Humanitäre Katastrophe in Mariupol Die gravierenden Folgen des Angriffs auf die ukrainische Stadt

Von Ekaterina Quehl
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Während russische Medien darüber berichten, dass das fast vollständig zerstörte Mariupol ins Leben zurückkommt, dass Russen sich um die Stadtbewohner kümmern, dass Lebensmittel und Medikamente in die Stadt geliefert werden, entwickelt sich in der Stadt eine regelrechte ökologische und humanitäre Katastrophe. Nicht nur ukrainische Medien sprechen von den katastrophalen Zuständen in der fast völlig zerstörten Stadt, auch viele Stimmen hier in Europa schlagen Alarm. Ärzte ohne Grenzen schreiben von zerstörter Infrastruktur, vom verseuchten Wasser wegen den geschädigten Wasserleitungssystemen, von der Knappheit an sauberem Wasser, Medikamenten und Lebensmitteln. In der Stadt gibt es so gut wie keine Stromversorgung, aber von den Besatzern werden mobile Bildschirme auf den Straßen installiert, damit Bürger von Mariupol in den Genuss der russischen Nachrichten kommen können. Hinzu kommen völlig kafkaeske Ein- und Ausreise-Bedingungen für Bürger, die Mariupol verlassen wollen bzw. dort etwa ihre Verwandte abholen möchten. Der ukrainische Sender Ukraina24 berichtet davon, dass man für die Einreise in die Stadt und umliegende Dörfer einen Passierschein benötigt. Reist man mit dem Auto ein, benötigt man einen zweiten Passierschein. Für Bewegung von Bezirk zu Bezirk benötigt man einen dritten Passierschein und um Mariupol zu verlassen wird ein vierter benötigt. Aus Sicht des Stadtrates von Mariupol Petr Andrjuschenko ist keine Besserung in Sicht, solange sich die Stadt in der russischen Besatzung befindet. Nadezda Suchorukowa, Journalistin aus Mariupol, deren Berichte ich für Sie schon übersetzt habe, hat auf ihrer Facebook-Seite eine Zusammenfassung der größten Gefahren gepostet, die aktuell der Stadt drohen. Ich habe den Text für Sie übersetzt.

Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine waren die Emissionen zweier metallurgischer Giganten das größte Umweltproblem der Stadt, aber jetzt, nach fast vollständiger Zerstörung der Infrastruktur und Industrie der Stadt durch russische Bomben, zeichnen sich noch viel größere Probleme ab.

Während es bei den Industrieemissionen um deren langfristigen Einfluss auf die Gesundheit und das Leben der Stadtbewohner ging, hat das, was jetzt in Mariupol geschieht, eine viel kurzfristige und sehr gefährliche Wirkung.

Was sind die Hauptgefahren?

Leichen

Leichengift (Ptomain-Verbindungen), Bakterien, Mycobacterium tuberculosis und andere Krankheitserreger, die in das Wassersystem, Flüsse und ins Meer gelangen. Das Problem ist, dass Stadtbewohner viele Verstorbene direkt in den Gärten und Höfen neben den Wasserversorgungssystemen und Wasserleitungen beerdigt haben. Die meisten Gräben sind nicht tief genug, fast an der Oberfläche.

Wenn jetzt die Besatzer versuchen, das Wasserversorgungssystem wegen massiver Schäden wieder in Gang zu bringen, läuft sehr viel Wasser aus und überschwemmt die Straßen. Das Leichengift und andere Schadstoffe aus den Gräbern gelangen somit sowohl ins Leitungswasser als auch ins Meer. Dieses kontaminierte Wasser stellt somit eine direkte Gefahr sowohl für diejenigen dar, die Leitungswasser verwenden werden (wenn es an jemanden gelangen soll), als auch für diejenigen, die mit der kommenden Wärme im Meer baden wollen.

Da in Mariupol schon bald sommerliche Temperaturen kommen werden, werden die Zerfallsprozesse der toten Menschen beschleunigt – nicht nur von denen, die in den Höfen und Gärten begraben sind, sondern auch die der Verstorbenen, die sich immer noch unter den Trümmern zerstörter Häuser befinden. Und sollte es in diesem Jahr solch einen Dauerregen geben wie im letzten, dann drohen Überschwemmungen und das Grundwasser würde kontaminiert sein.

Kanalisation und biologische Kläranlagen

Die meisten Abwasserpumpstationen wurden von den Besatzern in den ersten Tagen der Besatzung der Stadt zerstört. Außerdem ließ der Strommangel jene Pumpen nicht arbeiten, die wie durch ein Wunder unbeschädigt blieben. Die wenigen Abwasserpumpstationen, die nicht beschädigt wurden, sind dennoch nicht funktionsfähig, weil es keinen Strom gibt. Aktuell läuft das Abwasser von selbst in die untersten Stellen – in erster Linie sind es Stellen, wo sich die Abwasserpumpstationen befinden und überflutet werden. Eine vollständige Überflutung der Abwasserpumpstationen wird deren Wiederherstellung unmöglich machen.

Aktuelle Versuche der Besatzer, die Wasserversorgung wiederherzustellen, führen dazu, dass das Wasser aus geschädigten Wasserleitungssystemen mit dem Abwasser aus der Kanalisation vermischen wird und so kontaminiert an die Menschen gelangt.

