arg verspätet auftretenden Interesse an der öffentlichen Gesundheit vor allem sehr persönliche Motive für diese Berichterstattung – erzählt er von der Begegnung mit einem jungen Mann in der U-Bahn, dessen Haut von oben bis unten mit kleinen Läsionen bedeckt war. In der Überzeugung, dass es sich dabei um die Affenpocken handeln muss, konfrontiert Henriques den jungen Mann mit der Aufforderung nach Quarantänisierung, der jedoch zu Henriques Verblüffung antwortet, dass er um seine Affenpocken-Infektion wüsste und laut Aussage seines Arztes mit einem Mund-Nasen-Schutz ausreichend für den Schutz seiner Mitreisenden sorgen würde. Auf Henriques‘ Einlassung hin, dass der junge Mann vielleicht nicht alle Anweisungen seines Arztes richtig verstanden hätte, versichert dieser, dass er seine Verletzungen ja nicht berühre und somit für niemanden eine Gefahr darstelle. Auch eine nahe sitzende Mitreisende, die von Henriques angesprochen wird, beschwichtigt anhand seiner Darstellung mit dem Argument, dass es „laut Regierung die Schwulen seien, die auf sich selbst aufpassen müssten“. Henriques beendet seinen Tweet mit der Bemerkung: „Ich kam an meinem Ziel an und hörte auf zu kämpfen.“ Vermutlich ist hier seine Endstation gemeint – ein Hoch auf die Polysemie.

Dem Ausbruch auf Twitter folgen die Fakenews in etablierten Medien

Henriques‘ Tweet löst erwartungsgemäß ein Feuerwerk auf Twitter aus. Die spanische Version und ihre englische Übersetzung werden in den nächsten 72 Stunden jeweils über 100.000 Mal geliked, und unter den amüsantesten der Kommentare finden sich intellektuelle Glanzstücke wie „Zwei Ereignisse am gleichen Tag: Erstens: Spanien meldet den ersten Todesfall aufgrund von Affenpocken. Zweitens: Ein positiver Affenpocken-Fall in der Madrider Metro. Wir haben nichts dazugelernt!“ von „ZeroCovidZoe“ – die diesen Fall zu allem Überfluss in einem späteren Tweet als „bestätigt“ bezeichnet – oder „Wir werden genau das bekommen, was wir (nun ja, sie) verdient haben“ von „Adam“. Dessen Twitter-Account bezeichnenderweise gleich zweimal von den ukrainischen Nationalfarben flankiert wird, und der sich in seiner Profilbeschreibung fragt, „wie die Menschen angesichts von COVID & MAGA die Höhlen verlassen konnten“. Kann man sich nicht besser ausdenken.

Am ersten August greift dann die kostenlose spanische Zeitung „20minutos“, die im Unterschied zur Huffington Post mit etwas über einer Million täglichen Lesern und rund 50 Millionen monatlichen Internetaufrufen deutlich mehr Reichweite hat, die Geschichte auf. Hier werden, abgesehen von einer kurzen Bezugnahme auf Henriques‘ Schilderungen im ersten Absatz, vor allem allgemeine Informationen zur Affenpocken-Infektion präsentiert. Aber jetzt fängt auch im deutschsprachigen Raum die Medienmaschinerie an, sich in Bewegung zu setzen. Gleich am ersten August mit dabei ist der deutsche Business Insider, der in seiner Berichterstattung den obengenannten Umstand, dass zwischen der vermeintlichen Begegnung in der U-Bahn und der Veröffentlichung der Geschichte ganze 15 Tage liegen, mit den Worten „anschließend auf Twitter gepostet“ geflissentlich übergeht. Am gleichen Tag folgen außerdem der „Stern“, der gleich in der Anmoderation das „Ausmaß an Ignoranz“ in den Vordergrund stellt, Euronews und das Schweizer Magazin Blick. Am zweiten August berichten außerdem noch t-online, Nordbayern und Boris Reitschusters ehemaliger Arbeitgeber Focus, letztere berufen sich dabei beide auf die Veröffentlichung im Blick.

