„Sie haben in Mariupol alles getötet“ "Wenn wir nicht atmen und uns verstecken würden, würde der Tod uns nicht bemerken"

Nadeschda Suchorukowa ist eine Kollegin der ukrainischen Stadt Mariupol. Bis vor ihrer Evakuierung nach Tschernomorsk befand sie sich dort und schreib über ihr Leben in der von russischen Truppen belagerten Stadt. Ihre Berichte postete sie auf ihrer Facebook-Seite. Mit freundlicher Erlaubnis dürfen wir ihre Texte übersetzt hier veröffentlichen.

Ein Gastbeitrag von Nadeschda Suchorukowa

Wir haben nicht auf die Stimmen der anderen gehört. Wir hörten, wie die Bomben einschlugen. Und wir waren sicher: Es würde bald vorbei sein. Viktor und Lena kamen oft in das Haus an der Osipenko-Straße. Sie hatten drei große Hunde. Es gelang ihnen, eine geschlossene Tierhandlung zu finden, sie zu öffnen und Futter für die Hunde zu besorgen.

Es war keine Plünderung. Es war eine lebenswichtige Rettungsaktion für die Vierbeiner. Der Laden wäre ohnehin bombardiert worden, ebenso die Apotheken. Die Russen haben in Mariupol alles getötet. Sie zerstörten jedes Haus, um dem Leben keine Chance zu geben. Sie haben unsere Illusionen zerstört.

Viktor und Lena kamen zuerst auf die Terrasse. Wir setzten uns dort begannen zuzuhören. Viktors Stimme würde das Pfeifen der Minen überlagern. Seine Nachrichten waren immer schlecht. Sie klangen immer wie ein Verdikt für die Stadt und wir haben versucht, es nicht zu glauben.

Viktor erzählte von den toten Menschen in Tscherjomuschki. Er und Lena haben dort gewohnt. Als es wirklich schlimm wurde, zogen sie ins Zentrum, in das Haus ihrer Eltern. Aus Tscherjomuschki kamen sie zurück, als hätten sie die Hölle besucht.

Sie erzählten von einem Haus, das in den Boden gestürzt war. „Dort stand ein Haus, und es war weg, nur ein riesiges Loch und das war’s. Es sah so aus, als hätte es dort nie ein Haus gegeben.“ Auf ein Mehrfamilienhaus wurde eine Luftbombe abgeworfen. Sie hat das Haus in Grund und Boden gestampft. „Und die Menschen?“, fragte ich. „Sie sind gestorben.“ Viktor hat niemanden bemitleidet und nichts untertrieben. Im Krater, einige Meter tief, befand sich ein großes Grab für die mir unbekannten Menschen aus Mariupol.

Lena und Viktor waren unsere Kriegsnachbarn. Lena erzählte von ihren Hunden. Sie sagte, dass sie unterschiedlich auf Bombenanschläge reagieren. Aber sie suchen sich immer die sicherste Ecke des Hauses aus, bevor es anfängt.

Das Buch, in dem ich – leider – schon 2006 alles vorhersage, in aktualisierter und erweiterter Ausgabe von 2018.

Sie hat nur einmal geweint. An diesem Tag flogen Bomben und Granaten in unsere Straße. Sie saß unter dem Tisch, sagte, dass sie nicht wisse, was als Nächstes passieren werde, dass sie große Angst habe und dass diese Hölle niemals enden werde. Ich hatte auch Angst und wusste nicht, wie ich sie trösten konnte.

Als eine Granate das Dach des Hauses traf, gehörten Lena und Viktor zu den ersten, die zu Hilfe eilten. Damals sind viele Leute gekommen. Sie waren dabei, das Feuer zu löschen, und rundherum fielen Bomben, der Boden bebte, weil die sie ganz nah in die Wohnungen einschlugen, und fast dreißig Menschen taumelten zwischen der Garage und dem Etwas mit dem brennenden Dach und dem schwarzen Rauch.