Die Situation mit den biologischen Kläranlagen ist ebenfalls schrecklich. Erstens wird der größte Teil des Abwassers die Kläranlagen überhaupt nicht erreichen, da Abwasserpumpstationen, die das Abwasser zur Kläranlage gepumpt haben, nicht funktionieren. Und selbst die Abwässer, die die Kläranlage erreichen werden, können höchstwahrscheinlich nicht gereinigt werden, da in der Kläranlage spezieller Torf verwendet wird, der in einem bestimmten Arbeitszustand gehalten werden muss. Aber abgesehen davon, ist es nicht bekannt, ob die gesamte Kläranlage durch den Beschuss nicht geschädigt wurde.

Müll und Abfall

Aktuell wird Müll in der gesamten Stadt nicht abgeholt, er wird einfach neben den Häusern weggeworfen. Ein Teil des Mülls ist bereits durch den Schaden der Wasserleitungssysteme und des Regens überschwemmt. In diesem Müll vermehren sich Krankheitserreger, die auch ins Grundwasser, in Flüsse und ins Meer gelangen. Außerdem bedeuten Müll und Abfall immer Ratten und Kakerlaken. Die übertragen ebenfalls viele gefährliche Krankheiten und sind dadurch gefährlich für Menschen.

Natürliche Wasserquellen

In Mariupol gibt es nur wenige natürliche Wasserquellen. Deren Zustand war schon vor dem Krieg nicht gut, sodass man das Wasser aus diesen Quellen nur geklärt bzw. abgekocht verwenden durfte. Außerdem ist das Quellen-Wasser sehr hart und hat einen erheblichen Bakterienüberschuss. In der jetzigen Situation ist das Wasser aus natürlichen Quellen absolut unbrauchbar, weil es ebenfalls mit Leichengiften und Krankheitserregern kontaminiert sein kann.

Ohne die Möglichkeit, einfachste Hygiene einzuhalten und ohne sauberes Wasser können sich Infektionskrankheiten in den kommenden Wärmemonaten exponentiell ausbreiten. Mangel an Krankenhäusern, Ärzten und Medikamenten verschärft diese Situation noch massiv.

Wegen der aktuellen humanitären Katastrophe suchen Menschen in der Stadt nach Essen. Unter anderem angeln sie. Man muss sich aber bewusst sein, welche Qualität der Fisch hat, wenn er aus kontaminierten Flüssen und Meeren gefangen wird.

Schwermetalle, Chemikalien und Schadstoffe

Während der Kämpfe in Mariupol wurden viele verschiedene Waffen eingesetzt, die sowohl Schwermetalle als auch viele Chemikalien enthalten, die auch durch Regen und das aus den geschädigten Leitungen ausgelaufene Wasser ins Grundwasser, Flüsse und Meer gelangen werden.

Auch Schadstoffe aus geschädigten Industrieanlagen können ins Grundwasser, in Flüsse und ins Meer gelangen. Bei der Bombardierung der beiden metallurgischen Giganten Asowstal und MMK Ilitsch (Metallwerk Mariupol) wurden superschwere Waffen eingesetzt: Marineartillerie, superschwere hochexplosive Bomben „FAB“, Minenräumsysteme, Systeme „Gradov“, „Soncepik“ und andere. Das Risiko, dass der Schutzdamm rund um den Asowstal-Schlackenberg bricht, ist aktuell sehr groß. Der Schutzdamm verhindert, dass (hauptsächlich mit Schwermetallen) kontaminiertes Wasser aus der Absetzanlage ins Meer gelangt. Bisher gibt es keine konkreten Daten über den Zustand des Schutzdamms und eine mögliche Verschmutzung des Meeres.

Beim Beschuss des Stahlwerks Asowstahl wurden auch spezielle Brandprojektile mit Phosphor eingesetzt. Gelangen diese Chemikalien einmal aus der Absetzanlage, so gelangen sie wahrscheinlich auch ins Meer.

Außerdem befinden sich auf dem Territorium beider Werke eine große Menge an Chemikalien, die für Industrie-Prozesse benötigt werden – Säuren, Ammoniak u.s.w. Sind diese Stoffe etwa bereits in Böden und Gewässer gelangt? Das wissen wir nicht.

Nach der ökologischen Katastrophe folgt die humanitäre

Das Ausmaß der ökologischen Katastrophe in Mariupol kann nur schwer eingeschätzt werden. Denn um die wirklichen Folgen dieses katastrophalen Angriffs der Russischen Föderation auf Mariupol zu verstehen, muss man eine umfassende Überprüfung der ökologischen Lage durchführen. Die Russen werden das nicht tun, denn es würde für sie das Sammeln der Beweise ihrer Kriegsverbrechen bedeuten. Solange sich die Stadt unter russischer Besatzung befindet, kann daher niemand eine umfangreiche Einschätzung der Lage geben. Dennoch sind schon die ersten vorläufigen Einschätzungen erschreckend. Nach einer ökologischen Katastrophe kommt unausweichlich eine humanitäre.

Mangel an Trink- und Leitungswasser, fehlende Kanalisation, Mangel an Krankenhäusern, Ärzten und Medikamenten, Hunger – das wird in naher Zukunft zu einer großen Anzahl von Kranken und Toten in Mariupol führen.

Die gesamte zivilisierte Welt sollte alle Anstrengungen unternehmen, um der Ukraine bei der Befreiung von Mariupol zu helfen. Denn während der Besatzung wird sich die Situation nur verschlechtern und Tausende Einwohner von Mariupol, die heute von den Russen in der Stadt als Geiseln gehalten werden, können Opfer von der von Putin verursachten ökologischen und humanitären Krise werden.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Bild: Facebook Nadezda Suchorukowa
Text: eq/Gast
Übersetzung: Ekaterina Quehl

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