Trotz bereits erfolgter Richtigstellung wird weiter auf der Fakenews-Welle geritten

Nun meldet sich jedoch auch der vermeintliche Affenpocken-Hasardeur selbst und bestreitet nicht nur vehement, dass das in den sozialen Medien geschilderte Gespräch in der U-Bahn jemals stattgefunden habe, sondern bekräftigt auch, dass es sich bei seiner Erkrankung nicht um die Affenpocken handele, sondern um eine Neurofibromatose – eine Erbkrankheit, die bestimmte Nerventumoren hervorbringt. „20minutos“ stellt daraufhin die Geschichte noch am zweiten August mit einem neuen Artikel umgehend richtig.

Obwohl von diesem Moment an klar zu sein scheint, dass es sich bei der Geschichte um astreine Fakenews handelt, schafft es RTL noch einen Tag später, einen mit dem in Wahrheit nie getätigten Zitat „Gehen Sie mir nicht auf die Eier“ überschriebenen Artikel in den digitalen Äther zu entlassen und darin zu allem Überfluss von „Zivilcourage“ und „mit Affenpocken fröhlich U-Bahn fahren“ zu fabulieren.

Das Argoperium schlägt zurück

Hier schlägt die Stunde von ArgoNerd: der mittlerweile weit über die Grenzen von Twitter hinaus bekannte Blogger stellt auf seinem Account regelmäßig die kleinen und großen Widersprüchlichkeiten aus Politik und Medien zur Schau. Dabei haben seine Reaktionen, oft in der Form von Collagen oder satirischen Umfragen, längst eine beachtliche Wirkungsmacht erreicht: Unlängst berichtete ich auf meinem Telegram-Kanal von seiner Zusammenstellung tendenziöser Umfragen mehrerer Medienhäuser zum neuen Infektionsschutzgesetz – und wie RTL seine Umfrage daraufhin änderte.

Am dritten August macht ArgoNerd nun insgesamt zehn Redaktionen im In- und Ausland darauf aufmerksam, dass sie einer Lügengeschichte aufgesessen sind und bittet um zeitnahe Löschung – woraufhin sechs der Portale ihre Geschichten noch am gleichen Tag mehr oder minder halbherzig korrigieren oder ganz entfernen. Die Redaktion von Nau.ch zieht am nächsten Tag nach. Lediglich die Geschichten von heute.at, Nordbayern und Focus Online stehen bis zum sechsten August unverändert im Netz. Besonders blamabel dabei für den Focus: Klickt man hier den gleich im ersten Absatz genannten Verweis auf den Blick, findet man dort bereits die mit der Zeile „Gerücht entpuppt sich als Fake“ überschriebene Richtigstellung des Vorgangs.

Fazit: DbddhkPuakMusw

„Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen und auch keine Medizin und so weiter“ – mit dieser Abbreviatur war in meiner Grundschulzeit die Sorte von Leuten gemeint, die trotz eines offenkundigen Hirngespinstes aus welchen Gründen auch immer die Kurve nicht kriegt. Sei es, weil man sich damit mehr Aufmerksamkeit verschafft, wie z. B. „ZeroCovidZoe“, für die der Fall keinesfalls vom Tisch ist: „Um seine Behauptung (dass es nicht die Affenpocken sind) zu untermauern, muss er Beweise liefern.“ Oder weil man so schön die Verantwortung von sich weisen möchte, wie „Ukraine-Adam“: „Lügende Arschlöcher, die eine Pandemie ausnutzen, um sich in den sozialen Medien zu profilieren, sind ekelerregend.“
Kann man sich nicht besser ausdenken. Monkeypox sells.

Was man allerdings tun kann – und was jeder halbwegs ernsthafte Journalist gefälligst tun sollte: sich Zeit nehmen, die Sensation nicht zu hoch hängen, bei der Wahrheit bleiben. Die Reproduktion von Mist gibt nur noch größeren Mist und davon haben wir wahrlich schon genug.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Aaron Clark lebt in Berlin, schreibt unter Pseudonym und ist seit 2020 begeisterter Leser von reitschuster.de. (Das ist kein Eigenlob, genau diese Worte hat er mir als Autorenzeile übermittelt).

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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