Dieses Haus hatte keine Zukunft mehr. Man konnte nicht mehr vor der Angst fliehen und glauben, dass es sich um eine Festung handelte, die den Schlägen von Granaten oder schwerer Artillerie standhalten würde. Das Haus hatte alle gerettet und war selbst gestorben. Ich stand in der Garage und sah, wie Menschen Wasser aus einem von Granatsplittern durchlöcherten Gummibecken schleppten. Sie mussten das Feuer stoppen. In der Nähe gab es noch viele weitere Häuser mit Menschen.

In der Nacht zuvor hatte niemand in unserem Haus geschlafen. Sie beschossen die Straßen um es herum. Eine Fliegerbombe fiel auf Lewanewski. Ganz in unserer Nähe. Der Keller, die Räume unter der Treppe, der Flur und das Erdgeschoss – alle Räume waren voll. Achtundzwanzig Menschen lagen dort mit offenen Augen und warteten auf ihr Schicksal.

Wenn es still wurde, begann der älteste Bewohner des Hauses, der auf einer Matratze lag, zu schreien. Er war in seinen Achtzigern und wollte nicht sterben. „Warum ist es so still? Auf wen oder was warten wir? Wir werden alle umgebracht!“ Diese Schreie waren beängstigender als die Stille, denn er sprach die Gedanken aller im Haus aus.

Die Stille ist das Heimtückischste an der Beschießung. Jeder wusste, dass es ein eine Täuschung war. Diejenigen, die uns töten wollten, kamen immer näher, und nach einer fünfminütigen Atempause würde die Hölle los sein. Das würde eine unvorstellbar lange Zeit andauern. Denn die Zeit, in der das Flugzeug brummt, der Boden schwankt und die Luft verschwindet, ist unendlich wie ein schwarzes Loch.

Zwei Kissen über dem Kopf und den Atem anhalten: Ein idiotischeres Verhalten unter Beschuss kann man sich nicht vorstellen. Wenn wir nicht atmen und uns verstecken würden, würde der Tod uns nicht bemerken. Es würde wie im Flug vergehen. Es war so unheimlich, dass ich die Toten beneidet habe. Ich dachte, dass für sie alles schon alles vorbei ist. Sie hören und sehen diesen Albtraum nicht mehr. Sie sind frei und niemand sonst wird sie töten.

In dem Haus mit fast dreißig Bewohnern herrschte während des heftigen Beschusses Totenstille. „Tun sie alle so, als würden sie schlafen?“, dachte ich. Die Leute haben nicht einmal geschrien, als die Artillerie in der Nähe einschlug und Granaten durch das Haus flogen.

Manchmal kam der Besitzer des Hauses aus dem Heizungsraum. Er machte seine Runden, schaute in die Zimmer, unter die Treppe, in den Flur, in den Keller zu den Kindern und sagte nur zwei Worte: „Wartet mal.“ Alle waren erleichtert. Irgendwie schien es, dass die Angriffe jetzt aufhören würden. Und der Morgen würde kommen. Wir halten durch.

Aber am Morgen ging es immer noch weiter. Und am Nachmittag, und am Abend, und in der nächsten Nacht. Wir haben durchgehalten, weil wir keine andere Wahl hatten. Wir wollten am liebsten einfach irgendwohin weg, aber wir konnten es nicht. Und es schien, als würde es ewig dauern.

Diejenigen, die nach uns aus Mariupol kamen, sagten, in der es noch unheimlicher geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, was heißt es, noch unheimlicher. Ich weiß nicht, wie die Menschen in dieser Hölle leben und atmen können und wann dieser unerträgliche Albtraum enden wird. Meine Verwandten, meine Freunde, meine Kollegen, die Fremden von Mariupol bleiben in dieser toten Stadt. Sie haben das Recht zu leben. Sie haben das Recht auf ein normales Leben ohne Krieg. Helfen Sie ihnen, die Sonne und den Frühling zu sehen.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Bild: Facebook Max Grabowski
Text: Gast
Übersetzung: Ekaterina Quehl

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